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Politik
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Interview

Wolbergs: „Ich bin kein freier Mann“

Im Januar 2017 wurde Regensburgs Oberbürgermeister unter Korruptionsverdacht verhaftet. Jetzt äußert er sich ausführlich.
Von Claudia Bockholt, Christian Kucznierz, Josef Pöllmann und Ernst Waller

Fast sechs Wochen war Joachim Wolbergs in Straubing inhaftiert. „Die ersten 14 Tage waren die Hölle“, sagt er im MZ-Interview. Foto: altrofoto.de

Am 18. Januar 2017 wurde Regensburgs Oberbürgermeister unter Korruptionsverdacht verhaftet. Mit der MZ spricht er erstmals über seine Tage in der Psychiatrie, die Haft, seinen Alltag ohne Job: „Ich bin kein freier Mann“. Das Interview mit Wolbergs erscheint in zwei Teilen: Dies ist der erste – am Montag, den 18.12., veröffentlichen wir den zweiten Teil.

Mit welchen Gefühlen erinnern Sie sich an den 18. Januar ?

Das war der Tag, der mein Leben weitestgehend zerstört hat. Ich kann seitdem zum Beispiel nicht mehr zu meinem Auto gehen, ohne zu schauen, welche Autos drumherum stehen und ob da jemand auf mich wartet. Das war eine Schocksituation, die ich bis heute nicht verarbeitet habe. Den 18. Januar werde ich nie vergessen.

Wie genau lief die Verhaftung ab?

Ich dachte im ersten Augenblick, das sei ein Überfall. Ich bin in die Tiefgarage gegangen und wollte wie jeden Morgen zur Arbeit fahren. Das war um Viertel nach sieben. Mein erster Termin war um acht, zum Thema Winterdienst. Ja, und dann kamen acht bis zehn Leute auf mich zu. Ich kann mich nicht genau erinnern, weil man da unter Schock steht. Ab dem Zeitpunkt ist es vorbei. Sie geben ihr Telefon ab, sie dürfen nicht mehr zurück in die Wohnung. Das war’s dann.

Der „Focus“ hat sich zu Ihrer Verhaftung eine echte Räuberpistole ausgedacht und sogar das SEK herbeigeschrieben.

Das ist alles völliger Unsinn! Niemand hatte Maschinengewehre im Anschlag. Ich war nie gefesselt. Im Gegenteil. Ich wurde von den Beamten, die mich in Empfang genommen haben, sehr fair und korrekt behandelt. Ich durfte sogar noch eine rauchen. Dann haben sie mich in einer Wagenkolonne zur Kripo gebracht. Auch dabei so, dass mich möglichst keiner sieht und fotografieren kann.

Wann haben Sie die Tragweite der Ereignisse begriffen?

Ich hab den Haftbefehl gelesen und dachte, ich bin in zwei Stunden wieder im Büro. Ich hatte zunächst nicht einmal einen Strafverteidiger, weil ich der naiven Auffassung war, dass, wer Recht hat in diesem Land, auch Recht bekommt. Dann stand ich vor dem Haftrichter und er sagt: „Ich glaube Ihnen nicht“. Dieser Ermittlungsrichter hat auch angeordnet, dass ich nach Straubing komme. Das ist ein Hochsicherheitsgefängnis. Ich bin dorthin gekommen, weil der Ermittlungsrichter – und nur er – festgestellt hat, ich sei selbstmordgefährdet, weil ich so tief fallen würde. Ich wurde ohne ärztliches Gutachten in die Psychiatrie eingewiesen, obwohl ich nie selbstmordgefährdet war. Ich habe zwei Kinder! Dass so etwas ohne Gutachten oder ähnliches möglich ist, war für mich unvorstellbar.

Was passierte genau nach Ihrer Ankunft in der JVA?

Das läuft so ab: Sie kommen dort an, ziehen sich nackt aus und bekommen Häftlingskleidung wie ein Schwerverbrecher. Wie ein Kinderschänder. Wenn sie nicht psychisch krank sind und sie kommen trotzdem in die Psychiatrie im Gefängnis – dann dauert es keine Woche und sie sind kaputt. Die Ärzte in der Psychiatrie haben mich dort nach zwei Tagen rausgeholt. Dafür bin ich sehr dankbar. Ich habe ohnehin ganz andere Erfahrungen gemacht als der Herr Middelhoff. Alle wussten, wer ich bin. Und die Beschäftigten der JVA, aber auch die Mitgefangenen, haben mich immer korrekt behandelt. Menschlich behandelt. Dafür bin ich sehr dankbar, ganz besonders übrigens den Gefängnisseelsorgern.

