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Deutsche Einheit

Wie andere Länder Deutschland sehen

Wie denken andere Länder über die Bundesrepublik, 25 Jahre nach der Wiedervereinigung? Wir haben nachgefragt.
Von unseren Korrespondenten

Schwarz, Rot und Gold: Die Flagge ist ein Symbol für Deutschland. Aber wie blicken andere Staaten auf uns?
Schwarz, Rot und Gold: Die Flagge ist ein Symbol für Deutschland. Aber wie blicken andere Staaten auf uns? Foto: dpa

Regensburg.Es gibt ein paar Dinge, die Deutschland nicht abstreiten kann: Es ist zu einem Land geworden, ohne das in Europa nichts mehr geht. Auch international blicken viele Staaten auf die Bundesrepublik. Nur die Deutschen selbst haben immer noch Probleme damit, was sie eigentlich sind: eine Weltmacht? Eine Wirtschaftsmacht? Überhaupt, mit „Macht“ kann auch die deutsche Politik nicht viel anfangen. Aber ganz ohne Selbstbewusstsein tritt das vereinigte Deutschland nicht auf. Und was sagen die Menschen in den Staaten um uns herum? Sind wir Zuchtmeister oder Zahlmeister? Freund oder Fremde? Wir haben unsere Korrespondenten gefragt, uns Eindrücke zu schildern aus den Ländern und Regionen, aus denen sie berichten.

Norbert Mappes-Niediek, Österreich:

„Ohne die Deutschen wüssten die Österreicher nicht, wer sie sind“

Norbert Mappes-Niediek

Süffisant wurde der Merkel-Satz zitiert, jetzt, in der Flüchtlingskrise, sei neben der „superen“ deutschen Gründlichkeit auch „deutsche Flexibilität“ gefragt – in österreichischen Ohren so etwas wie ein schwarzer Schimmel. Auf der einen Seite des traditionellen Klischees sind Deutsche pedantisch, überheblich, großspurig, platt und geschmacklos. Auf der anderen Seite steht von jeher Bewunderung für die Eloquenz der Deutschen, ihre Unkompliziertheit, ihre Konsequenz. Man glaubt, das Nachbarland bestens zu kennen; zwischen In- und Ausland gibt es eine dritte Kategorie, die „deutscher Sprachraum“ umfasst und bei der niemand an die Schweiz denkt. Ist man „draußen“ in Deutschland, gehört man für die anderen gleich dazu, sogar nördlich der Mainlinie, für den Österreicher eine Art Polarkreis, den nur wenige einmal überschritten haben. Ist man aber im „wirklichen“ Ausland, möchte man mit den „Piefke“ um keinen Preis verwechselt werden. Die Österreicher sind die „Nicht-Deutschen“; ohne die Nachbarn wüssten sie gar nicht, wer sie sind.

Daniela Weingärtner, Belgien:

„Deutschlands neue „Willkommenskultur“ macht vielen im Nachbarland Belgien deutlich mehr Eindruck als die Harz-IV-Reform und eine Schwarze Null.“

Daniela Weingärtner

„Wer hätte gedacht, dass sie so weit gehen würde?“, fragt – fasziniert und begeistert – der Korrespondent der größten französischsprachigen belgischen Tageszeitung in Berlin. Gemeint ist natürlich „La Merkel“ und ihre großherzige Einladung an syrische Flüchtlinge. Zum zehnjährigen Amtsjubiläum erinnert „Le Soir“ daran, wie rasant sich die CDU unter der ersten Frau im Kanzleramt modernisiert hat. Noch vor wenigen Jahren hätten Homophobie, Vorurteile gegen Ausländer und Ostdeutsche die Männerpartei CDU regiert. Damit sei es nun vorbei.

Deutschlands neue „Willkommenskultur“ macht vielen im Nachbarland Belgien deutlich mehr Eindruck als die Harz-IV-Reform und eine Schwarze Null. Das passt zu einem Land, das wegen seiner Kolonialvergangenheit viele Kongolesen aber auch Nordafrikaner beherbergt, eine lockere Sicht aufs Leben kultiviert und es mit dem Sparen nicht so genau nimmt. Doch wie überall sollte man auch in Belgien nicht vergessen, dass die schweigende Mehrheit nicht unbedingt der gleichen Ansicht ist wie die liberalen Geister in den Brüsseler Salons. Laut einer Umfrage vom August sind 60 Prozent der Belgier der Ansicht, es gebe zu viele Einwanderer in ihrem Land.

