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Todesursache Flucht

Im Mittelmeer sterben Menschen, die wir retten könnten. Wir sind nicht ohnmächtig, sondern untätig.
Lorenz Narku Laing, Politikwissenschaftler

Individuen sind teilweise unfähig, Veränderung in großen Systemen zu bewirken. Es gibt eine Ohnmacht von Individuen, Gruppen und Staaten. Es sind kalte Sätze eines politischen Pragmatismus. Dessen Gegenspieler war stets ein warmer, humanistischer Idealismus. Die Utopie gleicher Lebensverhältnisse für alle Menschen auf der Welt. Ein fortwährendes Wirken staatlicher Gemeinschaften zum Schutze von Leben und Rechten. Es gibt eine Wirkmacht von Individuum, Gruppen und Staaten. Die Verantwortungsethik für das vermeintlich Eigene verbot uns, mit Charterflügen unbegrenzt hungernde Menschen aus den Krisenregionen der Welt einzufliegen, aber die Gesinnungsethik für das vermeintlich Fremde verpflichtete uns, allen schutzsuchenden Menschen an unseren Grenzen Beistand zu leisten. Es gab ein stetes Verhandeln zwischen der Begrenztheit und der Möglichkeit zu helfen.

Heute aber wird in Frage gestellt, ob wir manche Formen des Rettens unmöglich machen oder akzeptieren. Im alltäglichen Leben wird diese schmerzliche Erkenntnis mal mehr und mal weniger bewusst. Unser unmittelbares moralisches Dilemma lässt sich nicht sofort ins richtige Handeln übersetzen. Es wird ein Problem offenkundig, und die Lösung entzieht sich unserem Zugriff. Das Kleine ist auch im Großen bekannt. Beängstigend sind die Bilder von den Kriegen in Syrien oder im Sudan. Gewalttätig ist das Sterben in Myanmar und in der Ukraine. Es sterben Menschen und die Lösung hierzu ist kompliziert. An manchen Tagen bringt die beschränkte Handlungsfähigkeit von Deutschland Wut hervor. Es gehen Leben verloren, auch weil wir ohnmächtig sind. Es sind Tode, die wir nicht unmittelbar verhindern können.

Doch im Mittelmeer ist die heutige Situation anders. Es sterben Menschen, die wir retten könnten. Wir sind nicht ohnmächtig, sondern untätig. Lebensretter werden im öffentlichen Diskurs zunehmend in falsche und richtige aufgeteilt. Die einen retten vermeintlich das falsche Leben eines Flüchtenden und die anderen retten das richtige Leben eines Nachbarn.

Zum Internationalen Tag der Menschenrechte am 10. Dezember 2018 erscheint das Buch „Todesursache Flucht“ mit der Liste der Menschen, die auf der Flucht nach und in Europa ums Leben gekommen sind.


Der Autor ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Geschwister-Scholl-

Institut für Politikwissenschaft der Ludwig- Maximilians-Universität München.

Die Außenansicht gibt die subjektive Meinung des Autors wieder und nicht unbedingt die der Redaktion.

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