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Samstag, 22. September 2018 19° 4

Tierschutz

Tiertransporte: Tausende Kilometer Qual

Zucht- und Schlachttiere aus Deutschland werden auch in Nicht-EU-Länder transportiert – unter katastrophalen Umständen.
Von Reinhard Zweigler

Eingepfercht in einem Viehtransporter: In vielen Lastern drängen sich Dutzende Tiere auf engstem Raum. Dieses Schwein hat auf der Ladefläche wenigstens Zugang zu einem Tränkesystem. Foto: Thomas Frey/dpa
Eingepfercht in einem Viehtransporter: In vielen Lastern drängen sich Dutzende Tiere auf engstem Raum. Dieses Schwein hat auf der Ladefläche wenigstens Zugang zu einem Tränkesystem. Foto: Thomas Frey/dpa

Solche schlimmen Bilder vergisst man sein Leben lang nicht, sagt Frigga Wirths von der Akademie für Tierschutz. In einem marokkanischen Schlachthof hat sie mit ansehen müssen, wie Rindern bei lebendigem Leibe die Augen ausgestochen und die Beinsehnen durchtrennt wurden, damit sich die Tiere nicht wehren können. Unerträglich sind bereits die Qualen der Tiere auf den mitunter Tausende Kilometer langen Transportwegen in heiße Länder, etwa nach Russland, Kasachstan, Usbekistan, in die Türkei oder nach Nordafrika. Sie werden mitunter kaum oder gar nicht mit Wasser und Futter versorgt, stehen bei hohen Temperaturen viel zu eng auf den Lastern.

Der Grünen-Chef Robert Habeck sagt empört: „Der Transport von Schlachtvieh über lange Strecken in heiße Länder stellt für die Tiere eine unsägliche Qual dar. Berichte über Tierleid und Fotos von buchstäblich verreckenden Rindern sind schon qualvoll anzuschauen – um wie viel qualvoller muss es erst für die Tiere sein. Entsprechend sollten solche Transporte schlicht verboten werden“, sagt er unserem Medienhaus. Die Tiere könnten in der EU geschlachtet und das Fleisch exportiert werden. Der Grüne fordert von Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU), sie solle sich in der EU und darüber hinaus für ein generelles Verbot des Exports von Tieren zur Schlachtung einsetzen.

Hochemotionale Anhörung

Auf einer hochemotionalen Anhörung im Landwirtschaftsausschuss des Bundestages wurden jetzt schärfere Tierschutzbestimmungen sowie wirksamere Kontrollen verlangt. Der Export von Schlachttieren in Länder außerhalb der EU sei dramatisch zurückgegangen, erklärt Bianca Lind, Geschäftsführerin beim Bundesverband Rind und Schwein e.V. (BRS). Das Problem seien vor allem Zuchttiere, etwa Rinder aus deutschen – etwa bayerischen – Hochleistungslinien, die in ferne Länder exportiert werden. Im Vorjahr waren es 60 000 Tiere.

„Berichte über das Leid von buchstäblich verreckenden Rindern sind schon qualvoll anzuschauen – um wie viel qualvoller muss es erst für die Tiere sein. Solche Transporte sollten verboten werden.“

Robert Habeck, Bündnis 90/Die Grünen

Doch während innerhalb der EU der Tierschutz auf Transporten – eigentlich nach der Tierschutztransport-Verordnung 1/2005 – geregelt ist, herrscht außerhalb der Union Wildwest. Aber auch innerhalb der Gemeinschaft gebe es erhebliche Mängel, sagt der Veterinär Alexander Rabitsch, der die deutsche Autobahnpolizei für Kontrollen schult. Bei allein sieben Stichproben, an denen er beteiligt war, seien sieben Verstöße festgestellt worden. Er spricht von „schlimmer Tierquälerei“ und kritisiert, dass Verstöße gegen die EU-Verordnung nicht mit hohen Bußgeldern bestraft werden können.

