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Seenotrettung

Sea Eye befürchtet Konsequenzen

Die Seeretter der Regensburger Organisation würden im Notfall ähnlich handeln wie Kapitänin Rackete. Diese kommt wieder frei.
Von Magdalena Hechtel

Das Schiff Alan Kurdi von Sea Eye ist auf dem Weg in Richtung Libyen. Foto: Fabian Heinz/sea-eye.org
Das Schiff Alan Kurdi von Sea Eye ist auf dem Weg in Richtung Libyen. Foto: Fabian Heinz/sea-eye.org

Regensburg.Die Kapitänin der deutschen Hilfsorganisation Sea-Watch, Carola Rackete, kommt wieder frei. Ein italienischer Ermittlungsrichter hob den Hausarrest gegen die 31-Jährige wieder auf, wie die Nachrichtenagentur Ansa am Dienstagabend berichtete. Italiens Innenminister Matteo Salvini erklärte, Rackete solle wegen Gefährdung der nationalen Sicherheit des Landes verwiesen werden.

Nach der Verhaftung von Rackete befürchtete die Regensburger Rettungsorganisation Sea Eye tödliche Konsequenzen für Flüchtlinge, die sich per Boot auf den Weg nach Europa machen.

„Für zivile Seefahrer ist das Verhalten Italiens extrem abschreckend“, erklärt Sea Eye-Gründer Michael Buschheuer gegenüber unserem Medienhaus. Kapitäne von Fischerbooten oder Containerschiffen würden sich nun hüten, in Not geratene Flüchtlinge an Bord zu nehmen, um ihre Existenzgrundlage nicht zu verlieren.

Unerlaubt auf Lampedusa angelegt

Die 31-jährige Carola Rackete war mit dem Rettungsschiff „Sea-Watch 3“ und 40 Migranten an Bord am Wochenende unerlaubt in den Hafen der italienischen Insel Lampedusa gefahren. Dabei berührte sie ein Boot der Finanzpolizei. Die italienische Gesetzgebung sieht für das unerlaubte Einfahren in die Gewässer des Landes Geldstrafen vor.

Michael Buschheuer befürchtet schlimme Konsequenzen für in Seenot geratenen Flüchtlinge. Foto: Daniel Bockwoldt/dpa
Michael Buschheuer befürchtet schlimme Konsequenzen für in Seenot geratenen Flüchtlinge. Foto: Daniel Bockwoldt/dpa

Die Alan Kurdi, das Schiff von Sea Eye, hat am Dienstag die Such- und Rettungszone vor der libyschen Mittelmeerküste erreicht. Ob sich Kapitän und Besatzung vor möglichen Konsequenzen ihres Einsatzes fürchten? „Uns ist bewusst, dass es zu hässlichen Situationen kommen kann“, sagt Buschheuer. „Wir haben Respekt vor den Konsequenzen, aber ich kenne niemanden, der deshalb seine Meinung ändern würde.“ Zu groß sei das Leid, das die Besatzungen vor Ort gesehen hätten.

„Uns ist bewusst, dass es zu hässlichen Szenen kommen kann.“

Michael Buschheuer

Außerdem ist die Situation der Alan Kurdi nicht mit der der Sea Watch 3 zu vergleichen, wie Sea Eye-Sprecherin Carlotta Weibl erklärt. „Unser Schiff ist sehr viel kleiner und die Situation an Bord ist daher noch einmal eine andere. Außerdem trägt unser Schiff die deutsche Flagge. Auch das hat diplomatisch gesehen andere Konsequenzen.“

Italien ließ Lage eskalieren

Die italienische Regierung hat laut Weibl die Lage, in der sich die Sea Watch 3 befand, so lange eskalieren lassen, bis die Kapitänin keine andere Wahl hatte, als unerlaubt auf Lampedusa anzulegen. „Natürlich bevorzugen wir, genau wie alle anderen Organisationen auch, eine schnelle diplomatische Lösung für eine sichere Landung“, sagt Weibl.

