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MZ-Wirtschaftsforum

Verlorene Milliarden und Tricksereien

Marc Friedrich und Wolfgang Wiegard diskutierten in Regensburg über den Euro, die Angst vor dem Crash und gute Geldanlage.
Von Stefan Stark, MZ

Kontroverse Diskussion im MZ-Verlag: Marc Friedrich (r.) und Wolfgang Wiegard (rechts von ihm) waren sich nur in einem Punkt einig: dass Griechenland bankrott ist.
Kontroverse Diskussion im MZ-Verlag: Marc Friedrich (r.) und Wolfgang Wiegard (rechts von ihm) waren sich nur in einem Punkt einig: dass Griechenland bankrott ist. Foto: Tino Lex

Regensburg.Zwei Welten prallten am Mittwochabend im MZ-Verlagsgebäude in Regensburg aufeinander: Auf der einen Seite der Eurokritiker und Bestsellerautor Marc Friedrich, der den Euro am Ende sieht und den großen Crash vorhersagt. Als „jungen Wilden“ charakterisierte ihn Moderatorin Christine Hochreiter, die Leiterin der MZ-Wirtschaftsredaktion.

Auf der anderen Seite der renommierte Ökonom Wolfgang Wiegard, „der ältere Weise“ und „Mann der klaren Worte“, der vor immens teuren Folgen für Deutschland warnt, sollte die Eurozone zerplatzen und der Szenarien vom nahenden großen Finanzcrash als Märchen abtut. Einig waren sie sich nur in einem Punkt: Dass Griechenland bankrott ist. Ansonsten gingen die Ansichten der beiden bei Themen wie der Rolle der Banken sowie der richtigen Geldanlage in Zeiten von Niedrigzinsen weit auseinander.

Droht jetzt auch noch der „Frexit“?

150 Gäste waren trotz heißer Temperaturen zum MZ-Wirtschaftsforum gekommen und erlebten einen informativen und stellenweise unterhaltsamen Schlagabtausch. Eine der zentralen Thesen aus Friedrichs Buch „Der Crash ist die Lösung“ lautet, dass Griechenland in der europäsichen Währungsunion nichts verloren habe. „Das gilt bis heute,“ betonte er. „Griechenland ist faktisch bankrott und vielleicht erleben wir noch das vierte, fünfte und sechste Hilfsprogramm.“ Der Erfolgsautor bezeichnete die Rettungspolitik als „Insolvenzverschleppung“. So werde Griechenland nicht gesunden. Und das hätte fatale politische Konsequenzen wie das Erstarken nationalistischer Politiker. „Irgendwann wird Marine Le Pen französische Präsidentin sein und dann droht der Frexit,“ warnte Friedrich.

„Griechenland ist in der Tat ein Problem und solange es in der Währungsunion bleibt, wird das so sein,“ pflichtete Wiegard bei. Auch der frühere Wirtschaftsweise prophezeite, dass das dritte Rettungspaket nicht das Letzte gewesen sei. Vielmehr werde Athen dauerhaft am Rettungstropf hängen. „Für die restliche Währungsunion wäre das Ausscheiden Griechenlands kein Problem geworden, für Athen schon. Deshalb verlässt die Regierung die Währungsunion auch nicht freiwillig,“ sagte Wiegard und ergänzte: „Ein erheblicher Teil des Geldes wird verloren sein.“

Die Motive der Politiker

Hinter dem Kurs der Eurozone stünden politische Überlegungen wie die Sorge um die Nato-Mitgliedschaft Griechenlands und die Furcht vor einer möglichen Destabilisierung der gesamten Region. „Außerdem berücksichtigen die Politiker in diesem Fall natürlich auch, dass sie wiedergewählt werden wollen. Wiegard beschrieb zwei Szenarien: Entweder kommt es irgendwann zum Grexit, oder zur Transferunion. „Auf jeden Fall werden wir noch jahrzehntelang Milliarden bezahlen.“

