MyMz

Polizei

Tote Sophia ist noch immer in Spanien

Vier Wochen nach der Gewalttat kann die Ambergerin weiterhin nicht bestattet werden. Familie fühlt sich im Stich gelassen.
Von Isolde Stöcker-Gietl

Nahe der Autobahn bei Asparrena in Spanien wurde am 21. Juni die Leiche der vermissten Studentin Sophia aus Amberg gefunden. Die spanische Polizei hat die Ermittlungen noch nicht abgeschlossen und auch die sterblichen Überreste von Sophia bislang nicht freigegeben. Foto: Jesus Andrade/El Correo/dpa
Nahe der Autobahn bei Asparrena in Spanien wurde am 21. Juni die Leiche der vermissten Studentin Sophia aus Amberg gefunden. Die spanische Polizei hat die Ermittlungen noch nicht abgeschlossen und auch die sterblichen Überreste von Sophia bislang nicht freigegeben. Foto: Jesus Andrade/El Correo/dpa

Amberg.Für die Familie der getöteten Tramperin Sophia aus Amberg folgen auf die qualvollen Tage des Hoffens und Bangens nun weitere quälende Wochen des Wartens. Noch immer haben die zuständigen Behörden in Spanien die Leiche der 28-jährigen Studentin nicht freigegeben. Damit können die sterblichen Überreste nicht nach Deutschland überführt werden. „Meine Schwester ist noch immer in Spanien. Polizei und Staatsanwaltschaft sind noch nicht einmal in der Lage, uns wenigstens einen etwaigen Zeitplan zu nennen“, sagte am Mittwoch Andreas Lösche, der Bruder der Getöteten in einem Gespräch mit unserer Zeitung. Auch die zuständige Staatsanwaltschaft in Bayreuth bestätigte auf Nachfrage, dass allein die spanischen Behörden über das weitere Vorgehen entscheiden. „Wir sind hier nur Bittsteller“, sagte der Leitende Oberstaatsanwalt Herbert Potzel.

Sophia wollte am 14. Juni von ihrem Studienort Leipzig zu ihrer Familie nach Amberg trampen und stieg am Autohof in Schkeuditz in einen Lkw mit marokkanischer Zulassung. Ihre Leiche wurde eine Woche später in Nordspanien gefunden. Zuvor hatte der dringend tatverdächtige 41-jährige Lkw-Fahrer versucht, sein Fahrzeug in Brand zu stecken und war danach zu Fuß geflüchtet. Er wurde zwei Tage vor dem Leichenfund von der spanischen Polizei festgenommen. Auch Sophias Leichnam weist massive Verbrennungen auf. Woran Sophia starb, das weiß ihre Familie bis jetzt nicht.

War es ein Sexualmord?

„Auch hier wird uns jedwede Information vorenthalten. Wenn wir etwas erfahren, dann zuerst aus den spanischen Medien“, kritisiert der Bruder. In der spanischen Presse wurde vergangene Woche berichtet, dass die 28-Jährige mit einem Messer oder einem stumpfen Gegenstand getötet worden sein könnte. Der spanische Obduktionsbericht soll zudem auf einen Sexualmord hindeuten. Die Staatsanwaltschaft in Bayreuth äußert sich dazu nicht. „Uns liegt noch nichts darüber vor.“

Die Familie versucht inzwischen, über die deutsche Botschaft in Madrid sowie direkt über den spanischen Ministerpräsidenten Pedro Sánchez eine Freigabe der sterblichen Überreste von Sophia zu erreichen. „Wir sind der Meinung, dass vier Wochen Zeit für eine Obduktion nun wirklich reichen müssen“, so der Bruder. „Das ist auch eine Frage des Respekts gegenüber unserer Familie.“

Am Montag war bekannt geworden, dass die spanischen Behörden ein Auslieferungsverfahren des Tatverdächtigen grundsätzlich bewilligt haben. Aber auch hier wird es wohl nicht zu einer schnellen Übergabe kommen. „Wir gehen davon aus, dass das noch einige Zeit in Anspruch nehmen wird“, so der Leitende Oberstaatsanwalt Potzel. Erst würden die Ermittlungen in Spanien abgeschlossen.

Familie kritisiert die Polizei

Nach den bisherigen Ermittlungen starb Sophia wohl noch am Abend ihres Verschwindens. Die Polizei geht aufgrund der Auswertung von GPS-Daten davon aus, dass der mögliche Tatort der Autorastplatz Sperbes an der A 9 sein könnte. Dort stand der Lastwagen in jener Nacht fast drei Stunden lang. Danach setzte der Fahrer seine Fahrt noch wenige Kilometer bis nach Lauf an der Pegnitz fort, wo er Nachtruhe hielt und am Morgen neue Fracht aufnahm. Bis heute ist unklar, wie es dem Tatverdächtigen gelingen konnte, zwei Grenzen mit der toten Sophia an Bord zu passieren. Als die Familie der 28-Jährigen auf eigene Faust Ermittlungen anstellte, kam sie dem Lkw-Fahrer auf die Spur. Nach einem Telefonat mit ihm, das die Familie noch neue Hoffnung schöpfen ließ, entledigte sich der Tatverdächtige in der darauffolgenden Nacht – darauf lassen die GPS-Daten schließen – an der Autobahn bei Asparrena in Nordspanien der Leiche.

Die Familie hat sich an den spanischen Ministerpräsidenten Pedro Sanchez gewandt, um die Überführung von Sophia voranzutreiben. Foto: Inma Mesa/PSOE/dpa
Die Familie hat sich an den spanischen Ministerpräsidenten Pedro Sanchez gewandt, um die Überführung von Sophia voranzutreiben. Foto: Inma Mesa/PSOE/dpa

Der Bruder der Getöteten wiederholte im Gespräch mit unserer Zeitung noch einmal die Kritik an der Polizei – gerichtet sowohl an die zuständigen Beamten in Leipzig als auch in Amberg. „Sophia war nicht einfach vermisst, es war vom ersten Moment an klar, dass ein dringender Verdacht auf ein Gewaltverbrechen vorlag. Das wollte man in Amberg nicht sehen.“ Dass Sophia durch ein schnelleres Handeln hätte gerettet werden können, glaubt ihre Familie zwar nicht. „Aber man hätte den Täter viel schneller fassen können. Es wäre uns vieles erspart geblieben.“ Die Angehörigen hoffen, dass die Behörden die Kritik gründlich aufarbeiten, „damit Opfer und Angehörige das nächste Mal wirklich ernst genommen werden.“ Die Polizei sucht nach vermissten Erwachsenen nur dann unverzüglich, wenn davon auszugehen ist, dass die Person in Gefahr ist oder dringend Medikamente benötigt. Im Fall von Sophia hatte die Polizei die Lage zunächst anders bewertet. Erst vier Tage nach dem Verschwinden lief die Fahndung an.

Das Schicksal der vermissten Tramperin, die sich politisch in der SPD engagierte und in der Flüchtlingshilfe aktiv war, hatte die Menschen in ganz Deutschland bewegt. Doch trotz der großen Anteilnahme musste die Familie auch viel Hass und Häme aushalten. Inzwischen kümmern sich die Bamberger Polizei und die Staatsanwaltschaft um jene Mails, in der die Familie diffamiert oder gar mit dem Tod bedroht wurde, sagt Andreas Lösche. „Mit dieser Hetze habe ich von vorneherein gerechnet.“

Aktuelles aus der Region und der Welt gibt es über WhatsApp direkt auf das Smartphone: www.mittelbayerische.de/whatsapp

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht