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Netzwelt

Unser seltsamster Erfolg

Aus einem faden Satz der Kanzlerin wird einer der am meisten geklickten Artikel auf mittelbayerische.de. Wie kam es soweit?
von Sebastian Heinrich

Regensburg.Alles beginnt mit einem langweiligen Satz der Bundeskanzlerin. Es ist ein Satz, den Angela Merkel vorträgt wie viele ihrer Sätze: ohne hörbare Leidenschaft, abgelesen von einem Manuskript. Es ist der 2. Dezember 2014, Merkel spricht im Berliner Abgeordnetenhaus, auf dem Festakt zum 125-jährigen Jubiläum der gesetzlichen Rentenversicherung. Der Satz geht so: „Daher bin ich überzeugt, dass sich künftig nur durch eine Mischung gesetzlicher, betrieblicher und privater Altersvorsorge eine angemessene Absicherung im Alter aufbauen lässt.“ Was Merkel sagt, ist wenig überraschend: Dass Arbeitnehmer in Deutschland privat fürs Alter vorsorgen müssen, das wiederholen spätestens seit der Jahrtausendwende führende Politiker von Union, FDP – und Teilen der SPD und der Grünen.

Und doch ist dieser Satz die Grundlage für eine seltsame Erfolgsgeschichte. Am Nachmittag des 2. Dezember 2014 geht auf mittelbayerische.de eine Meldung zu Merkels Rede online – mit dem Titel: „Merkel: Die Rente reicht nicht für alle.“ Und heute ist diese Meldung eine der am meisten geklickten, die je auf unserem Nachrichtenportal veröffentlicht wurden. Über 281 000 Mal wurde sie aufgerufen, immer wieder ist sie ganz oben auf der Liste mit den meist geklickten Artikeln des Tages aufgetaucht. Warum nur? Wir sind auf Spurensuche gegangen.

Die Rede Angela Merkels, mit der alles begann:

Am 2. Dezember 2014, um 13.59 Uhr, verschickt die Nachrichtenagentur dpa eine Meldung mit dem Titel „Merkel hält gesetzliche Rente allein nicht für ausreichend“. Der dpa-Artikel landet in unserem Redaktionssystem, ein Redakteur bereitet ihn etwa eine halbe Stunde später für unsere Leser auf, die Meldung geht auf mittelbayerische.de. Nach mehreren Verfeinerungen steht diese Überschrift: „Merkel: Die Rente reicht nicht für alle“. Das ist eine Zuspitzung – aber sie gibt den Inhalt von Merkels Aussage wieder. Die Meldung zu Merkels Rede beim Rentenversicherungs-Jubiläum wird auch zur Titelgeschichte der MZ am kommenden Tag: „Merkel warnt vor der Altersarmut“ steht am folgenden Tag auf Seite 1 unserer Zeitung. In den Tagen darauf passiert mit der digitalen Meldung – nichts. Monatelang. Buchstäblich null Zugriffe. Bis zum 13. Januar 2016.

14 Monate bis zum ersten Gipfel

An diesem Tag, 14 Monate nach seiner Veröffentlichung, wird der Artikel 158 Mal geöffnet. Dann explodieren die Zugriffszahlen, gemessen haben wir das mit dem Analysetool Google Analytics: Am 14. Januar 31 406 Zugriffe, am 15. Januar 38 267. An einem einzigen Tag. Zum Vergleich: Die Nachricht von der Verhaftung des Regensburger OB Joachim Wolbergs knapp ein Jahr später wird am Tag ihrer Veröffentlichung 35 803 mal geöffnet.