Friedrich kritisierte die Rolle der Europäischen Zentralbank in der griechischen Tragödie, besonders den Ankauf von Staatsanleihen. Die Griechen hätten sich mit Tricks in die Währungsunion geschummelt und die EZB habe damals beide Augen zugedrückt. „Nun versucht die EZB mit Tricks, Athen im Euroraum zu halten.“ Friedrich zieht eine vernichtende Bilanz: „Der Euro war von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Je länger wir ihn künstlich am Leben halten, desto höher werden die Kollateralschäden – und die bezahlen wir alle.“

Mit solchen Thesen punktete Friedrich bei den Zuhörern, immer wieder brandete Beifall im Publikum auf. Vor allem erntete er scharfen Widerspruch bei Wiegard, als es um die Zukunft der gesamten Währungsunion geht. Wiegard bescheinigte der Rettungspolitik insgesamt erste Erfolge. In anderen Krisenländern wie Portugal, Spanien und Irland steige die Wirtschaftsleistung inzwischen wieder, nachdem sie jahrelang geschrumpft sei. Auch der Weg, den diese Staaten eingeschlagen hätten, sei richtig, Die Regierungen setzten auf Strukturreformen, die wiederum Voraussetzung für langfristiges Wachstum seine. Wiegard verwies auf die Agenda 2010 von Gerhard Schröder, deren Früchte Deutschland später geernett habe. „Das Problem dabei: Es dauert etwas.“

Friedrich: Der Euro ist gescheitert

Friedrich zweifelte Erfolge in den südeuropäischen Staaten an. Dies beruhe auf Statistik-Tricks: „150 000 Jugendliche haben Portugal inzwischen verlassen. Dort gibt es keine wesentliche Besserung.“ Der Euro sei bereits im Jahr 2008 gescheitert und werde von der Politik durchgeschleppt, sagte er. Es gebe einen wesentlichen Konstruktionsfehler: Noch nie in der Geschichte sei es gelungen, in unterschiedlichen Staaten eine gemeinsame Währung einzuführen. Friedrich forderte, den Euro abzuschaffen, nationale Währungen wieder einzuführen und in einem dritten Schritt einen Schuldenerlass. „Selbst Deutschland als Exportweltmeister kann seine Schuldenlast nicht abbauen,“ erklärte Friedrich.

„Die Währungsunion ist nicht gescheitert,“ entgegnete Wiegard. Es gebe keine mathematische Notwendigkeit für diese These, wie sie Friedrich in seinem Buch vertrete. „Der Euro wird bestehen bleiben, wenn auch nicht zwangsläufig mit der Zusammensetzung der aktuell 19 Mitgliedsstaaten.“

„Die Banken kaufen sich vor Gericht frei“

Friedrich rechnet in seinen Bestsellern schonungslos mit dem Finanzsystem ab, das aus den Fugen geraten sei, um jetzt nachzulegen: „Die Banken manipulieren Zinsen, Währungen und Kurse. Dann kaufen sie sich vor Gericht von den Vorwürfen frei.“ Friedrich sprach von mafiösen Strukturen. Nun hätten sich die Banken mit dem billigen Geld der Notenbanken vollgesaugt uns sein jetzt noch mächtiger als zuvor. Mit dem Hinweis auf ihre Systemrelevanz ließen sich sich von den Steuerzahlern retten. Dies würde sich stets so wiederholen, weil die Politik den Banken keine Zügel anlege. Der Crash sei deshalb nur eine Frage der Zeit.

