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Tödliches Schweigen am Hindukusch

Afghanistan bleibt ein Krisenherd. 2018 war für die Zivilbevölkerung das bislang tödlichste seit dem Sturz der Taliban.
Dr. Reinhard Erös, Afghanistan-Experte

Dr. Reinhard Erös
Dr. Reinhard Erös

Afghanistan ist nicht irgendein Kriegsgebiet, in dem es nun mal Tote gibt. Seit fast 20 Jahren waren Hunderttausende westlicher Soldaten, darunter auch zehntausende aus Deutschland, vor Ort, um den Menschen Frieden und Fortschritt zu bringen. Mit mehr als 1000 Milliarden Euro zählt dieser Militär-Einsatz zu den teuersten in der modernen Geschichte. Auf keinem anderen Kriegsschauplatz seit dem zweiten Weltkrieg sind so viele Bundeswehr-Angehörige gefallen; 57 deutsche Familien verloren den Vater, den Ehemann, den Sohn. Ein Licht am Ende des Tunnels ist auch nach 18 Jahren nicht in Sicht.

Die Tragödie setzt sich fort

Das vergangene Jahr war für die Menschen am Hindukusch das bislang tödlichste seit dem Sturz der Taliban Ende 2001. 3800 Zivilisten verloren 2018 nach offiziellen Angaben der UNO bei Kampfhandlungen und Anschlägen ihr Leben, darunter 1000 Kinder. Im ersten Halbjahr 2019 hat sich die Tragödie dramatisch fortgesetzt. Seit Januar sind zum ersten Mal seit Kriegsbeginn bei Luftangriffen der US-Armee mehr Zivilisten als durch Anschläge der Taliban getötet worden. Darunter über 300 Kinder. In unseren Medien wird dies kaum erwähnt. In Afghanistan ist es allerdings ein Top-Thema. Unsere Presse berichtet dagegen über jeden Anschlag der „radikal islamischen Gotteskrieger“.

Von dort zu berichten ist es unseren Medienvertretern zu beschwerlich und gefährlich. In dem dörflich strukturierten Land nimmt die heimliche und immer häufiger auch offene Unterstützung der Islamisten zu. Die Drohung der Taliban, ohne Abzug der westlichen Truppen würden sie den Kampf fortsetzen und keine Verhandlungen mit der „Kabuler Marionetten-Regierung“ führen, findet bei immer mehr Menschen auf dem Land Zustimmung. Die Hälfte der Provinzen wird inzwischen von den Aufständischen beherrscht. Afghanische Polizei und Militär haben sich dort nur noch verschanzt.

45 000 Sicherheitskräfte getötet

Die Ausbildung afghanischer Polizisten und Soldaten auch durch deutsche Ausbilder gilt bei den meisten Afghanen als praktisch wirkungsloses „Potemkinsches Dorf“. 45 000 afghanische Sicherheitskräfte wurden mangels guter Ausbildung und Ausrüstung in den vergangenen fünf Jahren getötet. Da ist es nicht verwunderlich, dass jeder dritte Polizist und Soldat nach der Ausbildung zu den Taliban überläuft. Würde der Westen nicht die Kosten und Gehälter der afghanischen Polizei und der Armee tragen, wäre der Zulauf zu den Aufständischen noch viel höher.

Die Außenansicht gibt die subjektive Meinung des Autors wieder und nicht unbedingt die der Redaktion.

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