An den Tagen nach dem 14. Januar 2016 flachen die Zugriffszahlen auf „Merkel: Die Rente reicht nicht für alle“ ab. Ein paar Wochen später schnellt die Kurve wieder nach oben: 7 592 Zugriffe am 17. Februar 2016. Dann wieder Flaute, dann, am 29. April, 8 196 Zugriffe. Fast ein Jahr danach, am 31. März 2017, sind es noch einmal 22 589 Aufrufe, am 5. Mai 2017 8 062. Immer wieder schlägt der Zugriffs-Seismograph von Google Analytics aus. Die Dynamik ist stets ähnlich: Erst hat „Merkel: Die Rente reicht nicht für alle“ wochenlang maximal einstellige Zugriffszahlen pro Tag. Dann steigt die Zugriffskurve an einem Tag plötzlich ruckartig an, erreicht einen Höhepunkt – und flacht ein paar Tage später wieder ab. Woher kommen die Nutzer, die sich immer wieder aufs Neue für die Meldung über eine langweilige Rede interessieren?

Die Antwort darauf liefert ebenfalls Google Analytics. Knapp 91 Prozent der Zugriffe auf den Artikel seit Anfang 2016 gehen auf Facebook-Posts zurück. Auf Facebook ist der Artikel so erfolgreich, dass er einen Rekord hält: Nach einer Auswertung des Portals „Buzzfeed News“ ist „Merkel: Die Rente reicht nicht für alle“ bis zur Bundestagswahl 2017 der erfolgreichste wahre deutschsprachige Artikel über die Bundeskanzlerin auf Facebook, erfolgreicher sind nur drei erfundene Nachrichten und ein Meinungsartikel über sie. Insgesamt 98 129 Interaktionen – Reaktionen, Kommentare, Shares – hat der Artikel laut Buzzfeed auf Facebook erhalten. Woher das Interesse kommt, lässt sich mit Crowdtangle feststellen, einem Tool zur Erfolgsmessung von Social-Media-Posts. Und schon mit dem ersten Blick auf die Crowdtangle-Statistik wird klar, aus welcher Richtung die enorme Facebook-Popularität kommt.

Am 14. Januar postet Andreas Mrosek auf seiner Facebook-Seite einen Link zu dem Artikel. Mroseks Seite hat damals 501 Fans, er ist Kandidat der AfD für den Landtag Sachsen-Anhalt, heute sitzt er für die Rechten im Bundestag. Mrosek schreibt über den Post: „Geld verpulvert? Griechenlandrettung? Flüchtlingschaos?“ Dass der Artikel über ein Jahr alt ist, erwähnt Mrosek nicht. Dass die Finanzen der Rentenversicherung herzlich wenig zu tun haben mit Krediten für Griechenland oder der Versorgung von Flüchtlingen, ebenso wenig. Die Spirale der Empörung beginnt, sich zu drehen. „Alles geht auf die Kappe dieser Frau!“ schreibt ein Kommentator unter den Post. Es ist ein zärtlicher Kommentar im Vergleich zu vielen anderen, die in den folgenden Wochen verfasst werden als Reaktion auf diesen MZ-Artikel. Fünf Stunden nach Mroseks Post teilt die erkennbar rechtsextreme Facebook-Seite „Wismar wehrt sich“, 3617 Fans, die Meldung, gut eine Stunde später die Seite „Fuck the EU“, dieselbe politische Schlagseite, 54 418 Fans. In den zwei Tagen darauf wird „Merkel: Die Rente reicht nicht für alle“ von weiteren rechten Facebook-Seiten geteilt, darunter die zweier AfD-Kreisverbände.

Der Ablauf ist immer ähnlich

Bei den Zugriff-Spitzen der folgenden Monate läuft es ähnlich: Der Artikel wird auf einer populistischen bis rechtsextremen Facebook-Seite mit hunderten, tausenden oder zehntausenden Fans geteilt – und dann von weiteren Nutzern und Seiten weiterverbreitet. Seiten von AfD-Verbänden und Republikanern sind darunter, von diversen Pegida-Ablegern.

Es gibt eine Handvoll Ausnahmen: Einmal teilt die Facebook-Seite der Bayernpartei den Artikel (wobei auch erwähnt wird, dass der Artikel alt ist), einmal die eines Freie-Wähler-Kreisverbands – mit deutlich moderateren Kommentaren im Post und darunter. Der überwiegende Teil der Verbreitung aber geht auf rechte Facebook-Seiten zurück, zweimal wird der Artikel auch von der Facebook-Seite „Politik & Zeitgeschehen“ geteilt, der fast 300 000 Facebook-Nutzer folgen, in deren Impressum kein Betreiber aufgeführt ist und die tagtäglich Nachrichten verbreitet, Stimmung gegen etablierte Politiker und Medien schürt. Die Seite ist nicht dezidiert rechts, aber eindeutig populistisch und bedient klare Feindbilder.

