MyMz

„Wunderjahre“ der Republik

In den scheinbar so konservativen 50er Jahren ging es aufwärts. Die Wirtschaft boomte, wir wurden Weltmeister.

Die ersten Rekorde purzelten bereits in den 50er Jahren. Als der 500000 VW-Käfer vom Band lief, wurde in Wolfsburg kräftig gefeiert. Fotos: dpa

Von Gustav Norgall, MZ

Welche Schlagworte, welche Gedanken kommen den Deutschen im Westen unseres Landes in den Sinn, wenn sie an die 50er Jahre denken? Das „Wirtschaftswunder“, der neue Wohlstand dank Neckermann, Quelle oder Grundig. Das „Wunder von Bern“, der 3:2-Endspielsieg bei der Fußballweltmeisterschaft in der Schweiz. Adenauers Moskaureise, die Heimkehr der letzten Kriegsgefangenen aus der Sowjetunion. Dazu sang bereits damals Peter Kraus, während die Amerikaner vom deutschen „Fräuleinwunder“ schwärmten. Es sind grundsätzlich positive Erinnerungen. Wen wundert es da, dass vor einiger Zeit, als in einer TV-Show nach den größten Deutschen in der Geschichte gefragt wurde, ein Mann, der die 50er Jahre prägte wie kein anderer, als Erster genannt wurde: Konrad Adenauer, Kanzler der neuen Bundesrepublik Deutschland von 1949 bis 1963.

Die Älteren unter uns erzählen gerne von den Jahren des Aufbaus. Die neuen Kleider, das erste Radio, die eigene Wohnung. Die Jüngeren wissen zumindest noch, dass damals Petticoat und Rockn-Roll den Einzug in Deutschland hielten. Das sind schöne Bilder, die in einem seltsamen Gegensatz zu der Kritik stehen, die vor allem Literaten und Geisteswissenschaftler an den 50er-Jahren üben. Es seien Jahre der Restauration gewesen. Die alten Nazis seien wieder in Amt und Würden gelangt. Eine verklemmte Gesellschaft habe sich wegen einer winzigen Nacktszene für Hildegard Knef geschämt und sie als „Sünderin“ gebrandmarkt.

Das Auto war ein Luxusgut

Welches Bild stimmt, welches ist geschönt, welches schwarz gemalt? Die Menschen in den 50er Jahren wollten zuerst einmal wieder ordentlich leben, und das war ja schwer genug. Das Wirtschaftswunder war ja laut Ludwig Erhard, dem Inbild der sozialen Marktwirtschaft, kein Wunder, sondern Ergebnis harter Arbeit. Damals gab es keine 40-Stunden-Woche. Der Lohn reichte so gerade, um die Grundbedürfnisse zu befriedigen. Das Auto war ein Luxusgut, der Fernseher trat gerade erst seinen Siegeszug an.

Die deutsche Wirtschaft wuchs aber in den 50er Jahren jedes Jahr im Schnitt um 7,6 Prozent, 1955 gab es mit 11,5 Prozent den Höhepunkt. 1955 lief der millionste Käfer vom Band. Von 1950 bis 1960 wurden Bruttosozialprodukt und Exporte verdoppelt. Die Arbeitslosigkeit schrumpfte 1955 auf nur noch zwei Prozent – also Vollbeschäftigung. Der Wohnungsbestand erreichte wieder den Vorkriegsstand – während kurz nach dem Krieg einige Prognosen noch 50 Jahre für den Wiederaufbau veranschlagt hatten.

Modernisierung auf breiter Front

Wer will es den Menschen verdenken, dass sich die Stimmung breit machte: Wir sind wieder wer. Zur Normalität nach den Jahren der Unsicherheit gehörte der Rückzug ins Private, unpolitische. Wer wollte es den Menschen verdenken, dass sie nach den Schrecken des Krieges angesichts der harten Arbeit am Wiederaufbau abends ein wenig Ablenkung beim Heimatfilm suchten? Die NS-Vergangenheit aufzuarbeiten stand noch nicht auf der Tagesordnung – vielleicht auch, weil zu viele darin verstrickt waren.

Andererseits: War die Gesellschaft wirklich so statisch, rückwärts gewandt, wie manche heute beklagen. Rund zehn Millionen Flüchtlinge und Vertriebene mussten eingegliedert werden. Sie veränderten die soziale und religiöse Struktur in ganz Deutschland. Viele Kriegerwitwen mussten sich alleine durchschlagen. Die Bedeutung der Landwirtschaft ging rapide zurück, fast das ganze Land wurde von der Industrialisierung erfasst. Es gab einen unfreiwilligen Modernisierungsschub, der gar nicht zu unterschätzen ist. Der neue bescheidene Reichtum gab vielen Deutschen erstmals überhaupt die Möglichkeit, über das Dorf, die Stadt hinauszuschauen und sich um Fragen jenseits der Daseinsvorsorge zu kümmern. Natürlich fiel die bundesdeutsche Gesellschaft auseinander – so wie sie es heute auch tut. Die einen hörten Elvis Presley, die anderen trällerten Lieder von Freddy Quinn. Die einen kauften sich modische Nierentische, die anderen den schweren Gelsenkirchner Barock. Die einen sparten auf eine Isetta und tanzten mit Hula-Hoop-Reifen, die anderen gingen zu den ersten „Kampf gegen den Atomtod“-Demonstrationen.

Es war ein spannendes Jahrzehnt, in dem die Grundlagen für das neue Deutschland gelegt wurden. „Bonn ist nicht Weimar“, schrieb der Schweizer Publizist Fritz Rene Allemann mit anerkennendem Blick auf den Nachbarn. Während nach dem Ersten Weltkrieg das Deutsch Reich innenpolitisch zerfaserte, stabilisierte sich die neue Bundesrepublik überraschend schnell.

Volksaufstand in der DDR

Der Wirtschaftsaufschwung trug zur Stabilisierung des neuen Gemeinwesens bei, jedoch sollte man die kluge Politik Adenauers und Erhards nicht unterschätzen. Statt zwischen Ost und West zu schaukeln, banden sie Westdeutschland an Westeuropa und die USA. Das war eine klare Werteentscheidung, die sich für diesen Teil Deutschlands auszahlen sollte. Wobei eingeräumt werden muss, dass die Westmächte „ihrem“ Teil des besiegten Deutschland wohl auch gar keinen anderen Weg erlaubt hätten. Die Westdeutschen gingen diese Bindung aber gerne ein, weil das Schicksal des östlichen Teils des Vaterlandes ihnen Warnung genug war.

In der „Zone“, der DDR, dem anderen Deutschland, sind die Erinnerungen an die 50er Jahre daher wohl noch zwiespältiger. „Weg mit der SED-Diktatur“ verlangten am 17. Juni 1953 Hunderttausende Demonstranten in Berlin oder Leipzig. Doch die Sowjetunion hielt damals an ihrer Kriegsbeute fest – bis zur Wiedervereinigung sollte es noch 36 Jahre dauern. Der Aufbau im Osten ging wesentlich langsamer voran als im Westen, die Sozialisierung, die Zwangsherrschaft forderten ihren Preis. Millionen Ostdeutsche flohen in den Westen. Der Mauerbau beendete diese Fluchtbewegung, und so war politisch gesehen der 13. August 1961 eigentlich auch der Schlusspunkt unter die 50er Jahre. Nun musste man sich neu orientieren. Im Osten wie im Westen.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht