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Oberpfälzer riss die Berliner Mauer ab

Winfried Prem hat vor 20Jahren den Eisernen Vorhang zu Fall gebracht. Reich ist er damit nicht geworden – aber die Erinnerung war es wert.
Von Cornelia Lautner, MZ

  • Abbruchunternehmer Winfried Prem hat seit 1999 ein Stück Mauer vor seinem Haus in Muglhof stehen. Fotos: Lautner (3)
  • Das längste erhaltene Mauerstück
  • Prinz Charles informierte sich am 11.12.1991 bei Winfried Prem über die Abbrucharbeiten. Foto: Privat
  • Eindrücke von damals als Gemälde

Muglhof. Durch die offene Terrassentür dringt das Blöken von Schafen, nebenan flattern Gänse, ein Stück den Berg hinab kräht ein Hahn. Es ist idyllisch bei Winfried Prem in Muglhof bei Weiden – wären da nicht die lauten Bagger, die gerade die Durchfahrtsstraßen des kleinen Ortes umgraben. Doch Baulärm ist der 60-jährige Oberpfälzer gewöhnt. Und wenn in seiner Hofeinfahrt nicht jenes bunt bemalte Mauerstück stünde, würde heute auch niemand mehr ahnen, warum.

Prem hat sich vor 20 Jahren einen Traum erfüllt, der mit Beschaulichkeit und Idylle wenig zu tun hat. Vielmehr zog es den Abbruchunternehmer in die Großstadt. „Weil sich da immer was rührt“, sagt er und strahlt. Prem hat damals den Zuschlag bekommen, die Berliner Mauer abzureißen, sodass er im Herbst 1990 mitsamt seinen Abbruchmaschinen und großen Plänen in die heutige Hauptstadt reiste. „Ich hab’ mich quasi in einer Nacht- und Nebelaktion auf den Weg gemacht“, erzählt der gebürtige Waidhauser.

„Sie können hier nicht Fuß fassen“

Mit der Berliner Mauer hatte Winfried Prems Traum zunächst eigentlich gar nichts zu tun. Vielmehr hatte er die Idee, das Kriegsverbrechergefängnis in Berlin-Spandau abzureißen, in dem der Hitler-Stellvertreter Rudolf Heß nach den Nürnberger Prozessen einsaß. Denn der Oberpfälzer Unternehmer suchte zu dieser Zeit nach Einsatzmöglichkeiten für seine Maschinen, für die er nach Abschluss eines Großauftrags in der Heimat kein Potenzial mehr sah. Vom Senat in Berlin hieß es allerdings nur knapp: „Nein. Sie können hier nicht Fuß fassen.“ Der Unternehmer aber blieb hartnäckig, er war überzeugt von den Möglichkeiten in der Großstadt – bei den Aufträgen wie auch beim Weiterverkauf des Abbruch-Materials. „Ich komme wieder“, prophezeite der damalige Chef der Prem Bauschutt-Recycling GmbH den Zuständigen. „Aber nicht alleine, sondern mit meiner Technik.“

Prems Gedankenspiele über einen Großauftrag in Berlin nahmen Form an, als er gelegentlich über die Transitstrecke in den Norden reiste: Nahe der Stadt Schleiz fiel ihm ein Wall aus Altbeton auf, das dort deponiert wurde – und er kam auf die Idee, dass man das Material als Schotter aufbereiten und weiterverkaufen könnte. Die Maschinen dazu hatte er, weshalb er kurzerhand dem DDR-Bauministerium seinen Vorschlag unterbreitete. Wieder wurde er abgelehnt – doch seine Visitenkarte ließ er für alle Fälle dort. Als Prem 1989 schließlich von den Unruhen in der DDR hörte, reifte endgültig die fixe Idee heran, doch gleich die Berliner Mauer abzubrechen. Oft hatte er sich beim Blick vom Besucherpodest an der Mauer in der Wilhelmstraße gedacht: „Mensch, das wäre genau das richtige Futter für meine Anlage.“

Was sich im Osten zunächst niemand erträumen mochte, wurde in der Nacht zum 10. November dann plötzlich Wirklichkeit: Die Berliner Mauer fiel. Nach einem Anruf vom Bauministerium bei Prem sollte die Berliner Mauer im Sommer 1990 im wahrsten Sinne des Wortes fallen. Der Oberpfälzer sollte zwei Drittel der Mauer abbrechen und aufbereiten.

