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Interview

„Wir müssen aufklären, nicht abrechnen“

Roland Jahn, Chef der Stasi-Unterlagenbehörde, spricht über die schwierige Rolle der Linkspartei – und erklärt, warum die DDR Teenager etwas angeht.
Interview: Sebastian Heinrich und Christian Kucznierz, MZ

  • Roland Jahn, Chef der Stasi-Unterlagenbehörde (Mitte) , bei der Eröffnung der Ausstellung „Feind ist, wer anders denkt“ in Regensburg – neben Schauspieler Marcus Mittermeier (links) und Regensburgs OB Joachim Wolbergs.Foto: Lex
  • Roland Jahn beim Interview im MZ-Verlagshaus. Foto: altrofoto.de

Regensburg.Herr Jahn, 2011 haben Sie gesagt, Sie seien in der DDR zum Staatsfeind erzogen worden – das war in einer Fernsehdokumentation anlässlich Ihrer Wahl zum Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen. Wie sehr sind sie heute, 25 Jahre nach der Wende, im anderen Deutschland zum Staatsfreund geworden?

Für mich zählen zuallererst die Menschenrechte. Das ist die Grundlage. Und hier in der Bundesrepublik, in der ich ja seit 1983 lebe, habe ich erlebt, dass diese Grundlage da ist. Man kann sich hier einmischen in die Gesellschaft. Ich bin nicht immer damit einverstanden, wie hier Politik läuft – aber ich habe die Möglichkeit, mich dazu zu äußern.

Nach Ihrer Wahl haben Sie in einer Rede die Beschäftigung von ehemaligen Stasi-Mitarbeitern in ihrer Behörde als „unerträglich“ bezeichnet. Das hat damals für großes Aufsehen gesorgt. Würden Sie das heute wieder so sagen?

Der Maßstab sind die Menschen, für die wir arbeiten: gerade diejenigen, in deren Leben Stasi und SED eingegriffen haben. Solange diese Menschen das als unerträglich empfinden, gilt es, dieses Problem zu lösen. Wir sind da auf einem sehr guten Weg: Über die Hälfte der ehemaligen Stasi-Mitarbeiter arbeitet heute in anderen Behörden. Das heißt ja nicht, dass man diese Menschen auf ewig verdammt.

In einem „Bild“-Beitrag zum Tag der Deutschen Einheit haben Sie geschrieben, dass die ehemaligen Stasi-Leute heute eine Partei haben, „die ihnen zumindest in Teilen eine politische Heimat bietet“. Diese Partei, Die Linke, stellt voraussichtlich bald erstmals einen Ministerpräsidenten...

Erstmal müssen wir in einer Demokratie respektieren, wie der Wähler sich entscheidet. Wir müssen aber deutlich erkennen: Viele DDR-Opfer sehen nicht, dass die Linkspartei ihre Vergangenheit glaubhaft aufgearbeitet hat – und nicht die Zeichen gesetzt hat, die sich viele gewünscht haben. Die Linke sollte in Richtung der Opfer klar machen, welches Unrecht das SED-Regime den Menschen systematisch und willkürlich angetan hat – und deswegen den Begriff „Unrechtsstaat“ akzeptieren.

Sie haben als Oppositioneller in der DDR jahrelang unter der SED-Diktatur gelitten, wurden verhaftet, zwangsausgebürgert. Ist es jetzt eine Genugtuung, oberster Herr über die Stasi-Akten zu sein?

Es ist ein gutes Gefühl, diese Funktion auszuüben – stellvertretend für die vielen, denen der SED-Staat Unrecht angetan hat. Kürzlich war ich mit einer Gruppe Frauen, die in der DDR im Zuchthaus saßen,im Stasi-Museum. Dort haben wir das Büro von Stasi-General Erich Mielke besucht. Und wir alle haben gedacht: „Wenn dass der Mielke wüsste...“ Dieses Gefühl, dass die Diktatur im Museum ist und wir dort durch die Räume laufen, das hat uns allen sehr gut getan.

Haben Sie in den bisher drei Jahren als Chef der Stasi-Unterlagen-Behörde etwas erreicht, auf das Sie besonders stolz sind?

Das kann ich mit einem Beispiel illustrieren: Vor einer Weile kam ein ehemaliger inoffizieller Mitarbeiter der Stasi zur mir, der sich im öffentlichen Dienst bewerben wollte. Er wusste nicht, ob er seinem Arbeitgeber sagen sollte, dass er IM der Stasi war – obwohl er es bereute, hatte er Angst, den Job nicht zu bekommen. Aber lügen würde ihn in der Vergangenheit gefangen nehmen. Ich habe ihm geraten: Legen Sie die Karten auf den Tisch. Als er mir dann schrieb, dass er eingestellt wurde, habe ich gesehen, dass Offenheit eine Chance ist, Frieden mit den Verletzungen der Vergangenheit zu finden. Auf solche Fälle bin ich stolz.

In ihrem kürzlich erschienen Buch „Wir Angepassten“ äußern Sie viel Verständnis für Mitläufer und Kollaborateure des SED-Regimes. Werden Sie altersmilde?

Für mich war immer wichtig, dass wir aufklären, nicht abrechnen. Auch als Journalist direkt nach der Wende war das meine Motivation, genau hinzuschauen und die einzelnen Menschen konkret zu betrachten. Dabei müssen wir einerseits die Opfer mitnehmen und andererseits betrachten, wer verantwortlich war für Unrecht in der DDR und wie sie in den vergangenen 25 Jahren damit umgegangen sind. Beides ist nötig, um die Konflikte der DDR-Vergangenheit zu lösen.

40 Prozent der Neunt- und Zehntklässler in Deutschland kennen den Unterschied zwischen Demokratie und Diktatur nicht. Nur ein Drittel sieht die DDR als Diktatur. Das hat 2012 eine Studie ergeben. Was lösen solche Zahlen bei Ihnen aus?

Das ist ein Zeichen, dass wir noch nicht genug getan haben. Dass wir der Jugend Angebote machen müssen, die sie interessieren – und sie nicht verdammen, weil sie zu dumm sei. Wir müssen ihnen in Bezug auf die DDR-Geschichte die Frage beantworten: „Was geht mich das an?“

Was kann ein Teenager im Jahr 2014 von der DDR-Geschichte lernen?

Wenn wir von der Sammelwut der Stasi erzählen, verstehen die Leute zum Beispiel, dass sie auf ihre Daten aufpassen müssen – und auch dem Staat auf die Finger schauen müssen. Gerade die Diskussion um die NSA-Spionage zeigt ja, dass junge Menschen sensibilisiert werden, dass sie verstehen, dass Geheimdienste demokratisch kontrolliert werden müssen.

Gibt es Ihre Behörde in 25 Jahren noch?

Forschung und Bildung zur DDR gehen ja weiter. Und das Stasi-Unterlagenarchiv wird es in 25 Jahren auch noch geben. Das ist ja weltweit erstmalig, dass Unterlagen einer Diktatur öffentlich genutzt werden können. Das ist ein Vorbild für viele andere Länder, ein Signal, dass man Diktatur überwinden kann. Die Stasi-Akten sind ja auch Zeugnisse der Rebellion gegen eine Diktatur. Und davon können sich die nächsten Generationen eine Menge abgucken.

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