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Öl

Wirtschaftskrise verhagelt Venezuela Pläne

Hugo Chávez sah sich einst als wirtschaftliches Gegengewicht zu den USA. Doch nach seinem Tod sucht eine schwere Wirtschaftskrise sein Land heim.
Von Joshua Goodman (AP)

Chávez‘ Nachfolger Nicolás Maduro ist zum Sparen gezwungen. Foto: afp

Caracas.Hugo Chávez hatte einen Traum: Venezuelas Ölreichtum sollte helfen, eine Revolution in ganz Lateinamerika auszulösen. Chávez starb im März, nun muss auch sein Traum zu Grabe getragen werden. Die Wirtschaftskrise durchkreuzt die Pläne, Chávez‘ Nachfolger Nicolás Maduro ist zum Sparen gezwungen.

Venezuelas Stern scheint zu sinken. Anfang November zog sich Guatemala aus dem von Chávez gegründeten Erdölbündnis Petrocaribe zurück. Grund: Man habe nicht die von Caracas versprochenen besonders günstigen Darlehen bekommen. Brasilien und Kolumbien wurden unlängst vorstellig und fragten an, wann und wie Venezuela denn bestellte Lebensmittel, Waren und andere Importgüter bezahlen wolle.

Nun ist Venezuela schon bei früheren Gelegenheiten in Zahlungsverzug geraten, aber dieses Mal ist Caracas klammer – und die wirtschaftliche Prognose trüber – als je zuvor während der 15-jährigen Herrschaft der Sozialisten. Schuld daran ist das Öl, mit 95 Prozent Anteil einziges Exportstandbein Venezuelas.

Öl-Produktionsmengen fallen

Zwar sitzt das Land auf den weltgrößten bekannten Reserven, aber seit Jahren fallen die Produktionsmengen. Amerikas Erfolge bei der Förderung per Fracking lassen den Ölpreis sinken, die Wirtschaftsflaute in Europa und das langsamere Wachstum Chinas drücken die Nachfrage. All das führt dazu, dass Venezuelas Devisenreserven rasch schmelzen, allein dieses Jahr der Notenbank zufolge um 27 Prozent.

Geschätzte 75 Milliarden Euro an Subventionen, Investitionen und Hilfsprogrammen ließ Venezuela seit 1999 unter Chávez seinen Nachbarn zukommen, um den Einfluss der „amerikanischen Imperialisten“ in Lateinamerika zu beschneiden. Jetzt werden die Maßnahmen stillschweigend eingedampft.

Umgerechnet noch 1,25 Milliarden Euro an Außenhandelskrediten vergab Venezuela in den ersten neun Monaten des Jahres – ein Jahr zuvor war es im selben Zeitraum noch mehr als das Dreifache gewesen. Die neue Sparsamkeit zieht vor allem Nicaragua in Mitleidenschaft, das bislang knapp 450 Millionen Euro Hilfe pro Jahr aus Venezuela erhalten hatte.

„Auslandshilfe zu kürzen ist deutlich einfacher, als Löhne zu senken oder Angestellte zu entlassen“, sagt der Ökonom Francisco Rodriguez von der Bank of America-Merrill Lynch.

Angesichts von 54 Prozent Inflation hat Venezuela den Zugang zu harter Währung beschränkt. Das führt dazu, dass der US-Dollar auf dem Schwarzmarkt inzwischen bis zu zehn Mal so viel wert ist wie offiziell. Viele Artikel von Toilettenpapier bis hin zu Speiseöl sind extrem knapp. Maduro führt die Lage auf seine Gegner in Venezuela und den USA zurück. Diese hätten sich verschworen, die Wirtschaft des Landes zu sabotieren, erklärt der Präsident.

Mehr Spielraum für ausländische Ölkonzerne

Für Unruhe sorgte bei Venezuelas Handelspartnern das Angebot, Importe mit Anleihen des staatlichen Ölkonzerns PDVSA zu begleichen. Zahlungsverzögerungen machen besonders kleinere Volkswirtschaften wie Panama und Kolumbien nervös. Firmen aus Panama hätten aus Venezuela noch geschätzte 750 Millionen Euro zu erwarten, sagt Severo Sousa, der für Exporteure aus Panama Gespräche mit der venezolanischen Regierung führt und sagt: „Die Unterredungen haben bislang nur sehr begrenzt Ergebnisse gezeitigt.“

Venezuelas Einfluss sei nicht nur durch die geringere wirtschaftliche Schlagkraft in Mitleidenschaft gezogen, sagt Carlos Romero, Außenpolitikexperte der Zentraluniversität in Caracas. Maduro sei nicht so charismatisch wie sein Vorgänger, zudem untergrabe die Annäherung Irans an den Westen die von Chávez bevorzugte Konfrontationspolitik. Und selbst Venezuelas engster Verbündeter Kuba öffne sich stärker für private Investitionen.

Maduro hat aber auch Grund zur Hoffnung. Die Regierung gibt ausländischen Ölkonzernen künftig mehr Spielraum, so dass die Fördermengen möglicherweise ihren Tiefpunkt schon bald überwunden haben könnten. Ökonomen rechnen zudem damit, dass Maduro nach den Bürgermeisterwahlen am 8. Dezember die Landeswährung abwerten wird, um das Haushaltsdefizit zu reduzieren.

Dass Venezuela in eine Schuldenkrise rutschen könnte, ist unwahrscheinlich, denn die Wall-Street-Banken stehen Schlange mit Kreditangeboten. Maduro mag Washington vorwerfen, seinen Sturz zu betreiben, aber gleichzeitig verhandelt Venezuelas Notenbank Berichten zufolge mit Goldman Sachs über ein Darlehen und bietet die beträchtlichen Goldreserven des Lands als Sicherheit.

All das ändert aber nichts an der Tatsache, dass die Zeiten vorbei sind, in denen Venezuelas Staatsführung glaubhaft „einen auf starken Mann machen konnte“ - wie 2006, als Chávez ankündigte, eine Ölpipeline durch Südamerika zu bauen. Heute sind statt geopolitischem Geklapper Renovierungen im eigenen Haus angesagt. Das zeigt auch die Meldung vom November, dass der staatliche Erdölkonzern Petrobras aus Brasilien offiziell das Vorhaben zu Grabe getragen hat, mit Venezuelas PDVSA eine Ölraffinerie zu bauen. Das Projekt scheiterte, weil Venezuela seinen Anteil nicht bezahlte.

„Für Maduro wäre es schwierig, etwas derartig Verwegenes noch einmal zu probieren“, sagt Juan Gabriel Tokatlian von der argentinischen Universität Di Tella: „Lateinamerikas strategische Optionen verändern sich rasch, und Caracas spielt dabei nicht länger eine zentrale Rolle.“

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