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Meinung

Verstrahlt: Die Energiewende auf Abwegen

Die Katastrophe von Fukushima ist sechs Jahre her. Die Lehren daraus haben die Regierenden schon vergessen.
Von Pascal Durain, MZ

  • Ein Satellitenfoto zeigt das Atomkraftwerk Fkushima I wenige Sekunden nach einer Explosion in Reaktor 3, aufgenommen am 14.03.2011. Foto: Digital Globe
  • MZ-Redakteur Pascal Durain

Am 11. März 2011, 19.03 Uhr, verkündet die japanische Regierung den nuklearen Notstand. Ein Erdbeben vor der Pazifik-Küste hat zuvor im Kernkraftwerk Fukushima Daiichi eine Kernschmelze verursacht. Luft, Böden, Wasser und Nahrungsmittel werden verstrahlt. Hunderttausende Menschen müssen evakuiert werden und in Zeltstädte umziehen; Hunderte werden in der Folge sterben. Fukushima – das steht für eine Katastrophe, aber auch für ein wichtiges Signal: Der Ausstieg aus der Atomenergie ist nicht nur machbar, er ist notwendig und richtig.

Die Bundesregierung hat wenige Wochen später eine mutige Entscheidung getroffen, aus der Kernenergie bis 2022 auszusteigen. Nur scheinen sechs Jahre nach dem verheerenden Erdbeben die wesentlichen Lehren schon vergessen worden zu sein. Denn die Energiewende in Deutschland ist nahezu ausgebremst – und die Atomkraft feiert weltweit Renaissance. Auch wenn zumindest hierzulande die immer wiederkehrende Suche nach einem Endlager verdeutlicht, wie viel gefährlicher Müll durch den Betrieb von Atomkraftwerken entsteht, für den es nach wie vor keine Lösung gibt. Strahlen werden die Castoren dagegen aber noch in tausend Jahren.

Niemand behauptet, die Energiewende sei leicht zu schaffen. Sie ist eine Herausforderung, der sich Gesellschaft und Politik gleichermaßen stellen müssen. Ein Weg aus der Energiekrise soll der „SüdostLink“ sein, eine Stromtrasse die quer durch Deutschland respektive durch die Oberpfalz verläuft. Der Zustand bestehender Trassen darf als marode bis katastrophal beschrieben werden. 4000 Kilometer neue Hochspannungsleitungen sind notwenig. Doch dagegen regt sich Widerstand. Dass Energiekonzerne wie RWE oder Eon den Staat aber noch auf Schadensersatz für drei Monate Moratorium verklagen, nachdem sie bereits Jahre lang Milliarden Euro an Subventionen kassiert haben, regt dagegen kaum jemanden auf.

Vom „Berliner Flughafen der Energiewende“

Niemand im Freistaat würde wohl behaupten, er oder sie sei gegen Ökostrom oder die Energiewende (außer er oder sie ist bei der AfD, dann ist der Klimawandel nur ein Gerücht). Doch Windräder oder Stromleitungen in Sichtweite scheinen nur für wenige überhaupt akzeptabel zu sein. Und darum verläuft Bayerns künftige Stromtrasse nun nicht ober-, sondern unterirdisch. „Erdverkabelung“ – so heißt das Erfolgsrezept, um Akzeptanz zu schaffen. Dabei verursachen jene Kabel, die unerprobt und gefährlich sind, Mehrkosten von knapp 15 Milliarden Euro. Und laut dem Bundeswirtschaftsministerium können diese Kosten noch höher anfallen.

Die Entscheidung für eine Erdverkabelung hat höchstens einen ästhetischen Vorteil (und auch der hält sich in Grenzen, weil man Zufahrtswege und Wartungshäuschen errichten muss), aber keinen ökologischen: Das Erdreich um ein solches Starkstromkabel erwärmt sich – teilweise um bis zu 20 Grad. Die Folgen für Flora und Fauna und somit auch für die Landwirtschaft sind massiv. Das magnetische Feld eines Erdkabel ist dazu tatsächlich stärker als das unter einer Freileitung. Kommt es zu einem Kurzschluss zwischen zwei Erdkabelstücken, folgt eine ordentliche Explosion. Michael Sterner, Professor an der OTH Regensburg für Energiespeicher, bescheinigte dieser Art des Ausbaus bereits das Potenzial zum „Berliner Flughafen der Energiewende” zu werden.

Während die Bundesnetzagentur und Netzbetreiber stets einen Endpunkt in Schwaben favorisiert haben, soll die Stromautobahn nun in Landshut enden. Dabei ist jener Endpunkt weder energiewirtschaftlich noch technisch begründbar, sagt Experte Sterner. Der Großteil Strom im Freistaat wird in Schwaben und Oberbayern gebraucht. Der Endpunkt in Niederbayern ist daher eine rein politische Entscheidung, die nicht nur für Experten keinen Sinn macht.

Und trotzdem: An der Energiewende kann kein Weg vorbei führen. Die Folgen des Atomausstiegs werden für neue Belastungen bei den Betroffenensorgen, die politische Umsetzung wirkt an vielen Stellen nicht gerade ausgereift. Aber all das ist nichts im Vergleich zu dem, was Fukushima der Welt vor Augen geführt hat: Die Unbeherrschbarkeit eines atomaren Unfalls. Wer glaubt, Japan sei weit weg, der sollte sich an den 26. April 1986 erinnern und an das, was in einem Ort namens Tschernobyl geschah.

Ein umfangreiches Dossier über die Reaktorkatastrophe von Fukushima finden Sie hier.

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