Julius Müller-Meiningen, Italien:

„Die Bundesrepublik, das war Dank einer von fast allen politischen Lagern in Italien in Gang gesetzten Propaganda in den vergangenen Jahren die kühle Hegemonie-Macht Europas mit seiner vermeintlich eisernen Kanzlerin.“

Julius Müller-Meiningen

Solche Bilder hatten die Italiener von ihren Nachbarn nicht im Kopf. Applaus für Flüchtlinge? Massenhafte Hilfsbereitschaft? Die Bundesrepublik, das war Dank einer von fast allen politischen Lagern in Italien in Gang gesetzten Propaganda in den vergangenen Jahren die kühle Hegemonie-Macht Europas mit seiner vermeintlich eisernen Kanzlerin. Dem Land, so lautete die einhellig negative Meinung, ginge es in erster Linie um die Sicherung der eigenen Interessen, notfalls auch auf Kosten der anderen. Jetzt hat sich dieses stereotype Bild wieder einmal gewandelt. Deutschland ist für viele Italiener anziehend und abstoßend zugleich. Derzeit überwiegt die Bewunderung.

Die Hilfsbereitschaft der Deutschen, die Öffnung der Kanzlerin in der Asylpolitik beeindrucken in Italien. Das Land, das selbst eine lange Auswanderer-Geschichte hat, tut sich mit Integration chronisch schwer. Parteien wie die Lega Nord feinden Immigranten systematisch an und haben damit Erfolg bei den Wählern. Nun fragen sich die italienischen Nachbarn, welche Folgen die Solidarität haben wird. Die Frage ist nun, so gibt etwa der Mailänder „Corriere della Sera“ zu bedenken, ob aus dem Imageerfolg eine ethisch orientierte und gesamteuropäische Strategie zur Lösung des Flüchtlingsproblems erwachsen kann. Zutrauen würden die Italiener diesen weiteren Schritt durchaus.

Norbert Mappes-Niediek, Kroatien:

„Die Zeit der Schwärmerei, als man in Kroatien Büsten von Genscher und Kohl aufstellte, ist vorbei. Man kennt sich einfach zu gut.“

Norbert Mappes-Niediek

„Ja, sind wir denn Deutsche, dass wir hier im Restaurant getrennt zahlen?“ Es gibt sie schon noch, die Augenblicke überlegener Distanz zu den „Švabe“, den Schwaben, wie die Deutschen in Kroatien mit einem Hauch von Spott genannt werden. Leicht aber haben sie es nicht gegen das vorherrschende Gefühl der Nähe. Hunderttausende Kroaten sind seit den 1960-er Jahren als Gastarbeiter nach Deutschland gegangen, und gerade jetzt sind es wieder Zehntausende, die hier ihr Glück suchen. Ein wenig Deutsch versteht fast jeder, und sei es nur über die vielen Fremdwörter – wie „haustor“ (für Treppenhaus), „hauba“ und „auspuh“, Motorhaube und Auspuff, „rikverc“ (rückwärts) oder „kremšnita“ (Cremeschnitte), „štrajkbreher“ oder „hohštapler“. Jeder hat wenigstens einen Onkel oder eine Tante „da oben“; Angela Merkel genießt mehr Autorität als jeder kroatische Politiker. Die Zeit der Schwärmerei allerdings, als man in Kroatien Büsten von Genscher und Kohl aufstellte, ist allerdings vorbei. Man kennt sich einfach zu gut.

Jochen Wittmann, Großbritannien:

„Pickelhaube war gestern, und Nazi-Konnotationen sind mittlerweile völlig out. Der endgültige Durchbruch kam 2006, als Deutschland die Fußballweltmeisterschaft ausrichtete.“

Jochen Wittmann

In den letzten Jahren hat ein bemerkenswerter Umschwung beim Deutschlandbild der Briten stattgefunden. Zur Zeit der Wiedervereinigung hatte es Ängste gegeben: Die Deutschen, fürchtete Margaret Thatcher, könnten wieder gefährlich werden. Jahrelang dominierten in den Gazetten, wenn es um Deutschland ging, Nazi- Stereotypen und Anspielungen auf den Krieg. Doch Pickelhaube war gestern, und Nazi-Konnotationen sind mittlerweile völlig out. Der endgültige Durchbruch kam 2006, als Deutschland die Fußballweltmeisterschaft ausrichtete. Damals entdeckten Tausende von britischen Schlachtenbummlern das Land von einer neuen Seite. Die Deutschen, notierte die „Times“ hätten sich als eine „lebensprühende, lässige und lächelnde Nation“ offenbart. Dass das Land Flagge zeigte, die Nationalhymne sang und „Deutschland, Deutschland!“ brüllte, wurde nicht mit Befremden gesehen, sondern ausdrücklich begrüßt. Heute ist das bilaterale Verhältnis entspannter denn je. London sieht in Deutschland einen Verbündeten, der bei der Reformpolitik für die Europäische Union mithelfen soll. Und Berlin sieht in Großbritannien einen wichtigen Mitstreiter für Haushaltsdiziplin und den Ausbau des Binnenmarkts.

Ulrich Krökel, Osteuropa:

„Mal zeigt es eine selbstbewusste Nation, deren Regierung zu europäischer Führung entschlossen ist. Dann wieder sind naive deutsche Gutmenschen zu sehen.“

Ulrich Krökel

Noch nie seit der Epochenwende von 1989/90 war das Deutschland-Bild im Osten Europas so wechselhaft und schillernd wie derzeit. Mal zeigt es eine selbstbewusste Nation, deren Regierung zu europäischer Führung entschlossen ist. Dann wieder sind naive deutsche Gutmenschen zu sehen, die nicht nur bewundernswerte Solidarität mit Schutzsuchenden zeigen, sondern auch potenzielle Terroristen mit einer überbordenden Willkommenskultur überziehen.

