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Als der Weltkrieg ins Heilige Land kam

Hermann Tannich kämpfte für die k.u.k.-Monarchie in Palästina. Seine Tochter lebt heute in Weiden und hütet seine Fotoalben wie einen Schatz.
Von Fritz Winter, MZ

  • Hermann Tannich fotografierte eine Feuerstellung der österreichischen Armee in der Oase Hod el Noga. Das 75-mm-Gebirgsgeschütz M 1915 wird geladen. Fotos: Hermann Tannich
  • „Mein Hedschin – Bethlehem 1916“ ist dieses Bild betitelt. Ein Hedschin ist ein Reitkamel. Man beachte die interessante Fußhaltung.
  • Truppenappell nach der gewonnenen zweiten Schlacht bei Gaza.
  • Auf dem Rückzug: Die k.u.k.-Truppen bahnen sich bei Jericho eine Furth durch den Jordan.

Weiden.Als im Sommer 1914 der Erste Weltkrieg ausbrach, war Hermann Tannich Gutsbesitzer im gut 300 Einwohner zählendem Dorffriese nahe Hohenstadt im mehrheitlich deutschspachigen Teil von Mähren. Er war Unteroffizier im Heer der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie im Range eines Oberfeuerwerkers und hatte seinen Militärdienst von 1904 bis 1907 und während der Balkankrise 1912/13 unter anderem in Sarajevo abgeleistet. Als Angehöriger der 1. Batterie des k.u.k. Gebirgsartillerieregiments 4 mit Sitz in Budapest wurde er wieder zu den Waffen gerufen. Es sollte ein ganz besonderer Einsatz werden, denn es ging nach Palästina – in das Heilige Land.

Der Kaiser: „Die sehn wir nimmer“

Hermann Tannich war nicht nur ein Artillerist, sondern auch ein begeisterter Fotograf. Seiner Leidenschaft ist es zu verdanken, dass bis heute zwei Alben mit beeindruckenden Aufnahmen von deutschen und österreichischen Soldaten an der Levante-Front erhalten geblieben sind. Entgegen der Einschätzung seines Kaisers Franz Joseph, der nach der Entsendung der Gebirgshaubitzbatterien angemerkt haben soll: „Na ich glaub doch, die sehn wir nimmer!“ überlebte Tannich den 1. Weltkrieg. Nach Ende des 2. Weltkrieges wurde er mit seiner Familie aus dem Sudetenland vertrieben und kam in die Nähe von Weiden, wo seine Tochter eine neue Heimat fand.

Aus dieser Stadt mussten viele Männer während des Ersten Weltkrieges im österreischisch-ungarischen Heer dienen. Sie waren vor allem Glasmacher und Eisenbahner, die aus Böhmen stammten und deshalb Untertanen des österreichischen Kaisers waren. Dr. Sebastian Schott, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Stadtarchiv Weiden, will die Fotos von Tannich auch deshalb zum Gegenstand einer Sonderausstellung über den Ersten Weltkrieg heuer im Herbst machen.

Deutsches Asien-Korps sollte Osmanisches Reich unterstützen

Das deutsche Asien-Korps und die österreichisch-ungarischen Streitkräfte in Palästina waren zur Unterstützung des Osmanischen Reiches entsandt worden, das auf Betreiben Enver Paschas als Bündnispartner Deutschlands und Österreich-Ungarns in den Krieg eingetreten war. Die Palästina- oder Sinaifront war ein Nebenkriegsschauplatz im Ersten Weltkrieg. Sie wurde im Januar 1915 durch den Vorstoß der Türken zum Sueskanal eröffnet, der aber durch das Britische Empire abgewehrt werden konnte.

Mitte März 1916 kam Hermann Tannich, dann wohl schon im Dienstgrad eines Offiziers-Stellvertreters, mit seiner Batterie in Konstantinopel, dem heutigen Istanbul an, wo die Soldaten mit wahrhaft orientalischem Prunk begrüßt wurden. Er zückte sofort seine Kamera, fotografierte den Abmarsch vom Bahnhof in Konstantinopel, das Portal des Kriegsministeriums und die „Defilierung vor Excz. Kriegsminister Enver Hodscha“, wie er später im Album vermerkte.

