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Spuren in eine längst vergangene Zeit

Zeitzeugen des Ersten Weltkriegs gibt es nicht mehr. Doch wer genau hinhört, kann in die Epoche eintauchen: Erinnerungen an drei Weltkriegssoldaten
Von Maria Gruber, MZ

  • Sterbebilder als Andenken an die Soldaten, die im Ersten Weltkrieg gefallen sind: Neun Millionen Soldaten starben auf den Schlachtfeldern, zwei Millionen davon waren Deutsche. Foto: Gruber
  • Ludwig Speth zeigt auf ein Foto seines Vaters und dessen Brüder. Alle vier waren im Ersten Weltkrieg, der jüngste, Eduard Speth, kehrte nicht mehr zurück. Foto: Gruber
  • Der mehr als 100 Jahre alte Militärpass Ludwig Speths, der abgesehen von dem etwas vergilbten Papier noch voll intakt ist. Foto: Gruber
  • Friedrich Ritter von Raffler (r.) am 4. Dezember 1961 zu Besuch in der nach ihm benannten Funkerkaserne in Regensburg. Er wird begleitet von seinem Kriegskameraden und Freund Ludwig Speth (M.).
  • Die „Friedrich Ritter von Raffler-Buche“ in der Alemannenstraße 7 in Regensburg, dem früheren Gelände der Rafflerkaserne: Ludwig Speth aus Regensburg hat sie seinem Kriegskameraden Raffler zu Ehren gestiftet und gepflanzt. Foto: Gruber
  • Der leidenschaftliche Spurensucher Dr. Theophil Schindler mit seiner Dokumentensammlung über Georg Emmerl: Er zeigt in „Bayerns Goldenem Ehrenbuch“ auf den Eintrag über Georg Emmerl. Foto: Gruber
  • Eine Trophäe aus alten Zeiten: Die „Kriegs-Chronik“ Georg Emmerls
  • Georg Emmerl aus Viehhausen mit seiner silbernen Tapferkeitsmedaille

Regensburg.Mächtig steht sie da – ihre Arme breitet sie weit aus. Sie steht da wie ein Monument, unübersehbar – und doch passiert es nur selten, dass jemand vor ihr innehält und sich ihrer Bedeutung bewusst wird. Dabei ist die Rotbuche in der Alemannenstraße 7 mehr als nur ein Baum, der da zur Zierde steht. Sie ist eine Spur in die Vergangenheit – und wer genau hinschaut, erkennt sie: „Friedrich Ritter von Raffler-Buche – gestiftet und gepflanzt im Jahre 1936 von Ludwig Speth, Gärtnereibesitzer, zur Erinnerung an seinen Kriegskameraden 1914-1918“ steht auf einer Gedenktafel.

Als die Buche gepflanzt wurde, war Ludwig Speth, Sohn des Stifters, gerade einmal 13 Jahre alt. 78 Jahre später erzählt er, was es mit diesem Baum auf sich hat. „Alles nahm seinen Anfang damit, dass Raffler Geheimdokumente vor den Russen gerettet hat“, erzählt der 91-Jährige. Es ist die Nacht zum 28. November 1915, als die Russen an der Ostfront das Nachtquartier der Funk-Stat. 3 der 82. Reserve-Division überfallen, zu der auch Ludwig Speths Vater und Friedrich Raffler gehören. Die Russen zwingen Raffler, sein Zimmer zu verlassen, geheime Dokumente aber bleiben zurück. Als ihm das klar wird, stürzt der Soldat zurück, will die Papiere retten, was ihm auch gelingt – jedoch schwer verletzt durch 15 Stiche russischer Bajonette.

Raffler wird Namensgeber für Regensburger Funkerkaserne

Raffler erhält dafür den Militär-Max-Joseph-Orden und wird in den Adelsstand erhoben. Ab sofort ist er Ritter und seine Tat in „Bayerns Goldenem Ehrenbuch“ dokumentiert, in dem auch die Träger des Militär-Sanitäts-Ordens sowie der Tapferkeitsmedaille gewürdigt sind. Später wird Raffler Namensgeber der Funkerkaserne in Regensburg.

