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Peinlicher Stolperer im Wettlauf der Systeme

Individuum kontra Kollektiv: Der mündige Staatsbürger in kurzen Hosen tat sich meist schwer gegen die Staatsamateure aus dem Osten.

Von Heinz Gläser, MZ

Der Schöneberger Sängerknabe Detlef Lange griff in den Lostopf, und rund 800 Millionen Menschen weltweit waren an den Bildschirmen live dabei. Schauplatz war der große Sendesaal des Hessischen Rundfunks in Frankfurt. Man schrieb den 5. Januar 1974. Es war bereits nach 21 Uhr. Der Elfjährige hätte eigentlich ins Bett gehört. So aber sorgte Detlev Lange dafür, dass „ein Wunschtraum vieler in diesem Land in Erfüllung gegangen ist“, wie der damalige Bundesinnenminister Hans-Dietrich Genscher, ein gebürtiger Hallenser, jubelte. Per Los beförderte der Sängerknabe die erstmals für eine WM-Endrunde qualifizierte Fußball-Auswahl der Deutschen Demokratischen Republik in die Vorrundengruppe eins – zur Vertretung des Klassenfeindes aus dem Westen.

Ein Raunen ging durch den Saal – lange anhaltendes, wie die Chronisten notierten. Dann brandete Beifall auf. Lediglich Sir Stanley Rous, der Präsident des Fußball-Weltverbandes Fifa, quittierte das historische Los mit mimischem Understatement und – very british – mit steifer Oberlippe.

„Jeder weiß, wer in der Kiste liegt“

BRD gegen DDR – das erste und einzige Fußball-Länderspiel der A-Mannschaften ging am 22. Juni 1974 in Hamburg über die Bühne. Torschütze beim sensationellen 1:0-Sieg der Kicker/Ost war ein damals 26 Jahre alter Magdeburger. „Wenn man auf meinen Grabstein eines Tages nur ‚Hamburg ’74‘ schreibt, weiß trotzdem jeder, wer in der Kiste liegt...“, kommentierte Jürgen Sparwasser in späteren Jahren – da hatte er „rübergemacht“ – seinen legendären Treffer in der 78. Minute.

Passiert war streng genommen nicht viel. Beide Mannschaften waren schon vorher für die Zwischenrunde qualifiziert, die DDR brockte sich mit dem Erfolg sogar die wesentlich schwereren Gruppengegner (Niederlande, Brasilien, Argentinien) ein. Überspitzt gesagt: Jürgen Sparwassers Tor ebnete Franz Beckenbauer & Co. den Weg zum WM-Titelgewinn 1974. Denn nach der peinlichen Schlappe ging ein Ruck durch die Mannschaft, die sich zuvor im beinharten Prämien-Poker mit dem Deutschen Fußball-Bund (DFB) zerrieben hatte.

Dem Boulevard war eine solch distanzierte Sichtweise freilich in der damaligen Situation fremd. „So nicht, Herr Schön!“, bellte die „Bild“-Zeitung nach der Schmach den Bundestrainer in großen Lettern an. Dieser, Vorname Helmut und bekannt als ewig zaudernder Schöngeist, hätte wohl gerne zurückgefragt: „Wie denn?“

Die Pleite von Hamburg war deswegen so schmerzhaft, weil die Westdeutschen Anfang der Siebziger im sportlichen Wettlauf der Systeme ohnehin hoffnungslos ins Hintertreffen geraten waren. DDR-Athleten dominierten dank gezielter Auslese und optimaler Förderung in fast allen olympischen Sportarten. Der Fußballplatz galt als letztes Refugium. Eine Zufluchtsstätte des sportlichen Selbstbewusstseins, in der mündige Staatsbürger in kurzen Hosen den als „Roboter“ verschrienen Staatsamateuren aus dem Osten die Überlegenheit des kapitalistischen Systems demonstrierten.

Und dann das! Wenige Wochen zuvor war zu allem Überfluss Bundeskanzler Willy Brandt (auch) über die Spionage-Affäre Guillaume gestolpert. Überhaupt: Spiegelte diese 0:1-Niederlage gegen die Brüder aus dem anderen Teil Deutschlands nicht die gesellschaftlichen Umbrüche jener Jahre wider? Vielen Bundesbürgern erschien Schöns Auswahl als Ansammlung verhätschelter Sportwagenfahrer und langhaariger Hobby-Revoluzzer. Hier waren offenbar nicht mehr elf Freunde, sondern elf Geschäftspartner am Werk. Ihre Mission an diesem nasskalten Abend war ihnen fremd geblieben. Verloren, na und? Schließlich war es nur ein Spiel um die goldene Ananas.

Wie anders 1954: Beim „Wunder von Bern“ rannten und rackerten Sepp Herbergers Schützlinge noch stellvertretend für die gebeutelten und geschundenen Landsleute. „Wir sind wieder wer“, hieß es nach dem 3:2 im WM-Finale gegen die Ungarn. Zumindest waren wir Fußball-Weltmeister. Die Helden jener Jahre waren Männer vom Schlage eines Fritz Walter oder Uwe Seeler: heimatverbunden, bienenfleißig, skandalfrei, fast bieder. Sportliche Dramen – mit Happyend – wie jenes von Hans Günter Winkler rührten die Nation und taugten zur Heroisierung. Welches Maß an Selbstaufopferung, und das bei Mensch und Tier! Der Springreiter litt bei Olympia 1956 in Stockholm nach einer Verletzung unter höllischen Schmerzen, aber die treue Stute „Halla“ trug ihn zu Gold.