2000 Amtstierärzte fehlen

Ermittlungen verliefen „oft im Sande“. Der Präsident des Bundesverbandes beamteter Tierärzte, Holger Vogel, fügt hinzu, dass in Deutschland 2000 Amtstierärzte fehlten. Auch gebe es kaum Staatsanwaltschaften, die sich mit der komplizierten Tierschutzmaterie auskennen. Und Rabitsch, der lange als Amtstierarzt im österreichischen Kärnten tätig und für klare Kontrollen bekannt war, kennt auch die brutalen Bandagen, die es mitunter in der Branche gebe. Ein – inzwischen nicht mehr existierender deutscher – Fleischkonzern, ließ ihn vor Jahren wissen, er habe doch eine kleine Tochter und man habe Freunde in Kärnten. Eine unverhohlene Drohung, die den Tierarzt aber nicht einschüchtern konnte.

Tiertransporte in Bayern

  • Verfassungsrang.

    In Bayern steht der Tierschutz in der Landesverfassung. Seit dem Jahr 2002 bereits ist der Schutz der Tiere auch Bestandteil des Grundgesetzes, Artikel 20a. Sogar im Lissabonner Grundlagenvertrag der EU werden Tiere als fühlende Wesen aufgeführt, deren Wohlergehen an erster Stelle stehen müsse.

  • Kontrollbehörde.

    Das bayerische Verbraucherschutzministerium hat zum 1. Januar 2018 eine Reform der staatlichen Veterinärverwaltung und Lebensmittelüberwachung auf den Weg gebracht. Es wurde die neue bayerische Kontrollbehörde für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen mit 70 neuen Stellen gegründet.

  • Genehmigungen.

    In Bayern werden Transporte in Drittländer durch die zuständigen Kreisverwaltungsbehörden nur nach Vorlage einer plausiblen Transportplanung abgefertigt, mit der für den gesamten Transport bis zum Bestimmungsziel im Drittland die Tierschutzbestimmungen der EU eingehalten werden.

Die zuständige Ministerin Julia Klöckner weiß um das Problem: „Tiere dürfen beim Transport nicht unnötig leiden. Bilder von Rindern, die in Lkw stundenlang ohne Wasser an Grenzübergängen stehen müssen, sind schwer zu ertragen und führen unsere EU-weiten Regeln zum Schutz der Tiere ad absurdum. Tiere sind Mitgeschöpfe, keine Wegwerfware.“ Die Christdemokratin verweist darauf, dass genau geregelt sei, wie die Tiere auf dem Transport versorgt werden, wie oft und wie lange sie Ruhepausen bekommen sollten. Transportunternehmen müssten zudem bei der zuständigen Landesbehörde vorab einen Transportplan zur Genehmigung vorlegen. Die Lkw seien mit Navigationssystemen auszustatten. Es müsse Aufzeichnungen über den Standort, die Uhrzeit sowie das Öffnen und Schließen der Ladeklappe sowie die Temperatur bei den Tieren geben. Steige die Temperatur über 35 Grad, müsse der Fahrer gewarnt werden.

„Tiere sind Mitgeschöpfe, keine Wegwerfware.“

Julia Klöckner

Klöckner will sich dafür einsetzen, dass EU-Standards auch in Drittländern eingehalten werden. „Der Tierschutz darf nicht an Grenzen enden“, sagt sie. Ein Sprecher vom zuständigen bayerischen Umweltminister Marcel Huber (CSU) verweist jedoch darauf, dass Kontrollen von Transporten außerhalb der EU nach EU-Recht nicht möglich seien. Allerdings könne den Transportunternehmen durch die abfertigende Behörde im Freistaat aufgegeben werden, nach Beendigung des Transports die entsprechenden Navigationsdaten vorzulegen, „um die Plausibilität der Transportplanung im Hinblick auf künftige Transporte zu prüfen“.

Der Tierschützerin Frigga Wirths reicht das nicht. Sie verweist darauf, dass hinter der Grenze die Tiere oft auf inländische Laster umgeladen würden. Deutschland dürfe generell keine Tiere mehr in Drittstaaten liefern, solange die „lasche EU-Tierschutztransportverordnung“ nicht überarbeitet und auch die Schlachtbedingungen in Drittländern nicht EU-Standard entsprächen, verlangt sie.

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