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Justiz

Straftäter über 60 sorgen für Probleme

Immer öfter haben es deutsche Richter mit Angeklagten im Rentenalter zu tun. Über sie zu urteilen, ist schwierig.

Immer mehr Menschen sind auch im hohen Akter noch aktiv – auch als Kriminelle: Die Zahl der Häftlinge im Seniorenalter steigt, aber die Justizvollzugsanstalten sind darauf kaum vorbereitet.
Immer mehr Menschen sind auch im hohen Akter noch aktiv – auch als Kriminelle: Die Zahl der Häftlinge im Seniorenalter steigt, aber die Justizvollzugsanstalten sind darauf kaum vorbereitet. Foto: Maurizio Gambarini/dpa

Hamburg.Vor dem Amtsgericht Hamburg steht ein 75-Jähriger und weiß nicht genau warum. Der Elblotse soll ein Binnenschiff gegen eine wichtige Autobahnbrücke gesteuert und einen Millionenschaden verursacht haben. Doch er kann sich an den Vorfall knapp ein Jahr zuvor kaum erinnern. Der Richter fragt den Angeklagten nach seinem Alter. Er muss passen. „Ich weiß nicht, welches Jahr wir haben“, sagt er. Auch auf die Frage, seit wann er verheiratet ist, kann er nicht antworten. „Es ist gut, dass Ihre Frau das nicht hört“, sagt der Richter noch humorvoll. Doch als der Angeklagte auch die Namen seiner beiden Enkelkinder nicht nennen kann, unterbricht der Richter das Verfahren. Ein Gutachter erklärt den 75-Jährigen später für verhandlungsunfähig.

Immer mehr Senioren im Knast

Die Justiz in Deutschland hat es zunehmend mit alten Menschen zu tun, die Straftaten begehen, wie der Kölner Strafrechts-Professor Michael Kubiciel bestätigt. Es ist die Folge des demografischen Wandels. Mehr Menschen werden älter und sind körperlich noch in der Lage, Straftaten zu begehen. Zwar sind nur etwa sieben Prozent der von der Polizei ermittelten Tatverdächtigen 60 Jahre oder älter, sagt der Kriminologe Thomas Görgen von der Hochschule der Polizei in Münster. Aber der Anteil der Älteren an der Gesamtbevölkerung wächst und damit die absolute Zahl der älteren Straftäter.

Es sind selten Gewaltverbrechen, die von Senioren verübt werden. Eher Ladendiebstähle, Verkehrsdelikte wie Trunkenheit am Steuer oder Steuer- und Wirtschaftsstraftaten. Das Klischee vom armen Rentner, der seine Not auf kriminelle Weise lindern will, hält Kubiciel für falsch. Er glaubt, dass vielmehr bei einem Teil der Älteren die Fähigkeit abnehme, sich normgemäß zu verhalten. „Die Menschen werden egoistischer, nehmen weniger Rücksicht auf ihr soziales Nahfeld und Gemeinwohlbelange und neigen dann dazu, Straftaten zu begehen, die sie vielleicht mit 40 bis 50 nicht begangen hätten.“

Die Staatsanwaltschaften stellten die Ermittlungsverfahren bei Verdächtigen im fortgeschrittenen Alter häufig ein, insbesondere bei Ersttätern. Wenn es dennoch zum Prozess und einer Verurteilung komme, sei die Bestrafung problematisch. Anders als bei Jugendlichen hätten die Gerichte keine Möglichkeit, alternative Strafen zu verhängen. Eine gemeinnützige Arbeit als Erziehungsmaßnahme kommt nicht in Frage. „Ältere Menschen kann man nicht erziehen“, sagt Kubiciel. Geldstrafen könnten sie oft nicht bezahlen, eine Inhaftierung sei wegen Altersgebrechen schwierig.

Immerhin sei der Strafvollzug in Deutschland nicht schlecht aufgestellt, findet der Experte für demografischen Wandel. Die meisten Bundesländer hätten altersgerechte Gefängnisse oder Abteilungen. So sind in Hamburg die Justizvollzugsanstalten Fuhlsbüttel („Santa Fu“) und Billwerder sowie der offene Vollzug in Glasmoor (Norderstedt) auf Rollstuhlfahrer eingestellt. Baden-Württemberg betreibt sogar ein spezielles Gefängnis für über 62-Jährige in Singen.

Nicht immer sei das die beste Lösung für die Älteren, findet der Kriminologe Bernd-Dieter Meier von der Universität Hannover. Der Betrieb einer solchen Haftanstalt sei zwar einfacher, weil der Sicherheitsaufwand geringer sei. Doch wenn Gefangene im Rentenalter in großer Entfernung vom Heimatort untergebracht werden, sei es schwieriger, Kontakt zu Angehörigen zu halten.

Man wurstelt sich so durch

Die Zahl der älteren Gefangenen steigt in Deutschland. 2015 waren nach Angaben des Statistischen Bundesamtes 2049 über 60-Jährige inhaftiert. Zehn Jahre zuvor waren es erst 1767, was einen Anstieg von 16 Prozent bedeutet. Die Justiz müsse sich mehr auf diesen Wandel einstellen, fordert der Hildesheimer Psychologe Werner Greve. Auch Kubiciel kritisiert die verbreitete „Strategie des muddling through“ (Durchwursteln).

Das Justizpersonal sei nicht ausreichend vorbereitet. In der Sozialarbeit seien neue Konzepte zur Resozialisierung eines hochaltrigen Strafgefangenen erforderlich. „Der Bewährungshelfer muss nicht darauf achten, dass der nicht schon wieder eine Tanke überfällt, sondern daran arbeiten, dass es eine Lebensperspektive gibt, für die es sich lohnt zu leben“, sagt Greve.

Rückfällig werden auch ältere Straftäter, auch wenn nach Angaben von Görgen nur zu 15 Prozent. Zum Vergleich: Bei Jugendlichen beträgt die Rückfallquote 40 Prozent. Klar ist für die Experten, dass es keine feste Altersgrenze für die Haft- und Verhandlungsfähigkeit geben wird.

Lesen Sie hier einen Kommentar unserer Redakteurin Claudia Bockholt:

Kommentar

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