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Geschichte

Vor 25 Jahren war die Ära Honecker zu Ende

Erich Honecker war einst der mächtigste Mann der DDR. Am Ende wurde er von den eigenen Genossen als Sündenbock für die Misstände im Land abserviert.
Von Reinhard Zweigler, MZ

Als Staats- und Parteichef war Erich Honecker der mächtigste Mann der DDR. Foto: dpa

Berlin.1989, das 40. Jahr der DDR, war in jeder Hinsicht kein gutes Jahr für Erich Honecker. Auf dem Gipfeltreffen des Warschauer Paktes im Juli in Bukarest übermannte ihn eine Gallenkolik. Er musste im Regierungskrankenhaus von Diktator Nicolae Ceausescu behandelt werden, ehe er nach Ost-Berlin zurückfliegen und dort operiert werden konnte. Die Sensation der Tagung bekam Honecker gar nicht direkt mit. Kremlchef Michail Gorbatschow verkündete die Abkehr von der sogenannten Breshnew-Doktrin.

Differenzen mit Gorbatschow

Damit wurde das Ende der sowjetischen Bevormundung, aber auch der Bestandsgarantie für die Staaten des sozialistischen Paktes erklärt. Es wurde jedem einzelnen Staates das Recht eingeräumt, „selbstständig seine eigene politische Linie, Strategie und Taktik ohne Einmischung von außen auszuarbeiten“. Dem gesundheitlichen folgte ein politischer Tiefschlag für den orthodoxen Kommunisten Honecker, der sich immer an Moskau orientiert hatte. Seit Gorbatschows Machtantritt und dessen Perestroika (Umgestaltung) und Glasnost (Offenheit) fremdelte Honecker jedoch mit dem „großen Bruder“.

Nach der schweren Operation war der mächtigste Mann der DDR – Generalsekretär des SED-Zentralkomitees, Vorsitzender des Staatsrates sowie Chef des Nationales Verteidigungsrates – bis Ende September nahezu außer Gefecht gesetzt. Informationen über die sich zuspitzende Lage in der DDR, Botschaftsflüchtlinge, Proteste, nahm er nur „gefiltert“ über seine Vertrauten im SED-Politbüro wahr. Lediglich einen öffentlichen Auftritt gab es. Honecker nahm Mitte August im Kombinat Mikroelektronik Erfurt das erste Funktionsmuster eines 32-bit-Mikroprozessors in Empfang. Dabei erklärte er: „Den Sozialismus in seinem Lauf hält weder Ochs noch Esel auf.“

Zu den Feierlichkeiten des 40. Jahrestages der DDR war Honecker wieder auf den Beinen. Doch die Gespräche mit Gorbatschow verliefen eisig. Der KPdSU-Chef forderte Reformen ein. Honecker konterte trocken und pries die Errungenschaften der DDR. Zwei Tage nach den Feiern am 7. Oktober in Berlin fiel in Leipzig die Entscheidung der friedlichen Revolution. Honecker hatte die Demonstration in der Messestadt am 9. Oktober auch durch den Einsatz von Panzern verhindern wollen. Doch Verteidigungsminister Fritz Streletz sowie Stasi-Chef Erich Mielke konnten ihn von diesen Plänen abhalten.

Der Widerstand der eigenen Genossen gegen Honecker sowie der Plan zu seinem Sturz formierte sich da längst. Der Machthaber sollte als Sündenbock für all die Missstände, die sich unter seiner Herrschaft angehäuft hatten, in die Wüste geschickt werden. In der Politbüro-Krisensitzung am 10. Oktober wurde der SED-Chef auf Drängen von Egon Krenz, eigentlich Honeckers „Kronprinz“, aufgefordert, bis Ende der Woche einen Lagebericht vorzulegen. Krenz sicherte sich derweil die Unterstützung von Armee, Polizei und Staatssicherheit. Politbüro-Mitglied und Gewerkschaftschef Harry Tisch informierte derweil am Rande eines Moskau-Besuches Gorbatschow über die geplante Absetzung Honeckers. Der Kremlchef wünschte viel Glück.

Dann ging alles recht schnell. Am Morgen des 17. Oktober erschien Honecker als Letzter in der Sitzung des Politbüros, des obersten Machtzirkels der SED. Noch während er die Sitzung eröffnete, meldete sich Willi Stoph, Regierungschef und langjähriger Vertrauter, zu Wort. Er stellte den knappen Antrag, Honecker von sämtlichen Funktionen abzulösen.

Nach Honecker kam Krenz

Tief getroffen, dass der Vorschlag von Stoph kam, wehrte sich Honecker mit einer verbitterten, aber angriffslustigen Verteidigungsrede. Doch vergebens. Als 21. und letzter Redner erklärte Krenz seine Bereitschaft, die Führung in Partei und Staat zu übernehmen. Eilig wurde für den kommenden Tag die Sitzung des rund 200-köpfigen Zentralkomitees einberufen. Sie dauerte gerade mal 20 Minuten. Honecker stimmte dem eigenen Sturz zu. Sein Nachfolger Krenz verkündete die „politische Wende“ in der DDR. Der Niedergang des Staates konnte jedoch nicht mehr aufgehalten werden.

Honecker wurde kurz darauf aus der SED ausgeschlossen. Die Ost-Berliner Staatsanwaltschaft ermittelte gegen ihn wegen Amtsmissbrauch. Er kam wieder ins Krankenhaus, wo ein Nierentumor entdeckt und entfernt wurde. Weil er sonst kein Quartier fand, bot ihm der evangelische Pfarrer Uwe Holm Asyl an. Nach Protesten vor dem Pfarrhaus zog die Familie Honecker in das Hospital der Sowjetarmee im brandenburgischen Beelitz, von dort ging es nach Moskau. Präsident Jelzin lieferte den ungebetenen Gast im Juli 1992 an die Berliner Staatsanwaltschaft aus, die wegen der Todesschüsse an der Mauer ermittelte. Weil Honecker an einem Lebertumor litt und verhandlungsunfähig war, wurde er jedoch nach 169 Tagen Untersuchungshaft in Freiheit entlassen. Er starb am Mai 1994 in Chile, wohin seine Familie übersiedelt war.

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