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Bildung

Wer nur wischt, hat Nachteile

Viele Politiker fordern das digitale Klassenzimmer. Doch ein Hirnforscher warnt: PCs im Unterricht schaden den Schülern.
Von Reinhard Zweigler

Ein Schüler arbeitet im Unterricht mit dem iPad: In Bayern steht die Digitalisierung der Schulen ganz oben auf der Tagesordnung. Foto: Ina Fassbender/dpa

Für die Grundschullehrerin Diana Metz aus Offenstetten im Landkreis Kelheim ist das „digitale Klassenzimmer“ ein Segen. Die Jungen und Mädchen sind mit Eifer bei der Sache, arbeiten an ihren iPads oder am großen Flachbildschirm, der die herkömmliche Tafel und Kreide ersetzt hat. Sie rechnen und schreiben, erstellen Präsentationen – alles digital. Mit einem Wisch über den Bildschirm sozusagen „Die Schüler lieben die Arbeit mit dem iPad“, sagte die Lehrerin. Im Rahmen des Modellversuchs „Digitale Schule 2020“, durchgeführt vom Bildungspakt Bayern, wird an der Grundschule der Umgang mit digitalen Mitteln erprobt.

Staatsministerin Dorothee Bär will Deutschland in die digitale Champions League führen. Foto: afp

Kräftigen politischen Rückenwind dafür gibt es sowohl aus München, als auch aus Berlin. Die Digitalisierung an den Schulen steht beim neuen bayerischen Bildungsminister Bernd Sibler, als auch bei Digitalminister Georg Eisenreich (beide CSU), der als früherer Staatssekretär im Bildungsministerium den Modellversuch maßgeblich mit auf den Weg gebracht hatte, ganz oben auf der Agenda. Und die ebenfalls neue Digital-Staatsministerin im Berliner Kanzleramt, Dorothee Bär (CSU), will etwa, dass bereits Kinder in der Grundschule das Programmieren von Computern erlernen sollten.

Insgesamt lautet der Tenor der Politik: Wenn deutsche Schulen nicht den Anschluss an die Digitalisierung schaffen, dann gehen in den nächsten Jahren jede Menge Arbeitsplätze in diesem wichtigen Wirtschaftsbereich, dann gingen „Riesenchancen“ verloren.

Doch unter Wissenschaftlern, Lehrern und Eltern ist das „digitale Klassenzimmer“ durchaus umstritten. Einer der schärfsten Kritiker ist der Ulmer Psychiater und Hirnforscher Manfred Spitzer. In vielen Büchern und kürzlich im Deutschlandfunk warnte der Professor eindringlich. Die Verwendung von Computern, iPads und dergleichen im Schulunterricht produziere digitale Analphabeten.

Diabetes und Schlafstörungen

Nachgewiesen sei, dass etwa die Verwendung von Smartphones bei Kindern verantwortlich wäre für das Entstehen von Kurzsichtigkeit, Diabetes, Schlafstörungen und Depressionen. Spitzer argumentierte mit Blick auf das Lernen in der Schule, Kinder müssten Dinge anfassen, im wahrsten Sinne des Wortes „begreifen“, um mit ihnen umgehen zu können. „Wenn heute die Kinder an die Schule kommen und können keinen Griffel mehr halten, weil sie sich nur noch mit Wischen über die Glasoberfläche beschäftigt haben und ihre Hand damit weder motorisch, noch sensorisch in irgendeiner Weise vernünftig trainiert haben, dann haben sie einen großen Nachteil. Wir ziehen uns eine Generation von Behinderten heran.“

•Professor Dr. Dr. Manfred Spitzer widmet sich den Menschen, insbesondere dem Gehirn – eine faszinierende Thematik. Fotos: cds

Er kritisierte auch Staatsministerin Bär. In der Grundschule könne man nicht bereits das Programmieren lernen. Dagegen verwies Spitzer darauf, „je mehr Fingerspiele Kinder im Kindergarten machen, desto besser sind sie mit 20 in Mathematik, weil die Zahlen über die Finger und deren komplexen Gebrauch ins Gehirn kommen“. Dabei stützte sich Spitzer auch auf den inzwischen verstorbenen Mitbegründer von Apple und Erfinder des iPads, Steve Jobs. Der hatte erklärt: „Tablets sind nichts für meine Neffen in der Schule.“ Der Hirnforscher Spitzer führte ebenfalls an, dass Länder wie Australien oder Finnland, die viel in die Digitalisierung der Schulen investiert hätten, inzwischen PCs und Tablets wieder aus den Schulen geräumt hätten. Die Lernleistungen der Schüler waren, gemessen im Pisa-Test, schlechter geworden.

