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Mauerfall

Tränen und ein Gefühl wie frisch verliebt

Der Fall der Mauer vor 25 Jahren wurde von vielen Akteuren beeinflusst. Über die Tragweite waren sich in diesem Moment die wenigsten im Klaren.
Von REINHARD ZWEIGLER, MZ

Ohne Rücksprache befiehlt der Oberstleutnant der Staatssicherheit, Harald Jäger, Leiter der Passkontrolleinheit am Grenzübergang Bornholmer Straße, in der Nacht zum 10. November 1989 um 23.25 Uhr: „Schlagbäume auf!“.
Ohne Rücksprache befiehlt der Oberstleutnant der Staatssicherheit, Harald Jäger, Leiter der Passkontrolleinheit am Grenzübergang Bornholmer Straße, in der Nacht zum 10. November 1989 um 23.25 Uhr: „Schlagbäume auf!“. Foto: epd

Berlin.Es ist Donnerstagabend, 9. November 1989, 18.53 Uhr. Im DDR-Fernsehen wird seit einer Stunde die Pressekonferenz mit Günter Schabowski übertragen. Der SED-Mann erzählt langatmig über die Tagung des Zentralkomitees der DDR-Staatspartei, die nach der Entmachtung der alten Führung unter Erich Honecker für Mitte Dezember einen Sonderparteitag plane. Als alles schon zum Ende drängte, fragte der italienische Journalist Riccardo Ehrmann, damals 60 Jahre alt, nach dem neuen Reisegesetz der DDR, das in Vorbereitung sein soll.

Schabowski hatte kurz vor der Pressekonferenz von SED-Chef Egon Krenz ein Papier zugesteckt bekommen, auf dem Informationen zum Reisegesetz standen. Das sei „ein Knüller“ für die Weltpresse, sagte Krenz zu Schabowski, der selbst an den Beratungen nicht teilgenommen hatte. Auch den Vermerk „Sperrfrist Freitag 5.00 Uhr“ übersah der einstige Zeitungsmann Schabowski.

Mit Reisepass in den Westen

Umständlich trug der SED-Mann vor, dass Privatreisen von DDR-Bürgern „nach dem Ausland künftig ohne Vorliegen von Voraussetzungen“ beantragt werden könnten. Die Ostdeutschen sollten bei den Meldeämtern einen Reisepass beantragen und könnten dann in den Westen reisen, dachte man sich. In diesem Moment fragte der damalige Bild-Journalist Peter Brinkmann, ab wann die Regelung gelte, „ab sofort?“ Das verwirrte Schabowski, er kramte in den Papieren und stammelte dann den historischen Satz: „Das tritt nach meiner Kenntnis, ähh, ist das sofort, unverzüglich.“ Er wusste in dem Moment nicht, dass er Weltgeschichte geschrieben hatte.

Zur gleichen Zeit verschluckte sich Harald Jäger (damals 46), Stasi-Offizier für Passkontrolle an der Grenzübergangsstelle Bornholmer Straße, fast an seiner Leberwurststulle. Die aß er am liebsten – in seinen langen Nächten im Dienst an der Grenze. Im Fernsehen lief die Pressekonferenz mit Schabowski. Was hatte der gerade gesagt? Die Reisefreiheit für DDR-Bürger trete „unverzüglich“ in Kraft? Jäger wusste, was dieser Satz bedeutete: Mit der Ruhe an seinem Grenzübergang würde es bald vorbei sein.

Viele Ost-Berliner wollten einfach wissen, was es mit Schabowskis Worten auf sich hatte. Gegen 20 Uhr hatten sich bereits rund 150 Menschen am Grenzübergang versammelt. „Wir kommen wieder!“ und „Aufmachen!“, skandierten sie. Jäger rief immer wieder bei seinen Vorgesetzten an. Doch auf eine Weisung wartete er vergeblich. Irgendwann platzte ihm der Kragen: „Wenn sie mir nicht glauben, dann hören Sie mal raus, was das Volk da draußen sagt!“, brüllte er und hielt den Telefonhörer aus dem Fenster.

Gegen 21.45 Uhr war die Menge auf vielleicht ein- bis zweitausend Menschen angewachsen. Jäger rief wieder bei seinem Vorgesetzten an und erhielt nun zumindest die Anweisung, diejenigen Wartenden, die sich am lautesten gebärdeten, ausreisen zu lassen und ohne ihr Wissen auszubürgern. Ein Stempel quer über das Passbild sollte die Querulanten kennzeichnen. Sie hätten dann nicht wieder nach Ost-Berlin zurückkehren können. Doch der Versuch, nur die scheinbar Ausreisewilligen durchzulassen, heizte die Stimmung an der Bornholmer Brücke noch weiter an. Nach einer Stunde wurde den Offizieren klar, dass die Idee nicht funktionierte. Immer mehr Menschen drückten gegen die Sperrgitter. „Tor auf! Tor auf“ wurde aus tausenden Kehlen gerufen.

„Querulanten“ an den Gittern

Von der West-Seite kehrten inzwischen „Querulanten“ zurück und rüttelten gleichfalls an den Gittern: „Wir wollen rein!“ Eine Frau flehte Jäger an, sie müsse nach Hause, ihre Kinder schliefen. Jäger ließ sie zurückkehren. Doch die Lage wurde immer bedrohlicher. Jäger telefonierte immerzu, doch Die Vorgesetzten bei der Stasi und bei den Grenztruppen waren nicht erreichbar. Offenbar wollte auch niemand die Verantwortung für das übernehmen, was sich an der Grenze abspielte. „Die da oben müssen doch blöde sein“, murmelte er.

Trotz und Wut hatten sich in ihm angestaut und brachen sich in einer Kurzschlussreaktion Bahn: „Macht den Schlagbaum auf!“, rief Jäger. Er musste es mehrmals wiederholen. Dann erstattete er seinem Vorgesetzten Meldung, erst danach breitete sich in ihm ein prickelndes Gefühl aus. „Wie frisch verliebt“, sagte er später.

Bis zum Morgengrauen strömten rund 20 000 Menschen von Ost-Berlin in den Westteil der Stadt. Als West-Berliner ihm Sekt anboten, lehnte Jäger ab. „Alkohol im Dienst, das geht nicht.“ später in der Nacht überquerte auch Angela Merkel, die an jenem Abend, wie immer donnerstags, in der Sauna gewesen war, die Grenze Richtung Westen. Der Journalist Brinkmann lief in der Nacht zum Brandenburger Tor und heulte dort wie ein Schlosshund. Freudentränen.

Kommentar

Grenzerfahrungen

Als die Mauer fiel, war ich Teenager. Berlin war weit weg. Nichts war so weit entfernt wie die DDR. Kein Ausland, kein Urlaub, egal wohin, führte mich...

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