„Bierabend“ mit Zigeunermusik

Nachdem ein Großteil der Gebirgsartilleristen aus Ungarn stammte, hielt Tannich auch die Militärmusik – eine waschechte Zigeunerkapelle in Uniform – im Bild fest. Die Ortsgruppe Konstantinopel des Österreichischen Flottenvereins lud die Soldaten zu einem „Bierabend“ mit Zigeunermusik, bevor der mühselige Weitermarsch über Damaskus und Jerusalem nach Bir Seba, am Rande der Negev-Wüste, in Angriff genommen wurde. Jerusalem muss den Mähren Tannich besonders beeindruckt haben: Viele Fotos von Grabeskirche, Ölberg, Tempelplatz oder Berg Gethsemane zeugen davon. Die Fotos dürften nach der Kriegsheimkehr des Soldaten für weites Aufsehen gesorgt haben, gaben sie doch Einblick in ein Land, das man nur vom Hörensagen kannte.

Die erste Bewährungsprobe für Tannichs Batterie brachte im Juli 1916 der Versuch, zum zweiten Mal zum Suezkanal vorzustoßen und die Engländer zu schlagen. Das Vorhaben mißlang. Die österreichisch-ungarischen Soldaten liefen mit ihren türkischen Verbündeten Gefahr, eingekesselt zu werden und mussten ihre Geschütze zum Teil im Handzug aus der Gefahrenzone bringen.

Britischer Vormarsch im Jahr 1917

Die nächsten Fotos in Tannichs Album entstanden im Raum Gaza, er selbst schrieb „Gassa“ und „Bir el Seba“ für Beersheba. Zu Beginn des Jahres 1917 wurde deutlich, dass der Türkei und ihren Verbündeten das Heft des Handelns auf dem Kriegsschauplatz im Orient immer mehr entglitt. Die britische „Egypt Expeditionary Force“ (EEF) arbeitete sich an die türkische Front heran. Erklärtes Ziel war es, im Laufe dieses Jahres dem Osmanischen Reich im zweiten Anlauf die Stadt Bagdad zu entreißen.

Im März 1917 war die Küstenstadt Gaza und die rund 50 Kilometer lange Verteidigungslinie vom Meer bis Beersheba bedroht. Die erste Schlacht um Gaza endete blutig: Die Briten wurden zurückgeschlagen und hatten 3500 Mann an Toten und Verwundeten und 500 Vermißte zu beklagen, die Türken 2400 Tote und Verwundete, dazu noch 57 deutsche und österreichisch-ungarische Soldaten. Auch ein zweiter Angriff, diesmal mit Unterstützung von Tanks wurde zurückgeschlagen. Eine von Tannichs Haubitzen schoss sogar einen Panzer ab – in der Kriegsgeschichte wohl ein einmaliger Vorgang. Ein Bild des Soldaten zeigt den Appell nach der siegreichen zweiten Gaza-Schlacht.

Palästina-Einsatz endet „formlos“

Erst im Oktober nahmen die reorganisierten Briten Beersheba und kurz darauf im dritten Anlauf Gaza ein. Im Dezember folgte die Schlacht um Jerusalem und im Februar 1918 Jericho. Hier zeigt ein Bild Tannichs, wie sich die österreichisch-ungarischen Gebirgsartilleristen eine Furth durch den Jordan bei Jericho bahnen. Der Rückzug ist in vollem Gange, wie auch die Bilder zeigen. Im April 1918 wurde die k.u.k. Artillerie zur Abwehr alliierter Angriff im Ostjordanland eingesetzt. Ein Großangriff der Alliierten konnte seitens der Mittelmächte mit den ihnen zur Verfügung stehenden artilleristischen Kräften nicht mehr wirksam aufgehalten werden. Ab dem 19. September 1918 brach die Front zusammen.

Bis auf die Geschütze der Gebirgskanonenbatterie Nr. 1/4, die ihr Material retten konnte, ging alles schießende Gerät verloren. Nach dem Waffenstillstand am 30. Oktober 1918 sammelten sich die Reste der k.u.k. Truppen in Konstantinopel. Tannich traf über Triest im Januar 1919 in Wien ein, die Truppe ging „formlos“ auseinander. Das Abenteuer war beendet.

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