Keine neuen Fakten? Egal.

Aber warum genau dieser Artikel? Christoph Neuberger hat ein paar Vermutungen. Er ist Professor am Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung der LMU München. Er mutmaßt, der Artikel könnte, gerade dank seiner zugespitzten Überschrift, besonders stark wirken bei Menschen, die ein gefestigtes Weltbild haben, demzufolge regierende Politiker etablierter Parteien die Bösen sind, samt und sonders unter einer Decke stecken und das einfache Volk betrügen: bei Menschen also, die Verschwörungstheorien besonders zugänglich sind. Der Artikel könne in solchen Milieus als eine Art Leck betrachtet werden: eine einzelne, schockierende Information, die aus dem – um in der Gedankenwelt dieser Gruppe zu bleiben – Lügendickicht herausragt.

In diesem Fall die Information, dass die in rechten Kreisen verhasste Kanzlerin nun endlich zugebe, dass die Rente eben nicht für alle reicht. Dass der Artikel eigentlich keine neuen Erkenntnisse bietet, dass er veraltet ist, spiele dann keine Rolle mehr, meint Neuberger. Fakten, die nicht zu der Verschwörungstheorie passen, blendeten Anhänger dieser Theorie einfach aus. „Das ist das Prinzip der Verschwörungstheorie“, sagt Neuberger. Nachrichten, welche die Theorie scheinbar bestätigen, würden dann in den entsprechenden Milieus – und über in diesem Milieu beliebte Facebook-Seiten – nach dem „Lawinenprinzip“ weiterverbreitet.

Soziale Medien und die Bundestagswahl

  • Einfluss:

    Social Bots, Trolle, Fake News und Verschwörungstheorien in den sozialen Medien haben nach Erkenntnis von Datenwissenschaftlern den Bundestagswahlkampf 2017 beeinflusst – allerdings nur in geringem Maße. Das ist das Ergebnis einer Studie der Hochschule für Politik an der TU München.

  • Professor:

    Simon Hegelich, Professor für „Political Data Science“, hatte im Auftrag der CSU-nahen Hanns-Seidel- Stiftung zusammen mit seinem Team Posts auf Twitter und Facebook ausgewertet, die in Bezug zur Bundestagswahl stehen.

  • Manipulation:

    Eine gängige Form der Manipulation sei es, Trends in den sozialen Netzwerken durch starke Aktivitäten der Nutzer zu beeinflussen. Bekommt eine Nachricht besonders viel Zuspruch, sehen sie automatisch mehr Leute.

  • Misstrauen schüren:

    Gerade Falschnachrichten könnten so insbesondere junge Zielgruppen verunsichern und nachhaltig Misstrauen gegenüber Politik und Medien schüren.

Warum aber kommt die Lawine erst am 14. Januar 2016 ins Rollen, über ein Jahr nach Veröffentlichung des Artikels? Es könnte am Timing liegen. Als der Post des AfD-Politikers Mrosek online geht, sind ein paar Tage zuvor die massiven sexuellen Übergriffe durch Migranten in der Silvesternacht in Köln publik geworden. In den Kommentaren zu den erfolgreichsten Facebook-Posts mit „Merkel: Die Rente reicht nicht für alle“ wird darauf auch immer wieder Bezug genommen.

Dreizehn Monate zuvor, am 2. Dezember 2014, war der Artikel schon einmal gepostet worden, von drei Facebook-Seiten, eine von einem AfD-Politiker, zwei von AfD-Verbänden. Sie wurden insgesamt nur zehnmal geteilt und neunmal kommentiert. Und niemand klickte auf den Artikel – damals, bevor die Flüchtlingskrise die öffentliche Debatte in Deutschland beherrschte.

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