Eine Generation später und nach der soziokulturellen Zäsur von 1968 waren die Sporthelden der Westdeutschen primär darauf aus, ihr Geld zur Bank zu tragen. Franz Beckenbauer und Günter Netzer lieferten nicht mehr nur Stoff für das Fachmagazin „kicker“, sondern auch für bunte Blätter und Society-Magazine. Ihr Privatleben wurde zur Angelegenheit von öffentlichem Interesse. Und die Stars ließen das gerne zu, weil es der Vermarktung ihrer Person höchst förderlich war. Der westdeutsche Sport produzierte fortan solche Medien-Lieblinge, der ostdeutsche weiterhin emsige Medaillensammler ohne Ecken und Kanten – abgesehen von wenigen Ausnahmen wie Eiskunstläuferin Katarina Witt, die als „schönstes Gesicht des Sozialismus“ eine Weltkarriere machte.

Hüben wie drüben wurde in jenen Jahren dem eigenen Leistungsvermögen gerne pharmazeutisch auf die Sprünge geholfen. Nach der Wende flog das systematische Doping-System in der DDR auf. Sehr wahrscheinlich pflegte die Konkurrenz in der BRD ein ähnlich inniges Verhältnis zum flächendeckenden Delikt Sportbetrug. Er wurde hier lediglich individuell betrieben – statt staatlicherseits forciert.

Ein Einzelner mit ausgeprägtem Ego war es dann auch, der die westdeutsche Sportgeschichte krönen sollte. Siebzehn Jahr’, rotes Jahr: Boris Beckers sensationeller Coup beim bekanntesten Tennisturnier der Welt stellte alles in den Schatten, selbst die Glanzleistungen von Ski-Königin Rosi Mittermaier 1976 in Innsbruck oder den späteren „Golden Slam“ seiner Tennis-Kollegin Steffi Graf 1988. Im Radio klang das so: „Jetzt kommt der Aufschlag. Unerreichbar, unerreichbar für Kevin Curren. Der Wimbledongewinner 1985 heißt Boris Becker. Boris Löwenherz Becker möchte man ihn fast nennen“, plärrte Reporter Gerd Szepanski am 7. Juli 1985 um 18.26 Uhr deutscher Zeit ins Mikrophon. Ja: Wir waren Wimbledonsieger! Freilich war da nicht vorhersehbar, welche beruflichen wie privaten Achterbahnfahrten der ewige Leimener seinen Bewunderern zumuten würde.

Fünf Jahre später waren wir (West) zum dritten Mal Fußball-Weltmeister. Beckenbauer, nun Teamchef, prophezeite gewohnt nonchalant, die DFB-Elf werde „auf Jahre hinaus unschlagbar“ sein. Schließlich würden in ein paar Monaten höchst veranlagte Kicker aus der dann Ex-DDR zur Mannschaft stoßen. Der „Kaiser“ irrte – auf den Fußball bezogen. Insgesamt jedoch zehrte der gesamtdeutsche Sport noch einige Jahre von den Errungenschaften und – teils fragwürdigen – Segnungen des Systems der Leibesertüchtigung Ost.

Goldene Zeiten also? Nur bedingt. Die Sportjournalisten rieben sich nach der Wende verwundert die Augen. Der Wettkampf der politischen Systeme hatte das Interesse der Menschen mehr befeuert als angenommen. Wenn der Ruderer aus der BRD gegen den Ruderer aus der DDR um den Sieg kämpfte, war das eine Art sportlicher Stellvertreterkrieg auf dem Wasser. Dieser Aspekt fiel weg, die Sportteile der Tageszeitungen büßten Anfang der Neunziger vorübergehend fast ein Drittel ihrer Leser ein.

Aussehen, Schrullen oder Spektakel

Umso energischer trieben die Athletinnen und Athleten ihre Selbstvermarktung voran. Für den Sportler heute und seine Verdienstmöglichkeiten ist es wichtiger denn je, sich zu inszenieren – sei es über sein Aussehen, über Schrullen oder über das Spektakel beim Wettkampf. Schwimm-Göre Franziska van Almsick stieg schnell zur Werbe-Ikone auf, auch dank eines gewinnenden Äußeren. Weitsprung-Queen Heike Drechsler, Skisprung-Phänomen Sven Hannawald oder der – mittlerweile nicht mehr so gut beleumundete – Tour-Triumphator Jan Ullrich sind weitere gesamtdeutsche Sport-Helden, die aus dem Osten kamen. Selbst die spröde und sperrig auftretende Kanutin und Rekord-Olympionikin Birgit Fischer gelangte so zu einer gewissen Popularität.

Schließlich das „Sommermärchen“ 2006: Deutschland präsentiert sich als weltoffenes Land. Der Titel blieb der DFB-Auswahl diesmal verwehrt. Immerhin schien die Sonne. Bei der WM 1974 war das Wetter meist lausig...

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