Fast 100 Jahre nach der Heldentat Rafflers sitzt Ludwig Speth am Wohnzimmertisch seines Hauses in Oberhinkofen (Lkr. Regensburg) – wie sein Vater Gärtner und jahrzehntelang Gärtnereibesitzer in Regensburg. Vor ihm liegt ein Album, darin Fotografien seines Vaters in Russland 1915 und 1917 in Dresden, wo sich Speth im Lazarett von der Malaria erholt. All das, genauso wie den Militärpass seines Vaters bekam Ludwig Speth erst nach dessen Tod zu Gesicht. Die Geschichte Rafflers kennt er aber schon länger. „Als mein Vater erfuhr, dass eine Kaserne in Regensburg nach seinem Kameraden benannt wird, wusste er gleich, dass er ihm zu Ehren einen Baum stiften und pflanzen wird. Die beiden verband eine Freundschaft weit über den Krieg hinaus.“

Der jüngste Bruder fiel im Krieg

Ludwig Speth schlägt den Militärpass seines Vaters auf. Das Papier ist ein wenig vergilbt, das Dokument sonst aber voll intakt, der vergoldete Falz beinahe unbeschädigt. In deutscher Schrift ist zu lesen, dass Ludwig Speth 1913 zum Militärdienst eingezogen wurde – damals war er 22 Jahre alt – und, dass er von Beruf „Kunstgärtner“ war. Der Krieg, der Monate später begann, machte ihn zum Funker. Ein eingeklebtes Blatt Papier auf Seite 3 des Militärpasses führt alle 32 Gefechte und Schlachten auf, an denen Speth, der den Militärdienst 1919 nach diversen Beförderungen als „Vizewachtmeister der Nachrichten-Truppe Funker“ verließ, beteiligt war.

Viel hat ihm sein Vater von dieser Zeit nie erzählt, sagt Ludwig Speth. Nur manchmal, als sein Vater schon ein Glas Wein getrunken hatte, traute sich der Sohn, seinen Vater auf den Krieg anzusprechen. „Dann entlockte ich ihm das ein oder andere. So erfuhr ich, dass mein Vater in der Funkerabteilung diente und das eine sehr wichtige Aufgabe war. Es gab ja damals keine andere Möglichkeit, Nachrichten zu überbringen.“ Und an noch etwas kann sich der 91-Jährige erinnern: Dass Ritter von Raffler gelegentlich bei der Familie in Regensburg zu Besuch war. „Raffler sagte immer ,Kamerad Speth‘ zu meinem Vater. Als Kind fand ich das komisch. Heute verstehe ich es.“ Heute weiß Ludwig Speth auch, dass es seinem Vater wohl das Leben gerettet hat, dass er Funker war. Dessen jüngster Bruder Eduard kehrte hingegen nicht mehr heim. Sein Name steht auf einem der unzähligen Feldkreuze, die zu Ehren der Gefallenen aufgestellt wurden.

Dr. Schindler, ein leidenschaftlicher Spurensucher

Neun Millionen Soldaten sind auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs gestorben, zwei Millionen davon waren Deutsche, die auf Hunderten von Kriegsgräberstätten ihre letzte Ruhe fanden. Das Andenken an sie aufrechtzuerhalten – dieser Aufgabe hat sich Dr. Theophil Schindler verschrieben.