Michael Gruber, Elternvertreter an der niederbayerischen Modellversuchs-Grundschule gibt Spitzer zumindest teilweise Recht. Erst müssten die Jungen und Mädchen in der Grundschule etwa Kopfrechnen und Schreiben lernen und Spaß am Lernen empfinden, dann könnten sie später auch erfolgreich PCs bedienen und wären gut auf das reale Erwachsenenleben vorbereitet.

Acht bayerische Schulen im Modellversuch

  • Ab dem Schuljahr 2017/18 wird im

    Modellversuch „Digitale Schule 2020“ an acht bayerischen Schulen der systematische Einsatz digital-gestützten Lernens und Arbeitens in der Schule entwickelt und erprobt. „Unsere bayerischen Schülerinnen und Schüler müssen lernen, sich in einer zunehmend digitalisierten Welt zurechtzufinden. Der kompetente Umgang mit Informations- und Kommunikationstechnologien stellt heute neben Lesen, Schreiben und Rechnen eine vierte Kulturtechnik dar“, sagte zum Start des Versuchs der heutige bayerische Digitalminister Georg Eisenreich (CSU) vor einem Jahr.

  • Bereits im vorhergehenden Schuljahr

    2016/17 waren Lehrkräfte der am Modellversuch beteiligten Schulen in Fortbildungen vorbereitet worden. Beteiligt sind Grundschulen, Mittelschulen, Realschulen sowie Gymnasien. Es geht um den Einsatz digitaler Medien für alle Fächer und alle Jahrgangsstufen. Das Modellprojekt endet im Jahr 2020.

  • Im Dezember 2017 kamen zwölf neue

    Netzwerkschulen in Bayern hinzu, die ebenfalls am Modellversuch teilnehmen. Das Projekt wird von der Stiftung Bildungspakt Bayern durchgeführt sowie von der vbw – Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft als Hauptsponsor unterstützt. Die Netzwerkschulen arbeiten daran, qualitativ hochwertige Konzepte für die systematische Integration digitaler Medien in den Schulalltag zu entwickeln. Ihre Ergebnisse werden sie anschließend allen bayerischen Schulen zur Verfügung stellen, sagte vbw-Hauptgeschäftsführer Bertram Brossardt.

  • Brossardt erklärte die Vertiefung von

    Computer-Wissen und -Fähigkeiten bei den bayerischen Schülern zur „zentralen Herausforderung“ für das Bildungssystem: Die Digitalisierung sei ein entscheidender Wachstumstreiber. Darum müssten digitale Technologien frühestmöglich im Bildungsbereich verankert werden. (Informationen unter http://bildungspakt-bayern.de/digitale-Schule-2020/ )

Kritik an Schwarz-Weiß-Malerei

Der Würzburger Medienpsychologe Markus Appel hält dagegen von Spitzers Ansichten gar nichts. „Ich denke, dass Computer und Tablets et cetera sehr wohl etwas im Unterricht zu suchen haben, aber es kommt eben darauf an, was man damit macht. Das heißt, Tablets allein, Computer allein, die erbringen sicherlich keine positiven Lernwirkungen.“ Jede Schwarz-Weiß-Malerei sei in diesem Zusammenhang fehl am Platz, sagte Appel. Wichtig sei ein durchdachtes didaktische Konzept, das hinter dem Einsatz digitaler Medien in den Schulen stehe. Der Würzburger räumte ein, dass auch noch sehr viel Forschung notwendig sei, wie man die neuen digitalen Möglichkeiten im Unterricht und darüber hinaus, etwa im Elternhaus, sinnvoll nutzen könne.

Der Elternvertreter Gruber verwies darauf, dass Internet, Tablets, PCs und dergleichen den Kindern aus allen Schichten zur Verfügung stehen müssten. Das dürfe nicht vom Geldbeutel der Eltern abhängig sein. Die Grundschullehrerin Diana Metz führte noch ein weiteres ganz praktisches Problem an. An den Schulen gebe es so gut wie keine Systembetreuer, die Abhilfe schaffen können, wenn mal das WLAN oder Technik ausfalle. Auch seien viele Lehrer auf den sinnvollen Einsatz digitaler Medien im Unterricht gar nicht vorbereitet. Es ist offenbar noch ein weiter Weg zum „digitalen Klassenzimmer“.

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