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Kommentar

Trump bläst zur Nato-Dämmerung

Ein Kommentar von Thomas Spang, USA-Korrespondent

Es kam schlimmer als befürchtet. Donald Trump wütete zum Auftakt des Nato-Gipfels gegen Deutschland, das er einen „Gefangenen Russlands“ nannte. Dann drohte er, „sein eigenes Ding zu machen“, wenn die Partner nicht sofort höhere Verteidigungslasten schulterten. Schließlich verabschiedete er sich mit einem Ausflug in ein paralleles Universum, in dem gerade ein „fantastisches“ Treffen mit „großartigem Gemeinschaftsgeist“ stattgefunden hat.

Bundeskanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Präsident Emanuel Macron versuchten, den Schein zu wahren, um das Bündnis vor dem Wüterich zu schützen. Doch je mehr sie betonen, Trump habe weder privat noch öffentlich mit einem Rückzug der USA aus der Nato gedroht, desto klarer dämmert die Erkenntnis, das genau dies die beabsichtigte Botschaft des Präsidenten war.

So agiert kein Partner, sondern ein Bully. Und die belohnt man nicht mit Entgegenkommen, sondern fordert sie mit Standfestigkeit heraus.

Trotz des Bemühens, nach der Krisensitzung der Staats- und Regierungschefs in Brüssel, Einigkeit zu demonstrieren, bleibt Trumps Januar-Ultimatum im Raum stehen. Er könnte die USA ohne Zustimmung des US-Kongresses aus der Nato führen, schwang er bei der Abschluss-PK noch einmal die Drohkeule. So agiert kein Partner, sondern ein Bully. Und die belohnt man nicht mit Entgegenkommen, sondern fordert sie mit Standfestigkeit heraus. Alles andere interpretierte der „America-First“-Präsident als Schwäche. Längst hat sich der Glaube als Illusion erwiesen, Trump lasse sich durch Schmeicheleien und Nachgeben besänftigen. Sollten seine Forderungen bei den Verteidigungslasten erfüllt sein, fände er andere Makel an dem westlichen Bündnis, das er seit Jahrzehnten ablehnt und im Wahlkampf als „obsolet“ bezeichnet hatte.

Trump hält wenig von der multilateralen Ordnung, mit der die USA seit dem 2. Weltkrieg ihre Stellung als Supermacht sicherten. Während die Sowjetunion mit Brachialgewalt ihre Herrschaft durchsetzte, stellten es die USA mit ihren Netzwerken an Bündnissen cleverer an. Amerika machte seine Rolle als „Führer der freien Welt“ durch die Zusammenarbeit in multilateralen Organisationen verträglich.

Über die Nato projizieren die USA bis heute ihre militärische Macht. Dass sie dafür den Löwenanteil zahlten, war stets Teil des Kalküls, diese Vormachtstellung von anderen nicht in Frage stellen zu lassen. Was alle US-Präsidenten verstanden haben, dringt in das Denken Trumps nicht ein. Vielleicht lässt er sich von seinen Generälen mal erklären, dass die 152 Militärstandorte in Deutschland heute in erster Linie ein Sprungbrett der US-Streitkräfte nach Afrika, dem Nahen Osten und Südasien sind. Stattdessen tut der US-Präsident beim Nato-Gipfel so, als zahlten die USA für die Sicherheit der anderen Mitgliedsstaaten und erhielten dafür nichts als groben Undank.

Für den Aufbau einer Sicherheitsgemeinschaft, die Europas Grenzen selber verteidigen kann, ist jeder Euro bestens angelegt.

Die Europäer tun gut daran, ihre Verteidigungsetats deutlich aufzustocken. Nicht, um sich den Erpressungstaktiken Trumps zu beugen, sondern um sich vor den Konsequenzen einer möglichen Nato-Dämmerung zu schützen. Für den Aufbau einer Sicherheitsgemeinschaft, die Europas Grenzen selber verteidigen kann, ist jeder Euro bestens angelegt.

Rätsel gibt dieser Gipfel nur dem auf, der sich die schwere Krise im westlichen Bündnis noch immer schönredet. Ansonsten hat Trump beim G-7-Treffen in Kanada und nun auch bei der Nato sonnenklar gemacht, dass die größte Bedrohung des „Westens“ nicht von außen, sondern von innen kommt.

Er verfolgt eine ganz ähnliche Agenda wie Wladimir Putin, der genau wusste, warum er Trump im Wahlkampf half. Die Schwächung der Nato und Spaltung Europas stehen auch ganz oben auf der Wunschliste des Kremls. Bei seinem Treffen in Helsinki wird der US-Präsident von guten Fortschritten berichten können. Trumps Verhalten stellt die Frage, wer der wirkliche „Gefangene“ Russlands ist.

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