MyMz

Die stolzen Trümmer des Raumschiffs Bonn

Vom politischen Bonn früherer Jahre sind zehn Jahre nach dem Umzug der Bundesregierung nicht nur die Gebäude übrig.

Das Bild des Plenarsaals in Bonn war lange Synonym für bundesdeutsche Politik. Foto: dpa

Von Walter Schmidt, MZ

Jedes Mal, wenn die Bonner von Reisen zurückkehren, werden sie an der Stadtgrenze bei ihrem Lokalstolz gepackt: Auf dem Ortsschild begrüßt sie die „Bundesstadt Bonn“. Das ist nicht einmal falsch. Noch arbeitet hier gut die Hälfte der knapp 18000 Beschäftigten der Bundesregierung.

Ins Elend würde Bonn auch ein totaler Regierungsumzug nicht stürzen. Der erste Grund dafür heißt Ludwig van Beethoven und war zu Zeiten Adenauers und Kohls schon genauso tot wie heute, erfreut sich aber nach wie vor großer Beliebtheit bei Touristen keineswegs nur während der ihm gewidmeten Musikfestspiele. „Beethoven zum Anbeißen“ und „Ludwig, der Notenfuchs“ heißen zwei in Kostümen geführte Stadtrundgänge auf den Spuren des Tondichters.

Thomas von dem Bruch, Touristik- und Marketing-Leiter bei der Tourismus & Congress GmbH, weiß, was Bonn-Besucher wünschen. Seiner Erfahrung nach ist die Lieblings-Attraktion der asiatischen Touristen „ganz klar das Beethoven-Haus“ – man darf hinzufügen: auch das Beethoven-Denkmal am Münsterplatz, vor dem sich schätzungsweise bereits jeder achte Chinese und dritte Japaner hat ablichten lassen, vermutlich mehrmals.

Die Deutschen selber schließlich seien laut von dem Bruch „sehr kulturinteressiert“ und pilgerten außer zu Beethoven gerne zur Museumsmeile. Die Naturfreunde unter den Touristen können durch das zoologische Museum Alexander Koenig stöbern – auch zeitgeschichtlich eine reizvolle Sache: In der großen Halle des 1934 eingeweihten Gebäudes versammelte sich am 1. September 1948 unter Adenauers Vorsitz erstmals der Parlamentarische Rat, der in Monate währender Arbeit das Grundgesetz schuf. Um die erlauchte Versammlung unterzubringen, musste die Herde der ausgestopften Tiere vorübergehend weichen. Nur die Giraffen durften vom Rande aus zuschauen, denn hätte man sie waagerecht hinausgetragen, wären sie zerbrochen.

Übrigens stank es Adenauer im Museum gewaltig, selbst in seinem noch immer zugänglichen Büro, wo er bei der Arbeit am liebsten die Vorhänge zugezogen ließ. Schuld daran war der Duft der „alten Tiere“, wie der Alte sagte. Zwei Monate lang musste er diesen als frisch gewählter Bundeskanzler im Frühherbst 1949 ertragen, bevor er im November ins nahe Palais Schaumburg, das erste Bundeskanzleramt, umziehen durfte. Gebaut von 1858-1860 für Prinz Adolf Wilhelm zu Schaumburg-Lippe, erhielt das Palais in Adenauers Tagen noch einen Vorbau, der bei Regen ein trockenes Aussteigen aus Staatskarossen ermöglichte. Der erste Bundeskanzler brauchte nicht viel Fantasie, um sich durch den ungeliebten Gebäudefortsatz an eine „Tankstelle“ erinnert zu fühlen.

Im Kanzlerbüro steht noch Adenauers Schreibtisch samt einiger Utensilien: dem uralt aussehenden schwarzen Telefon, der fast schon wieder futuristisch wirkenden Gegensprechanlage, dem klotzigen Tintentrockner und der abgenutzten, braunen Aktenmappe, die so runzlig ist wie früher das Gesicht des Rhöndorfers.

Das Palais wie auch das Museum Koenig sind nur zwei von 18 Stationen des „Weges der Demokratie“, über den Bonn-Besucher wichtige historische Stätten aus der Zeit der zeitweiligen Bundeshauptstadt abklappern können. Texttafeln vergegenwärtigen Bekanntes und längst Vergessenes.

Wenn Stadtführer Dieter Dohm mit einer Gruppe das 1976 von Helmut Schmidt eingeweihte neuere Kanzleramt erreicht, stellt noch heute bisweilen ein Teilnehmer die Frage: „Wo ist denn nun die Stelle, wo der Schröder am Zaun gerüttelt hat?“ Längst macht sich Dohm einen Spaß daraus, gänzlich unbeeindruckt mit dem Finger auf irgend einen Gitterabschnitt zu verweisen und dabei auszurufen: „Hier vorne!“ Dann aber räumt der seit über fünfzig Jahren in Bonn lebende Kölner der Wahrheit zuliebe ein: „Die Stelle wird bei jeder Führung neu festgelegt.“ Und davon gibt es etliche. Im vergangenen Jahr ließen sich 243 angemeldete Besuchergruppen mit rund 5400 Teilnehmern über den „Weg der Demokratie“ und durch die alten Plenarsäle geleiten, hinzu kamen 81 von der Stadt angebotene Wochen-end-Touren mit fast 2000 Personen.

Ohnehin können Bonn und sein Umland, der Rhein-Sieg-Kreis, über einen Mangel an Besuchern nicht meckern. 2007 hätten Bonn und der Kreis erstmals seit 15 Jahren „die Marke von 2,3 Millionen Übernachtungen geknackt“. Allein die Bonner Unterkünfte verzeichneten rund 1162000 Übernachtungen von 602000 Gästen. Tausende von ihnen waren wegen großer Kongresse angereist, darunter die UN-Vertragsstaaten-Konferenz, die UN-Klimakonferenz oder das Deutsche Welle Global Media Forum.

Gerade entstehen in Bonn beiderseits des Rheins zwei neue Luxus-Hotels. Schon ragt der Rohbau des „World Conference Center“-Hotels mit seinen zwei „Präsidenten-Suiten“ direkt neben dem entstehenden Kongress-Zentrum auf, das wichtige UN-Konferenzen beherbergen soll. Längst sieht sich Bonn als UN-Stadt – was die Ortsschilder noch verschweigen.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht