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Umstrittene Ungleichheit in Deutschland

Viele Politiker behaupten, dass seit Jahren alle gleich vom Wachstum profitieren. Unser Gastautor hat Zweifel daran.
Christoph Butterwegge, Armutsforscher

Christoph Butterwegge lehrte bis 2016 Politikwissenschaft an der Universität zu Köln.
Christoph Butterwegge lehrte bis 2016 Politikwissenschaft an der Universität zu Köln.

Seit der Jahrtausendwende macht sich die Ungleichheit auch in der Bundesrepublik stärker bemerkbar, als es das harmonische Selbstbild der „Sozialen Marktwirtschaft“ erlaubt. Fortan wurde über das Ausmaß, die weitere Entwicklung und die Entstehungsursachen der Ungleichheit gestritten. Gestützt auf das Institut der Deutschen Wirtschaft (IW), behaupten viele Politiker und Publizisten, dass die Einkommensungleichheit nur bis 2005 gestiegen sei, während seither alle Bevölkerungsschichten in etwa gleichem Maße von der guten wirtschaftlichen Entwicklung profitiert hätten.

Am 1. Januar des besagten Jahres ist das im Volksmund „Hartz IV“ genannte Gesetzespaket der rot-grünen Bundesregierung in Kraft getreten und am 22. November 2005 übernahmen CDU und CSU unter Angela Merkel wieder die Regierungsführung – ein Schelm, wer Böses dabei denkt, dass sich die Kluft zwischen Arm und Reich ausgerechnet von nun an nicht mehr vertieft haben soll! Zu anderen Resultaten gelangte das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), das zwischen 2005 und 2009 sogar einen leichten Rückgang der Einkommensungleichheit festgestellt hatte. Nach dem Ende der Finanzkrise habe sich das Blatt aber wieder gewendet, stellten die Berliner Verteilungsforscher fest.

Sie wiesen für den Zeitraum seit 2010 einen deutlichen Anstieg der Einkommensungleichheit nach. Kürzlich hat das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung dieses Resultat bestätigt. Demnach fanden an den Rändern der Verteilung größere Veränderungen statt, weshalb es zu einer stärkeren Polarisierung der Einkommen gekommen sei. Die Schlussfolgerungen daraus: eine stärkere Besteuerung hoher Einkommen sowie eine deutliche Anhebung des Mindestlohns und der Hartz-IV-Regelbedarfe. Entscheidender als die Einkommensverteilung ist jedoch die Vermögensverteilung, denn selbst hohe Einkommen können aufgrund einer Insolvenz wegfallen, große Vermögen nicht. Weder das DIW noch das WSI berücksichtigen bei ihren Angaben zudem die unterschiedlichen Quellen (Kapital, Lohnarbeit und Grundeigentum) und die unterschiedliche Qualität der von ihnen erfassten Einkommen (Profit, Lohn bzw. Gehalt, Miet- und Pachteinnahmen), was nötig wäre, um die gesellschaftlichen Verteilungsverhältnisse noch fundierter einschätzen zu können.

Die Außenansicht gibt die subjektive Meinung des Autors wieder und nicht unbedingt die der Redaktion.

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