Wer dieses Bild ein länger studiert, erkennt: Die Motive verschwimmen, ein Zerrbild entsteht. Deutschland wird zur optischen Täuschung. Zum Beispiel in der Ukraine-Krise: Polnische Medien schwärmten 2014, ein Vierteljahrhundert nach dem Mauerfall, von der „eisernen Kanzlerin“ Angela Merkel, die dem russischen Präsidenten Wladimir Putin nach der Annexion der Krim die rote Karte gezeigt habe. Bald darauf jedoch meldeten sich in der deutschen Debatte die „Russland-Versteher“ zu Wort. Der estnische Präsident Toomas Hendrik Ilves konterte daraufhin kaum weniger lautstark: „Deutsche, die jetzt Verständnis für Russland haben - das ist für mich eine Politik von Blut und Boden.“

2015 beschleunigte sich die Abfolge der wechselnden Deutschland-Darstellungen weiter. Bis zum Sommer prägte die Konfrontation mit Alexis Tsipras in der Griechenland-Krise das Bild. Wolfgang Schäuble drohte mit dem Grexit – und wurde dafür zwischen Bratislava und Vilnius gefeiert. Die litauische Präsidentin Dalia Grybauskaite dankte den „harten“ Deutschen und erklärte erleichtert: „Die Zeit des Feierns auf Kosten anderer ist für Griechenland vorbei.“

Doch das schon kurz darauf bot Deutschland seinen östlichen Nachbarn wieder ein anderes Bild. Als der Flüchtlingsstrom aus dem Nahen Osten anschwoll, besannen sich die Bundesbürger auf eine neue Willkommenskultur – und lösten damit östlich der Oder Entsetzen aus, das in dem berühmt gewordenen Satz des ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orban gipfelte: „Das Flüchtlingsproblem ist kein europäisches Problem, sondern ein deutsches Problem.“

Die Bundesregierung, so argumentierten außer Orban bald auch Slowaken, Tschechen, Balten und Polen, habe die muslimischen Migranten mit ihrer neuen Offenheit geradezu eingeladen, nach Europa zu kommen. „Ich will aber nicht eines Morgens in einem Land mit Hunderttausend Arabern aufwachen“, lästerte der slowakische Premier Robert Fico. Aus den harten deutschen Grexit-Kämpfern waren „Weicheier“ geworden – ein Wort, das als „Jajomiekkich“ ebenso Eingang in den polnischen Sprachgebrauch fand wie der nicht übersetzte Begriff „Gutmenschen“.

Allerdings zeigte sich in den Flüchtlingsdiskussionen auch, dass sich das Unverständnis in Osteuropa mit eigener Verletzlichkeit paarte. Zum Beispiel Polen: Das Land, in dem in den 80er Jahren die Freiheitsbewegung Solidarnosc triumphierte, begriff sich seither als Gralshüter der Solidarität schlechthin. „Jetzt wird uns ein Spiegel vorgehalten“, erklärte im Spätsommer, auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise, ein Kommentator bei „Polskie Radio“ und ergänzte: „Es ist nicht immer schön, was wir zu sehen bekommen.“

Norbert Mappes-Niediek, Serbien:

„Deutschland ist für viele Serben der Inbegriff des Westens, auf den die Nation sich zubewegen will.“

Norbert Mappes-Niediek

Nach der traditionellen Geschichtserzählung sind die Deutschen eine Art Erbfeind. Das kann aber leicht umschlagen. „Sie sind eine wirkliche Freundin Serbiens“, versicherte der durch und durch national gesinnte Premier Aleksandar Vucic erst im Juli Angela Merkel bei ihrem Belgrad-Besuch: „Immer haben Sie uns geholfen!“ Deutschland ist für viele Serben der Inbegriff des Westens, auf den die Nation sich zubewegen will; man schätzt die Funktionalität, die Präzision, die Nüchternheit im kühlen Norden. Liebe aber wäre das falsche Wort; im Verhältnis zu den Deutschen spiegelt sich immer auch die Ambivalenz gegenüber dem neuen nationalen Projekt der Verwestlichung. Ganz so will man doch nicht werden .“Sie leben in Deutschland?“ fragt der Tankwart an der Autobahn. „Mal ehrlich: Zum Arbeiten ist es okay, aber zum Leben?“ Die Verbrechen der Wehrmacht, die hier zu Hunderten Geiseln erschießen ließ, sind unvergessen, auch wenn man seine Identität darauf nicht mehr gründen mag. Für einen Rest an Misstrauen aber ist die Vergangenheit noch immer gut.

Einen Schwerpunkt zu 25 Jahren Mauerfall und Einheit finden Sie hier!

Zahlen zur Deutschen Wiedervereinigung

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