Hilfe

„Sea-Eye“ nutzt Bilder aus dem Weltraum

Die Regensburger Flüchtlingsretter wollen Missstände aufdecken. Sie sammeln Beweise mithilfe von Satellitenbildern.

Buschheuer wünscht sich staatliche Seenotrettung

Sea Eye-Gründer Michael Buschheuer geht noch einen Schritt weiter. Er fordert von der Politik die Einführung von staatlichen Seenotrettungsmissionen. „Seenotrettung darf nie die Aufgabe von privaten Organisationen sein“, sagt Buschheuer. „Wir übernehmen eine fremde Aufgabe, weil die EU und Afrika sich wegducken.“

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier kritisierte Italien nach der Festnahme Racketes. „Wir haben hier gerade eine Veränderung in der Debatte. Es wird wieder drüber geredet“, sagte Sea-Watch-Sprecher Ruben Neugebauer in Berlin. Das sei gut. Doch „Worten müssen Taten folgen“, forderte Sea-Watch. Auch die Bundesregierung könne sich nicht ständig hinter ihrer Forderung nach einer europäischen Lösung verstecken.

Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) lehnt es ab, dass Deutschland alleine Bootsmigranten aufnimmt – auch wenn er bei den letzten Notlagen zuletzt mehrfach bereit war, einige der Geretteten nach Deutschland zu holen. Wie zu hören ist, könnte Deutschland ein Dutzend Migranten aufnehmen, Frankreich bis zu zehn, Finnland acht, Portugal fünf. Zudem käme noch Luxemburg als Aufnahmeland infrage. Die Gespräche liefen gestern noch.

Seenotrettung spaltet EU

Die Seenotrettung im Mittelmeer spaltet die EU zutiefst. Seit langem wird über einen Mechanismus zur Verteilung der Bootsflüchtlinge gestritten - ohne Ergebnis, weshalb Italien seit einem Jahr einen rigorosen Abschottungskurs fährt. Innenminister Matteo Salvini hat es besonders auf die Hilfsschiffe abgesehen und will sie aus dem Mittelmeer verbannen. Dafür bekommt er viel Zuspruch. In Deutschland auch – von der AfD.

Carola Rackete steuerte ohne Erlaubnis den Hafen von Lampedusa an. Foto: Till M. Egen/Sea-Watch.org/dpa
Carola Rackete steuerte ohne Erlaubnis den Hafen von Lampedusa an. Foto: Till M. Egen/Sea-Watch.org/dpa

Es gebe eine „komplette Sündenbockpolitik“ in Sachen Migration, sagte Neugebauer. „Im Moment ist es eine überschaubare Zahl. Wir haben eigentlich überhaupt kein Problem mit Migration.“ Zahlen des italienischen Innenministeriums zeigen: 2019 kamen bis zum 2. Juli 2784 Migranten in Italien an, davon im Juni 1223. Im Juni vor zwei Jahren waren es noch 23 526 gewesen.

Kritik an den EU-Staaten

  • Tatenlosigkeit:

    Amnesty International hat den Europäischen Staaten im Drama um die Sea-Watch Tatenlosigkeit vorgeworfen. Das Rettungsschiff „Sea-Watch 3“ habe über zwei Wochen einen sicheren Hafen in Europa gesucht.

  • Amnesty:

    Ein Sprecher von Amnesty erklärte: „Man kann also keineswegs von einer vorschnellen Überreaktion der Kapitänin sprechen. Nicht nur Italien, sondern auch die anderen europäischen Staaten haben mit angeschaut, wie sich die Situation zugespitzt hat.“

Nun gibt es eine Kapitänin, mit der die festgefahrene Debatte ein Gesicht bekommen hat. Plötzlich schnellen die Spenden in die Höhe. Der Aufruf der Fernsehmoderatoren Jan Böhmermann und Klaas Heufer-Umlauf brachte bis gestern Nachmittag mehr als 920 000 Euro ein. Auf einer italienischen Facebook-Seite wurden mehr als 430 000 Euro gesammelt. Zwei islamische Vereine aus Köln sagten 10 000 Euro an Sea-Watch zu.

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