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Politik
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Aussenanischt

Verkehrswende statt Fahrverbote

Fahrverbote können vermieden werden, wenn alle Städte den Mut und die Ressourcen finden, nachhaltige Alternativen umzusetzen.
Achim Dercks, stellvertretender DIHK-Hauptgeschäftsführer

Der Autor ist stellvertretender DIHK-Hauptgeschäftsführer.
Der Autor ist stellvertretender DIHK-Hauptgeschäftsführer.

Berlin.Eine typische Szene aus dem morgendlichen Verkehrschaos in unseren Städten. Im Gegenverkehr steht ein Lieferwagen des Feinbäckers aufgrund einer zugeparkten Lieferzone in zweiter Reihe. Der Lkw des Frischehändlers kommt nicht an ihm vorbei, sodass sich dahinter ein Stau der vielen Pendler bildet. Diese Szene wiederholt sich so oder so ähnlich an Kreuzungen, Baustellen oder Ampeln tausendfach. Um mehr als 30 Prozent erhöht sich damit die Fahrzeit in Deutschlands Großstädten durchschnittlich. Und auf mehr als 130 Stunden pro Jahr summiert sich das je Fahrzeug in Stuttgart, Köln oder München. Doch der Stau ist nicht nur für Unternehmen und Pendler ein Ärgernis: Die Lärm- und Schadstoffemissionen des Verkehrs sind für über 70 Prozent der Stickstoffdioxidbelastung in Städten verantwortlich. Besonders problematisch ist dabei der Stau: im Stop&Go stoßen Diesel-Pkw doppelt so hohe Abgase des Schadstoffs aus, wie im flüssigen Verkehr.

In vielen Städten werden deshalb die zulässigen Grenzwerte für Stickstoffdioxid überschritten. Sollte das Bundesverwaltungsgericht den Klagen Ende Februar Recht geben, müssten Stuttgart und Düsseldorf noch in diesem Jahr Fahrverbote prüfen und - wenn keine Alternative hilft - zeitnah einführen. Weitere Städte mit laufenden Klagen könnten folgen. Für die Wirtschaft wäre das ein herber Einschnitt. Ob Lebensmittelhandel, Wäscherei oder Bauunternehmen: Dreiviertel ihrer Fahrzeuge fahren mit Dieselantrieb. Die bisher vorgelegten Konzepte für Fahrverbote oder Plaketten würden 10 Millionen Dieselfahrzeugen die Fahrt in Städten verwehren. Um die Innenstädte weiterhin mit Waren und Dienstleistungen versorgen zu können, müssten Unternehmen ihre Fahrzeuge verkaufen und neue anschaffen. Die Kosten dafür gingen in die Milliarden.

Fahrverbote gelten zwar als besonders effektiv, weil sie die Hauptursache der Schadstoffbelastung verbieten: Dieselfahrzeuge. Sie sind aber wegen der Wertminderung alter und Anschaffungskosten neuer Fahrzeuge besonders teuer. Zudem zeigt bereits die Erfahrung mit den Umweltzonen, dass der Effekt durch die Anschaffung neuer Fahrzeuge nur vorübergehend die Luft verbessert. Die Verbote verringern auch nicht das Verkehrsaufkommen und die Lärmbelastung. Denn statt mit alten stehen Unternehmen und Pendler mit neuen Fahrzeugen im Stau.

Nachhaltiger wäre es deshalb, stärker in die Chancen der Verkehrswende zu investieren. Das haben viele Städte im Jahr 2017 schon sehr gut gezeigt: Hamburg etwa plant eine digitale Parkraumbewirtschaftung und arbeitet z.B. mit Paketdiensten an einer intelligenten Innenstadtlogistik. Reutlingen baut zusätzlich den städtischen ÖPNV mit Stadtbuslinien aus. Berlin konnte die Verkehrsemissionen durch den Einsatz emissionsarmer Busse senken. Besonders effektiv wirkt Verkehrsverstetigung: Durch die Vermeidung von Stau konnten etwa in Ingolstadt die Verkehrsemissionen um bis zu 30 Prozent reduziert werden.

Fahrverbote können vermieden werden, wenn alle Städte den Mut und die Ressourcen finden, nachhaltige Alternativen umzusetzen. Die vielen Unternehmen und Pendler des morgentlichen Verkehrs werden es ihnen danken.

Der Autor ist stellvertretender DIHK-Hauptgeschäftsführer.

Die Außenansicht gibt die subjektive Meinung des Autors wieder und nicht unbedingt die der Redaktion.

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