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Neue Ostpolitik, Ölboykott und Schlaghosen

Der Kalte Krieg hatte seinen Höhepunkt überschritten. In den 70er-Jahren wurde der Sozialstaat ausgebaut, das Jahrzehnt brachte Farbe nach Deutschland.

Symbol für die auf Entspannung angelegte Ostpolitik der sozialliberalen Regierung: Der Kniefall von Kanzler Willy Brandt (SPD) am 7. Dezember 1970. Ein Jahr später erhielt Brandt den Friedensnobelpreis.Foto: dpa

Von Christoph Driessen, dpa

In den 70er-Jahren fand die Bundesrepublik zu sich selbst. Nach den Aufbaujahren unter Adenauer und der Studentenrevolution von 1968 bildete sich die Wohlfühl-Republik Bonner Prägung heraus. Man atmete freier, Einkommen und Konsum nahmen zu, der Sozialstaat wurde ausgebaut, die Arbeitszeit verringerte sich. So hätte es bleiben können.   

Es war eine überschaubare bipolare Welt. Der Kalte Krieg hatte seinen Höhepunkt überschritten, Entspannung war angesagt. Willy Brandt machte seine Ostpolitik. So wurde „der Russe“, das größte Schreckgespenst der 60er-Jahre, von der RAF abgelöst. Auf dem Postamt sah man sich die unscharfen Schwarz-Weiß-Bilder auf den Fahndungsplakaten an und verspürte dabei eine ähnliche Mischung aus Beklemmung und wohligem Grusel wie bei „Aktenzeichen XY... ungelöst“, der Großmutter aller Reality-Shows.

Der Himmel blieb meist heiter

 Sonst aber konnte sich der Bundesbürger sicher fühlen. Er kannte seinen Platz – fest im Westen, in der NATO, bei den amerikanischen Freunden. Und trotz des Ölschocks und der ersten Arbeitslosen, der Himmel blieb überwiegend heiter.

Nie mehr war das Wohlstandsgefälle zwischen der Bundesrepublik und ihren Nachbarn so groß wie in den 70ern. Wer auf Sprachurlaub nach England ging, erlebte eine andere Welt voller rußgeschwärzter viktorianischer Backsteinhäuser mit WC auf dem Hof und dem „Mirror“ als Klopapier. Italien war noch ein billiges Urlaubsziel. Und in Ibiza-Stadt wurde man von bettelnden Kindern umschwärmt. Die Gäste mit der harten D-Mark in der Tasche sparten nicht mit guten Ratschlägen: „Also bei uns in Deutschland machen wir das so ...“

Wenn die Wirtschaft läuft, muss man offenbar nicht groß drüber reden: Die Wirtschaftsteile waren dünn, und im Fernsehen gab es noch keine Börsennachrichten – für wen auch? Damals hatte man Bausparverträge, denn jeder wollte sein eigenes Reihenhaus mit Partykeller. Die ganz Reichen leisteten sich eigene Hallenschwimmbäder – meist unbenutzte Statussymbole, zumal die Chlortechnik in jenen Tagen noch nicht ausgereift war.

 In den 70ern wurden doppelt so viele Tapetenrollen verkauft wie heute. Dieses Jahrzehnt brachte Farbe nach Deutschland – endlich traute man sich was und dachte nicht mehr ständig daran, was die Eltern, der Mann, der Chef, der Pfarrer oder die Leute wohl dazu sagen würden. Plateausohlen und Schlaghosen, ganze Wohnungseinrichtungen in knalligem Orange und Kissenbezüge mit Mustern wie aus einem Drogenrausch kennzeichneten die Abkehr von Konformismus und Spießertum.  

Flippig und unangepasst wollte man sein, aber es dabei auch bequem und gemütlich haben. Nicht immer war dies ohne Aufwand möglich. Da waren zum Beispiel die Altbauwohnungen mit ihren unpraktisch hohen Stuckdecken. Mit Do-it-yourself – die Kultur des zu allem fähigen Amateurs stand in voller Blüte – wusste man sich zu helfen: Einfach eine Zwischendecke eingezogen, schon wirkte alles viel heimeliger. Jetzt fehlte nur noch eine schöne Holzwand, dann war es fast so idyllisch und natürlich wie in einer skandinavischen Blockhütte. 1974 öffnete bei München die erste deutsche Ikea-Filiale.

 Auf kulinarischem Gebiet begann die Abwendung von traditionell deftiger Hausmannskost. Die Pizza wurde allerdings oft noch selbst gebacken – das Ergebnis erinnerte eher an einen deutschen Tortenboden, der mit Tomaten und Pilzen belegt war. Tiefkühltruhen waren Hightech. Entsprechend leidenschaftlich fror man im Sommer Unmengen von Erdbeeren ein, um sie im tiefsten Winter fürs Sonntagsdessert wieder aufzutauen. Sie erinnerten irgendwie an Schrumpfköpfe und waren ähnlich geschmacksneutral wie die allseits beliebten Käsewürfel mit Weintrauben, die abends zum gepflegten Gespräch im Schalensessel serviert wurden.          

Im Rückblick fällt auch auf, was es in den 70ern alles noch nicht gab. Wer sich zum Fahrradfahren einen Helm aufgesetzt hätte, wäre ausgelacht worden, 1976 wurde erst mal die Gurtpflicht eingeführt. Wenn man etwas wissen wollte, nahm man ein Lexikon oder fragte Opa, und wenn der es auch nicht wusste, konnte man eben nichts machen. Im Fernsehen gab es noch Pausenzeichen, Ansagerinnen und nicht mehr als drei Kanäle.

30 Millionen sahen Rudi Carrell

Rudi Carrell hatte bei „Am laufenden Band“ jedes Mal 30 Millionen Zuschauer. Das Fließband, auf dem am Ende einer jeden Sendung Artikel des täglichen Bedarfs wie Föhnhauben und Toaster an dem Gewinner vorbeizogen, kann geradezu als Sinnbild der westdeutschen Konsumgesellschaft verstanden werden. Sätze wie „Welches Schweinderl hätten’s denn gern?“ oder „Stichtag für den großen Preis: Samstag in acht Tagen“ kannte damals jeder, denn die dazugehörigen Sendungen liefen viele Jahre nach unverändertem Schema ab.

Die 70er-Jahre: Das waren aber unter anderem auch Schmusewolle, Capri-Sonne und Yps-Hefte, Mengenlehre und Trimm-Dich-Bewegung, Weißer Hai und Bud Spencer, Abba und Roy Black, Opel Manta und Ford Taunus, Björn Borg und Helmut Schön, Ilja Richter und Klimbim.

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