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Pressefreiheit

Wichtiger Verstärker der Demokratie

Der Geschäftsleiter des Mittelbayerischen Druck- und Logistikzentrums, Bernd Riffel, über die Bedeutung des Zustellnetzes
Von Christine Strasser

Mit „Rauschen“ hat Norbert Bisky sein Bild zum Tag der Pressefreiheit betitelt. Foto: Norbert Bisky und VG-Bild-Kunst, Bonn / Bernd Borchardt
Mit „Rauschen“ hat Norbert Bisky sein Bild zum Tag der Pressefreiheit betitelt. Foto: Norbert Bisky und VG-Bild-Kunst, Bonn / Bernd Borchardt

Regensburg.Der Geschäftsleiter des Mittelbayerischen Druck- und Logistikzentrums, Bernd Riffel, betont die Bedeutung eines flächendeckenden Zustellnetzes für die Pressevielfalt. Die flächendeckende Infrastruktur sei einzigartig und ein nicht zu unterschätzender Demokratieverstärker.

Wenn andere noch tief schlafen, sind die Zusteller der Mittelbayerischen schon unterwegs – und das bei Wind und Wetter. Ohne sie käme keine Zeitung in die Briefkästen der Leser. Welche Bedeutung hat die gedruckte Zeitung im Jahr 2019 noch trotz aller Digitalisierung?

Ein erheblicher Teil unserer Leser schätzt es, gerade die gedruckte Zeitung frühmorgens zu lesen, sich in die Texte und Bilder auf Papier zu vertiefen, und ist eben nicht bereit, die gedruckte Zeitung durch ein elektronisches Pendant zu ersetzen. Für uns wäre es sicherlich viel einfacher und kostengünstiger, wenn unsere Abonnenten die journalistisch-redaktionellen Inhalte ausnahmslos in digitaler Form lesen wollten. Diese Vorstellung hat aber mit der Realität nichts zu tun. Vielmehr werden unsere Kunden auf die Tagespresse oft ganz verzichten, wenn diese nicht mehr wie gewohnt morgens früh als gedrucktes Exemplar im Briefkasten landet. Sie werden damit auch auf demokratische Teilhabe verzichten.

Wenn die Zeitung die Leser nicht mehr erreicht, dann ist es mit der Pressefreiheit ganz schnell schlecht bestellt. Reporter könnten noch so aufrüttelnde und mitreißende Geschichten schreiben, sie würden vielfach unbeachtet bleiben. Austräger sind also ein bedeutender Faktor für eine freie Presse. Wie viele Zusteller sind jeden Tag für die MZ unterwegs?

Bernd Riffel ist der Geschäftsleiter des Mittelbayerischen Druck- und Logistikzentrums. Foto: Straßer
Bernd Riffel ist der Geschäftsleiter des Mittelbayerischen Druck- und Logistikzentrums. Foto: Straßer

1200 Zusteller bringen jede Nacht die 91 000 Tageszeitungen zu den Lesern im Verbreitungsgebiet der Mittelbayerischen. Sie legen dabei pro Zustelltag insgesamt 12 600 Kilometer zurück – zu Fuß, auf dem Fahrrad oder mit dem Auto. Das Zeitfenster ist klein. Dem Zusteller bleiben zwei bis drei Stunden, um die Zeitungen auszutragen. Bis spätestens 6 Uhr muss die Tageszeitung zugestellt sein. Insgesamt beschäftigen wir aber 4217 Zusteller, die pro Woche auch rund 1,1 Millionen Anzeigenblätter und jeden Tag bis zu 100 000 Briefe austragen. Wir starten mit der Logistik in unserem Druck- und Logistikzentrum in der Rathenaustraße im Regensburger Stadtosten. Nach dem Druck der Zeitung werden im ersten Schritt zusätzliche Produkte beigelegt. Das ist die Fernsehzeitschrift, das sind Werbebeilagen oder unsere Wochenendausgabe. Dann werden die Zeitungen in 30er-Pakete geschnürt und verpackt. Von 100 Transportern werden die Pakete abgeholt. Diese fahren die Zeitungen zu den Zustellern im ganzen Verbreitungsgebiet und laden sie an rund 1900 Abladestellen ab. Die Zeitungspakete werden also zu den Zustellern gebracht.

Die meisten machen das als Minijobber?

Ja. Mehr als 90 Prozent unserer Zusteller stellen Zeitungen als Zuverdienst im Minijob zu, zur Aufbesserung der Haushaltskasse, als Zuverdienst zur Rente oder Finanzierung des Studiums. Die meisten Zusteller suchen sich auch ganz gezielt einen Minijob aus. Durch die aktuelle Begrenzung des Minijobs auf maximal 450 Euro pro Monat und durch den steigenden Mindestlohn reduziert sich die tägliche Arbeitszeit zunehmend. Zusammen mit dem Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) fordern wir deshalb, die Minijobgrenze auf 650 Euro anzuheben und dann im Gleichschritt mit dem Mindestlohn mitwachsen zu lassen, so dass auch die im Minijob Beschäftigten durch die Mindestlohnerhöhungen tatsächlich mehr verdienen können.

Meinung

Meinungsfreiheit ist anstrengend

Mit Meinungsvielfalt kommt nicht jeder klar. Am Tag der Pressefreiheit sollte man überlegen, wie Deutschland ohne aussähe.

„Weiße Flecken auf der Deutschlandkarte dürfen wir nicht zulassen. Das Zustellnetz der deutschen Tageszeitungen ist ein nicht zu unterschätzender Demokratieverstärker“, sagt BDZV-Präsident Mathias Döpfner. Warum ist das Zustellnetz so wertvoll?

Die Zeitungszustellung ist Grundlage für die unabhängige meinungsbildende Medienvielfalt als unverzichtbarer Grundpfeiler der Demokratie bis in den lokalen Raum. Weiße Flecken im Zustellernetz würden Raum bieten für beispielsweise hetzende extremistische Nischen. Die Zeitungszustellung versorgt alle Bürger mit unabhängigem und qualitätsvollem Journalismus. Aber wegen der extrem gewachsenen finanziellen Belastung der Zeitungszustellung wurden bereits einzelne Pressetitel eingestellt. Zusteller im ländlichen Raum sind sehr bedeutsam. Das Zustellnetz ist eine Infrastruktur von erheblichem gesellschaftlichen Wert wie Telekommunikation, Strom, Verkehr oder medizinische Versorgung. Ein Wegfall dieser Infrastruktur würde viele Menschen von der Lokal- und Regionalberichterstattung abschneiden. Wir haben in unserem Verbreitungsgebiet immer mehr Ortschaften, in denen es gar keine Geschäfte mehr gibt und somit auch keine Einzelverkaufsstellen. Sollte die Zeitung also nicht per Zusteller zu den Menschen kommen, könnten sie die Zeitung auch nirgends im Ort kaufen.

Wie hat sich die Zahl der Zusteller in den letzten Jahren verändert?

Die Zahl der Zusteller ist deutlich rückläufig, wir suchen eigentlich immer neue Zusteller. Es gibt ganz verschiedene Beschäftigungsmodelle im gesamten Verbreitungsgebiet, nicht nur im Minijob, sondern auch im Midijob, in Teilzeit und es gibt auch Vollzeit-Springerstellen. Wir haben im Moment ungefähr 200 offene Stellen. Auf der Seite www.m-zusteller.de können sich Interessierte jederzeit bei uns bewerben.

Wie versuchen Sie, die Probleme der Zusteller-Knappheit zu lösen?

Die Zusteller legen weitere Wege zurück. Wir setzen auch Springer ein, die kurzfristig aushelfen können. Durch Flexibilität wollen wir den Job attraktiv machen. Zusteller können von einer halben Stunde am Tag bis zu sieben, acht Stunden arbeiten. Sie sollen sich ihre Arbeitszeit möglichst frei einteilen können. Uns ist nur wichtig, dass die Leser ihre Zeitung auf dem Frühstückstisch haben. Man sollte auch nicht vergessen, dass man diesen Job von der eigenen Wohnungstür aus erledigen kann. Das ist ein Vorteil: Man muss nicht erst irgendwo hinfahren, um zu arbeiten. Es ist ein Job für Frühaufsteher, die das vielleicht auch mit ihrem Sportprogramm verbinden möchten.

Der BDZV schreibt in einer Mitteilung, dass die Zustellung die Verlage im vergangenen Jahr insgesamt 1,3 Milliarden Euro gekostet hat. Das sind 300 Millionen Euro mehr als im Jahr 2014. Warum hat sich die Zustellung so sehr verteuert?

Wir mussten das Vergütungsmodell komplett umstellen. 2015 sind wir vom Stücklohn auf den Stundenlohn umgestiegen, zudem ist seitdem der Mindestlohn für Zeitungszustellung stetig gestiegen, nur in dem Zeitraum von 2015 bis 2019 um über 40 Prozent. Vorher haben wir pro ausgetragener Zeitung bezahlt. Heute wird die Arbeitszeit bestimmt. Die Abrechnungsmodalitäten mussten verändert werden. Das war mit einem enormen Verwaltungsaufwand für die Verlage verbunden.

Wenn sich die Zustellung nicht mehr betriebswirtschaftlich vertretbar abbilden lässt, dann ist auch die örtliche Lokalberichterstattung in Teilen gefährdet. Der BDZV fordert deshalb, dass die Kosten für die Zustellung gesenkt werden: Zum Beispiel sollen Verlage weniger Sozialabgaben für Minijobber zahlen müssen. Außerdem soll der Staat die Infrastruktur fördern, damit die Zustellung auch im ländlichen Raum gesichert ist. Was halten Sie von diesen Vorschlägen?

Ich halte sie für sinnvoll. Die Kosten für die Zustellung steigen. Weil Abonnentenzahlen und Anzeigenerlöse zurückgehen, nehmen die Verlage weniger Geld ein. Wenn die Zustellung so teuer wird, dass sie sich Verlage nicht mehr leisten können, ist die Pressevielfalt in Gefahr. Im Koalitionsvertrag ist eine Absenkung der Arbeitgeberbeiträge im Bereich geringfügig beschäftigter Zusteller zur Rentenkasse auf fünf Prozent vereinbart. Mir ist dabei wichtig, dass für die Zusteller keine Nachteile entstehen. Sie bekommen dadurch nicht weniger Lohn. Auch die Rentenansprüche verringern sich nicht, weil die finanzielle Lücke vom Staat übernommen werden muss. Auch eine Förderung der Zeitungszustellung ist nicht ungewöhnlich. Das gibt es bereits in anderen Ländern. Zum Beispiel Frankreich, Österreich, Schweden oder auch die Schweiz fördern ihre nationale Presselandschaft.

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