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Geburtstag am 23. Mai 1949

Wiederbewaffnung, Mauerbau, RAF-Terror, Nachrüstung, Golfkrieg, Hartz-IV-Gesetze – die Republik hat all dies überlebt.

VON HANS SCHERRER, MZ

REGENSBURG. Demnächst feiern wir gemeinsam Geburtstag: Die Bundesrepublik Deutschland und ich. Denn am 23. Mai 1949 um null Uhr trat das Grundgesetz in Kraft, acht Stunden später ich. Auf diese „historische Zufälligkeit“ aufmerksam geworden bin ich allerdings erst zehn Jahre später – im Sozialkundeunterricht. Seitdem habe ich ein mehr oder minder bewusstes Verhältnis zu „meiner“ Republik entwickelt.

Die Erinnerungen an die frühen 50er Jahre sind naturgemäß spärlich. Im Gedächtnis geblieben sind mir zerbombte Häuser und viele kriegsversehrte Männer auf Krücken oder in Rollstühlen. Und die französischen Besatzer habe ich nicht vergessen. Da ich 20 Kilometer von der elsässischen Grenze entfernt geboren und aufgewachsen bin, sind die mir noch in lebhafter Erinnerung. Es war ein französischer Offizier, der mir im Alter von vier Jahren eine Ohrfeige verpasste, dass mir die Milchzähne wackelten. Nur weil ich ihn arglos mit „Baisse mon cul“ begrüßte, was ich für „Grüß Gott“ hielt. Später erfuhr ich, dass es sich hier um das Götz-Zitat handelt.

Acht Jahre später jedoch durfte ich mit meiner Schulklasse Zeuge sein, wie Frankreichs Staatspräsident Charles de Gaulle Deutschland besuchte und von der Bevölkerung überaus herzlich empfangen wurde. Diese Annäherung, das Ende einer „Erbfeindschaft“, die zur deutsch-französischen Freundschaft führen sollte, hatte auch uns Kinder sehr bewegt.

Neue Kriegs-Angst 1962

In Erinnerung ist mir auch noch die Angst meiner Elterngeneration vor einem neuerlichen Krieg vor dem Hintergrund der Kuba-Krise im Herbst 1962 – und dass es damals Menschen gab, die – weil kriegserfahren – bereits begannen, Lebensmittel zu bunkern. Die legendären 68er dagegen schienen alles auf den Kopf zu stellen. Wir jungen Heißsporne wollten die Welt aus den Angeln heben und unsere Lehrer verstanden dieselbe nicht mehr – sie taten mir damals schon leid. Und erstmals erlebten wir 1969 einen Regierungswechsel in Bonn; meine Generation kannte ja bis dato nur eine Unions-geführte Regierung.

Turbulent begannen die 70er. Das konstruktive Misstrauensvotum gegen Kanzler Willy Brandt wurde von weiten Teilen der Bevölkerung wie ein kalter Staatsstreich empfunden. Und was mit „mehr Demokratie wagen“ (Brandt) begonnen hatte, artete im selben Jahrzehnt noch aus in Berufsverbote. Und am Ende stand der „heiße Herbst“ 1977, als der RAF-Terror seinen Höhepunkt erreichte. Dies war die schwerste Belastungsprobe für die damals noch junge Demokratie.

Widerstand in Wackersdorf

Es waren immer aufregende Zeiten: Die Friedensdemonstrationen in den frühen 80ern oder der Widerstand am Wackersdorfer Bauzaun. Echt gerührt war ich, als nach dem Fall der Mauer sich die Feinde von einst in die Arme fielen: bei einem Benefizkonzert des Heeresmusikkorps 4 mit einem polnischen Militärorchester. Erleichtert war ich, dass Kanzler Gerhard Schröder sich nicht auf das Irak-Abenteuer eingelassen hatte. Und das Endspiel der Fußball-WM 2006 habe ich im Urlaub in Italien erlebt. Am meisten gefreut hat mich, als uns dort unsere italienischen und französischen Freunde als großartiges Gastgeberland lobten.

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