Wie war die erste Zeit im Gefängnis?

Die ersten 14 Tage war ich am Boden zerstört, weil ich nicht verstehen konnte, dass man als Unschuldiger eingesperrt wird. Diese Haft war niemals Untersuchungshaft, sondern sie war Beugehaft. Die ersten 14 Tage waren für mich die Hölle. Wenn ich etwas zu gestehen gehabt hätte, ich hätte alles gestanden, nur um da rauszukommen. Verstehen Sie: Wenn sie sich für unschuldig halten – ganz unabhängig davon, ob sie es sind – und man nimmt sie einfach mit, und sie wissen nicht, warum sie da sind – das war für mich das Problem! Und die Bedingungen für Untersuchungshäftlinge sind ja deutlich verschärfter.

Inwiefern?

Ich hatte nur zwei Stunden Besuchszeit monatlich statt fünf Stunden wie die anderen Gefangenen. Meine Kinder haben übrigens in der Schule von Mitschülern durch das Internet erfahren, dass ihr Vater ins Gefängnis kommt. Und ein Kripobeamter aus Regensburg saß immer dabei.

Wie haben Sie sich dann doch in der Situation zurechtgefunden?

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Der Tagesablauf im Gefängnis ist immer gleich, jeden Tag. In der Früh bekommt man einen halben Liter Tee. Hagebutten- oder Pfefferminztee. Ich habe immer auf Pfefferminztee gehofft, weil ich Hagebuttentee hasse. Von 9 bis 10 Uhr wird die Zelle aufgesperrt, dann kann man im Innenhof spazieren gehen. Ich hab nicht viel Kontakt gehabt zu anderen Gefangenen, aber ich war zu allen freundlich und alle waren freundlich zu mir. Einmal in der Woche bekommt man einen Liter H-Milch. Einmal habe ich Schokolade gegen Kaffee getauscht. Weil ich mich verkalkuliert hatte.

Was war passiert?

Jeder Häftling darf in der Zelle rauchen. Ich hab also für 180 Euro Zigaretten bestellt. Und erst danach hat mir ein Gefangener erzählt, als U-Häftling dürfe man nur 215 Euro ausgeben. Das heißt, ich konnte keinen Kaffee mehr bestellen.

Wir waren beim Vormittag im Gefängnis. Wie geht es nach dem Freigang weiter?

Um 10.30 Uhr ist Mittagessen. Das kriegt man in diesen Blechdingern. Das Essen war ok. Gut und reichhaltig. Mittags hat man auch schon Wurst und Käse für abends bekommen. Nachmittags ist noch einmal von 13.30 bis 14.30 eine Stunde offen. Um 14.30 Uhr bekommt man noch einmal einen Liter Tee und so viel Brot wie man will. Ich hab’ immer drei Scheiben genommen. Um 14.30 Uhr wird endgültig zugesperrt.

Womit haben Sie sich in der Zelle beschäftigt?

Ich hatte nach einer Woche einen Fernseher. Ich hab’ unwahrscheinlich viel ferngeschaut. Wintersport, „Der Bergdoktor“, diese ganzen Serien, seit langem wieder die Lindenstraße. Der Videotext des bayerischen Fernsehens war meine einzige Informationsquelle. An einem Donnerstag – das ist in der JVA immer der Wiegetag, an dem alle Häftlinge in der Früh in der Reihe im Flur stehen und dann werden sie gewogen und Fieber gemessen und so weiter – da stand einer hinter mir und sagte: „Dich hams heut wieder ganz schön in der Reißn.“ Später schalte ich den Fernseher an und lese im Videotext, dass in der Süddeutschen gestanden ist, man habe in meiner Wohnung 170 000 Euro in bar und mehrere Kilo Gold in Schließfächern gefunden.

Joachim Wolbergs beim Interview mit den Newsroom-Leitern Christian Kucznierz und Claudia Bockholt sowie dem geschäftsführenden Chefredakteur Josef Pöllmann (r.). Es war das erste ausführliche Gespräch seit einem Jahr. Fotos: altrofoto.de

Alles frei erfunden?

Ich habe nie so viel Bargeld besessen, nie Gold, nur einen kleinen Krügerrand von meinem Vater. Solange ich in Freiheit war, konnte ich mich gegen solche Falschbehauptungen wehren. Wenn sie im Gefängnis sind, können sie nichts mehr tun! Sie sind verräumt. Und das ist das, was mich in den weiteren vier Wochen beschäftigt hat.

Wie haben Sie sich über Wasser gehalten?

Ich hatte viel Hoffnung in die Haftprüfung am 1. Februar gesetzt. Aber ich hätte es wissen müssen. Da entscheidet derselbe Richter, der einen in Haft gebracht hat. Erst das Landgericht hat meinen Haftbefehl außer Vollzug gesetzt. Ich bin immer noch kein freier Mann.

Was gab Ihnen Halt?

Zu wissen, dass Leute auf mich warten. Die vielen Briefe, die ich bekommen habe. Auch von Menschen, die ich gar nicht kannte. Sie haben geschrieben, sie wissen nicht, ob ich schuldig bin oder nicht. Aber dass sie weiter zu mir als Mensch halten. Und ich erwarte ja auch von niemandem, dass er mir glaubt, dass ich unschuldig bin. Nur von meinem engsten Umfeld. Sonst von niemandem! Ich habe jeden Brief fünfmal gelesen. Jeden Tag hab ich gefragt: Ist Post für mich da?

Haben Sie bereits in Straubing gemerkt, dass sich politische Weggefährten zurückziehen?

Das war mir klar. Ich wusste immer schon, wer sich, wenn ich nicht mehr auf der Erfolgswelle schwimme, sofort vom Acker macht. Aus Rache oder weil man sich die Finger nicht schmutzig machen will.

Wie war der Tag der Haftentlassung?

Ein Justizvollzugsbeamter sagte mir, ich müsse innerhalb von 30 Minuten die JVA verlassen. Die Medien sollten mich nicht draußen abpassen können. Meine Anwältin hat mich abgeholt. Wir sind in ein Café in Straubing gegangen. Da wurde gerade Fasching gefeiert. Ein Alleinunterhalter spielte. Es war skurril. Da wusste ich: Ich bin wieder im Leben.

Haben Sie sich nach der Entlassung psychologische Hilfe geholt?

Ja, das habe ich. Das tue ich immer noch. Das kann ich nur jedem empfehlen, das braucht man. Die Angst, unter Leute zu gehen, habe ich vor allem dadurch überwunden.

Gab es wirklich nur positive Erfahrungen? Keiner sagte, tritt doch endlich zurück?

Nein. Die meisten haben sich gefreut, dass ich wieder da bin. Es gab allenfalls welche, die gesagt haben: Hör’ doch auf. Tu’ dir das nicht mehr an. Sonst nur Positives. Aber das heißt nichts. Die Leute, die mich nicht mögen, sagen mir das ja nicht. Es gibt Menschen, die wegschauen. Aber das tun sie aus Unsicherheit. Zu den schönsten Begegnungen gehören die unspektakulärsten. Wenn der Straßenreiniger einem zuruft „Wolbergs, net aufgebm“. Das ist mir sehr viel wert.

Böse über Sie geredet wurde also mehr hinter vorgehaltener Hand?

Wissen Sie, es ist interessant. Sobald man an der Wand steht, tauchen ganz viele Menschen in Stasi-Manier bei der Polizei auf und sagen: Ich weiß noch was über den. Bis hinein in die politische Kaste. Es gibt Vorwürfe gegen mich, die an Absurdität nicht zu überbieten sind. Und die Staatsanwaltschaft muss dem jedes Mal nachgehen und das ausermitteln.

Wie wird der Fall Wolbergs die Kommunalpolitik verändern?

Wenn man meinen Fall zu Ende denkt, dann darf man von der Politik nie mehr schnelle oder gar spontane Entscheidungen erwarten. Auch von der Verwaltung nicht. Man darf auch nichts Unbürokratisches mehr erwarten, wie es ja viele Bürger tun. Ein OB müsste sich eigentlich am Tag seiner Wahl von all seinen Freunden verabschieden, nie mehr mit Unternehmern reden, sich bei jeder Entscheidung nach innen und außen durch externe Gutachter absichern und am besten noch die Ermittlungsbehörden fragen: Was darf ich tun, um straffrei zu bleiben? Dieser Spagat ist ein Stück weit das Ende kommunaler Selbstverwaltung.