Wieder Szenenapplaus aus dem Publikum. Und wieder scharfer Widerspruch von Wiegard: „Die Lösung besteht nicht darin, einen Crash herbeizusehnen, sondern die Probleme zu beseitigen.“ Die Eigenkapitalquote der Banken sei viel zu gering. Sie trügen kein Risiko, weil der Steuerzahler zur Not einspringe. Wiegard forderte eine Eigenkapitalquote von mindestens 20 Prozent. „Wenn sie dann exzessive Risiken eingehen, tragen sie die Verluste. Doch hier ist die Politik vor der Bankenlobby eingeknickt.“

Vor der Finanzlobby eingeknickt

Friedrich entgegnete: „Ich ersehne den Crash nicht herbei, aber ich befürchte ihn. Die große Koalition hat Zeit vergeudet mit Betreuungsgeld und Pkw-Maut, anstatt eine Bankenreform auf den Weg zu bringen.“ Sie habe vor der Finanzlobby die Waffen gestreckt, sagte Friedrich und fragte ins Publikum: „Wer glaubt, dass die Rettungspolitik Erfolg hat? Keine Hand erhob sich.

Was konkret könnte den Crash nun auslösen, wollte die Moderatorin wissen. „Eine große Bank könnte umkippen, erklärte Friedrich und prophezeite, dass es die Deutsche Bank in den nächsten zehn Jahren nicht mehr geben werde. Friedrichs weitere Szenarien: Japan bedient seine Schulden nicht mehr, ein Flash Crash, der die Weltbörsen in den Abgrund reißt oder ein „Frexit“, also ein Austritt Frankreichs aus der Währungsunion.

„Sie werfen alles in einen Topf, rühren um und haben das Alptraumszenario,“ sagte Wiegard. „Staaten wie Japan oder die USA können nicht pleitegehen und ich wette, dass es die Deutsche Bank noch in zehn Jahren geben wird.

Auch in puncto Geldanlage trennten die beiden Ökonomen Welten. Friedrich warf den Banken vor, dass ihre Beratung den Kunden herbe Verluste einbringe. Er bezifferte den Schaden der Geldanleger auf 50 Milliarden Euro. „Banken und Versicherungen schaffen Produkte, um Geld zu verdienen. Nicht der Kunde steht dabei im Mittelpunkt, sondern der Shareholder-Value.“ Nicht nur Großbanken, auch Sparkassen bekamen ihr Fett weg. Diese nutzten in strukturschwachen Regionen ihre Monopolstellung aus und würden die Kunden mit hohen Dispozinsen und Gebühren abkassieren. Friedrich: „Verlassen sie sich bei der Geldanlage auf ihr Bauchgefühl und auf Sachen, die sie verstehen und die sie anfassen können. Es gehe heute nicht mehr darum, Vermögen aufzubauen, sonder Vermögen zu erhalten. Raus aus Papierwerten, rein in Sachwerte,“ lautete Friedrichs Credo. Geld gehöre überall hin, nicht nicht aufs Bankkonto. „Denn dann kann man enteignet werden.“

Das Geld unter die Matratze?

Wiegard fand diese Anlageempfehlungen skurril: „Geld unter der Matratze, Gold im Kühlschrank, keine Schulden mehr machen? Wie soll man eine Immobilie ohne Kredit erwerben,“ fragte Wiegard. Mit Aktien könne man übrigens sehr gut Geld verdienen, sagte er und empfahl den Anlegern sogenannte ETF-Papiere – die einen Aktienindex abbilden und deren Rendite nicht durch Provisionen aufgefressen wird. Und falls der Crash doch kommt? Friedrich verwies darauf, dass sich die DAX-Kurse binnen kurzer Zeit verdreifacht hätten und die Geldmenge sich verdoppelt habe. Er befürchtete eine Börsenblase, die platzen müsse. Wiegard dagegen sieht den DAX „irgendwann bei 20 000 Punkten“ und verwies auf die langjährige Durchschnittsrendite deutscher Aktien zwischen sechs und sieben Prozent.

Zwei Ökonomen – zwei konträre Meinungen zu den meisten Themen des Abends: Aus diesem Spannungsfeld bezog die Diskussion mit Friedrich und Wiegard ihren besonderen Reiz. Und in einem Punkt zeigten sich die beiden versöhnlich: Man könne sich in einem Jahr noch einmal am selben Ort treffen, um zu überprüfen, wer die besseren Vorhersagen machte.

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