Beinahe sein Leben lang begleitet ihn dieses Thema schon. Mithilfe seines Großvaters hat er als Kind die Namen der Toten auf dem Kriegerdenkmal in seiner Heimat Sinsheim in Baden-Württemberg entziffert und auf diese Weise das Lesen gelernt. Als Kreisvorsitzender des Volksbunds Deutsche Kriegsgräberfürsorge pflegt und besucht er Friedhöfe auf der ganzen Welt. In Frankreich kennt er von 240 Kriegsgräberstätten nur eine nicht – zumindest noch nicht. Und jedes Mal, wenn er einen Friedhof besucht, weiß er, wie viele Schindlers dort begraben sind. „1200 von 1800 im Ersten Weltkrieg gefallene Schindlers habe ich schon eine Rose ans Grab gelegt“, sagt der leidenschaftliche Spurensucher, der eigentlich Chirurg ist und in seiner Praxis in Regensburg die Patienten immer wieder nach dem Krieg fragt. „Wer genau hinschaut, merkt, dass es keine Familie gibt, die nicht vom Ersten Weltkrieg betroffen ist.“

Georg Emmerl riskierte sein Leben, um Essen für die Kameraden zu holen

Auf die Geschichte von Georg Emmerl aus Viehhausen (Lkr. Regensburg) stieß er durch einen MZ-Artikel aus dem Jahr 1984. Darin wird dem 93-jährigen Landwirt und Weltkriegsteilnehmer zum Geburtstag gratuliert. Schindler zieht den Zeitungsausschnitt aus der blauen Mappe, in der er die Ergebnisse seiner Spurensuche sammelt. Nicht nur das: Daneben ein Bild, auf dem er mit seinen zwei Kindern vor dem gelben Opel Manta Georg Emmerls auf dem Hof des Landwirts abgelichtet ist. Genau solche Begegnungen sind es, die Schindler sucht. Er möchte die Schicksale der Menschen kennenlernen, ihre Geschichten und so die Erinnerung an sie in die nächsten Generationen weitertragen.

Arbeit für den Frieden nennt das die Kriegsgräberfürsorge. „Meine Kinder können heute erzählen, dass sie vor 30 Jahren einen Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg getroffen haben“, sagt der Chirurg, der sich noch genau an die Erzählungen Georg Emmerls erinnert: „Er erzählte vom Trommelfeuer vor Verdun, als er den Schützengraben verlassen und sich unter Lebensgefahr auf den Weg zum Nachschub gemacht hat, um Essen für seine völlig ausgehungerten Kameraden zu holen. Er überlebte und erhielt dafür die silberne Tapferkeitsmedaille.“

Urenkelin Melanie findet einen neuen Zugang zur Geschichte

Auch im „Ehrenbuch“ ist seine Geschichte beschrieben. So habe Emmerl es verstanden, die „durch das anhaltende schwere Artilleriefeuer stark herabgedrückte Stimmung durch sein energisches, kaltblütiges Auftreten wieder zu heben, ja sogar zu begeistern“. Schwer verletzt wurde er bei einem anderen Gefecht. „Er hat mir erzählt, dass man ihm das Gesicht weggeschossen habe“, sagt Schindler. Dass die Verletzung nur notdürftig behandelt wurde – es war vor allem die Nase betroffen – habe man Emmerl bis ins hohe Alter angemerkt.

Als Georg Emmerl 1985 starb, war seine Urenkelin keine zwei Jahre alt – und trotzdem kann sich Melanie Emmerl an ihn erinnern. Sein Weltkriegsschicksal kannte die 30-Jährige bisher noch nicht. Wie in den meisten Familien wurde auch im Hause Emmerl nicht viel darüber gesprochen. Jetzt, da sie mehr über das Leben ihres Uropas weiß, ist auch ihr Zugang zum Ersten Weltkrieg ein anderer. „Bislang habe ich mich kaum damit beschäftigt. In der Schule bedeutete Geschichtsunterricht für mich in erster Linie das stupide Auswendiglernen von Zahlen. Nun habe ich zum ersten Mal einen Bezug zum Geschehen. Mein Urgroßvater musste als junger Mann in den Krieg und hat so viel mitgemacht. Da wird einem erst klar, welcher Wert es ist, in Frieden zu leben.“

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