Sie misstrauen den Medien. Warum sprechen Sie heute mit uns?

Dieses Gespräch ist für mich in der Tat ein besonders schwerer Gang. Ich habe lange Jahre mit der MZ vertrauensvoll zusammengearbeitet. Daraus ist spätestens seit meiner Inhaftierung Angst geworden. Sowohl die Personen bei der Staatsanwaltschaft und bei der Kripo, mit denen ich zu tun hatte, als auch die Medien haben mich abgeurteilt, weil das Projektionsbild Politik und Korruption immer passt und man Hintergründe nicht mehr hinterfragt.

Regensburger Journalisten sind selbst Teil der Ermittlungen geworden.

Ich denke, dass Pressefreiheit ein hohes Gut ist. Unzählige Telefonate zwischen mir und Journalisten sind abgehört und verschriftet worden. Dass diese Tatsache völlig untergegangen ist, dass es völlig wurscht war, dass ein angeblich korrupter Politiker viel wichtiger war als das Abhören der Telefonate mit Journalisten – das finde ich wenigstens verwunderlich. Dass Journalisten sich ein solches Vorgehen unkommentiert gefallen lassen, finde ich bemerkenswert.

Sie sagen, Sie haben kein Vertrauen mehr in die Arbeit einer Staatsanwaltschaft.

Ich habe am 18. Januar das Vertrauen in die für mich zuständige Staatsanwaltschaft verloren. Ich hatte zuvor die Ermittlungsmethoden kritisiert, weil Zeugen wie Beschuldigte behandelt worden sind, weil es bodenlos unverhältnismäßige Durchsuchungen bei städtischen Mitarbeitern auch privat gegeben hat, die auch vor den Kloschüsseln nicht halt machten. Aber ich hatte Vertrauen. Seit dem 18. Januar glaube ich, dass die zuständigen Staatsanwälte nicht eine Sekunde in Richtung Unschuld ermittelt haben.

Sie fürchten eine irreparable Rufschädigung – auch mit Blick auf den Fall Kachelmann?

Ich habe alles über diesen Fall gelesen. Ich habe Kachelmann nicht gemocht, als er noch Wettermoderator war. Er wirkte irgendwie so überheblich. Als die Geschichte mit der Vergewaltigung aufkam, waren sich wahrscheinlich 90 Prozent der Medien einig: Der war’s! Und ich auch! Ich hab auch gesagt: Der war’s. Der muss das gewesen sein.

Er wurde freigesprochen.

Heute weiß man, die Frau hat sich die Verletzungen selbst zugefügt. Kachelmann ist erster Klasse freigesprochen. Heute geht es ihm nur noch darum, rehabilitiert zu werden. Aber er sagt, es hört ihm keiner mehr zu. Weil die Geschichte rum ist ums Eck. Man hat dem Mann vier Monate Freiheit geklaut. Und jetzt hört ihm keiner mehr zu. Das kann doch nicht sein. Das macht mich wahnsinnig! Das ist für mich unvorstellbar. Genauso wie es für mich unvorstellbar war, dass die Frage, ob man in Deutschland im Zweifel Recht bekommt oder nicht, von der Frage abhängt, ob man Geld hat oder nicht, um sich eine sachgerechte Verteidigung leisten zu können. Die Staatsanwaltschaften wissen genau, dass sie einen Angeklagten finanziell ausbluten können, wenn sie wollen. Und dass er dann unter Umständen keine Chance mehr hat. Kein einziger Pflichtverteidiger käme jemals auf die Idee, die Audiodateien einzuklagen. Niemals! Weil ihn niemand dafür bezahlt, wenn er sie sich anschließend anhören muss.

Die Ermittlungen und die Folgen: Lesen Sie hier den zweiten Teil unseres Interviews mit Regensburgs suspendiertem OB Joachim Wolbergs.

Der zweite Teil der Wahrheit: Der Leitartikel des geschäftsführenden Chefredakteurs Josef Pöllmann zum Interview mit Joachim Wolbergs

Kommentar

Der zweite Teil der Wahrheit

Es ist der totale Absturz: Am 30. März 2014 war Joachim Wolbergs der gefeierte Held. Mehr als 70 Prozent der Regensburger wählten den SPD-Mann zum Oberbürgermeister....

Was geschah wann in Regensburg seit Bekanntwerden der Bestechungsvorwürfe? Ein Überblick

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