30 Arbeiter machten sich ans Werk

Aus zwei Richtungen – Schönwalde im Norden und Schönefeld im Süden – machte sich der Abbruchunternehmer auf dem ehemaligen Grenzstreifen stolz an die Arbeit, schaffte sich eine zweite Brechermaschine an und beschäftigte rund 30 Mitarbeiter allein in Berlin. Mit der Bauschere hoben sie die Mauerteile weg, bevor sie in der Anlage zu Schotter verarbeitet wurden. Die kieselsteingroßen Betonstücke konnten danach für den Straßenbau genutzt werden, etwa am Berliner Ring.

Nimmt man Mauerteile, Wachtürme und das Recyclingmaterial von weiteren Baustellen zusammen, hat Prem rund 200000 Tonnen DDR-Beton verarbeitet. Und der Bedarf in Berlin war da: „Es gab da oben weder Schotterwerke noch Kiesgruben“, erzählt er. Finanziell habe sich der Auftrag also gelohnt: „Ich habe in Berlin das Fünffache pro Tonne bekommen, als ich in Weiden gekriegt hätte.“

Doch die goldenen Zeiten des Unternehmers sollten 1997 endgültig vorbei sein. Seine beiden Firmen, die Prem Bau sowie die Prem Bauschutt-Recycling GmbH, mussten Insolvenz anmelden. „Ich habe wegen anderen insolventen Firmen viel Geld verloren“, sagt Winfried Prem enttäuscht. „Ich hatte viel Material übrig. In der Gegend um Weiden gibt es zu viele Steinbrüche, sodass ich auf meinem Zeug sitzen blieb.“

Heute bereut Prem die Entscheidung, die Firma damals trotz der Absatzprobleme in Weiden belassen zu haben. „Ich hätte einfach den Hauptsitz nach Berlin verlagern sollen.“ Ein anderer Gedanke, dem Prem noch immer nachhängt: „Vielleicht hätte ich den Auftrag auch einfach verkaufen sollen.“ Von einem Berliner Mitbewerber seien ihm damals sieben Millionen D-Mark dafür geboten worden.

Trotzdem sagt der Muglhofer heute: „Eigentlich ist das, was ich in Berlin erlebt habe, nicht bezahlbar.“ Allein die menschliche Erfahrung dort habe ihn sehr geprägt. „Früher wurde ich an der Grenze zur DDR streng kontrolliert, nichts durfte man sagen. Und auf einmal hast du diesen großen Auftrag und die selben Leute arbeiten plötzlich für dich! Das war rührend.“

Prinz Charles war beeindruckt

Gerührt war Prem auch am 11. Dezember 1991. Prinz Charles hatte sich über eine Dolmetscherin angekündigt, um persönlich nach den Abbrucharbeiten an der Berliner Mauer zu sehen. „Das ist ein unglaubliches Gefühl, wenn ein Rolls Royce auf deine eigene Baustelle gefahren kommt“, erinnert sich Prem. „Das ist eine gute Sache“, habe Prinz Charles die Situation auf der Baustelle damals kommentiert. Was Winfried Prem 20 Jahre später davon geblieben ist, sind schöne Erinnerungen sowie unzählige Dokumente und Bilder.

Im Anschluss an diese Zeit die eigene Firma zu verlieren, war für Prem nicht leicht. „Aber die Musik war für mich Medizin.“ Mit der Gruppe „The Fellows“ machte er seit jeher Musik, mittlerweile ist er als Alleinunterhalter mit Keyboard und Quetsch’n unterwegs. Daneben arbeitet er heute für eine englische Firma, und an seiner gewohnten Tätigkeit hat sich wenig geändert: Noch immer steckt er Herzblut in Abbrucharbeiten – in der Region.

Einen Traum hat Winfried Prem aber noch: Seit Jahren will er ein mobiles Museum einrichten, mit dem er Schülern seine DDR-Erfahrungen nahebringen kann. Bislang fehlt es ihm an der Zeit. „Aber wenn die Wirtschaft nicht besser wird, mach’ ich das. Und gleich danach schreib’ ich ein Buch über mein Leben.“ Die Ruhe dazu hätte er bald wieder – ohne Baustellenlärm, in seinem Haus in Muglhof.

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