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An der Marne wird ein Wunder gefeiert

2011 bekam das Städtchen Meaux einen Besuchermagneten: das einzige Museum im Großraum Paris, das ausschließlich den Ersten Weltkrieg thematisiert.
von Christine Strasser, MZ

Meaux.Die deutschen Truppen rückten nach dem Kriegsausbruch 1914 über Belgien rasch Richtung Paris vor. Zwischen dem 15. August und dem 10. September 1914 hatte die französische Armee 250000 Soldaten eingebüßt – Tote, Verwundete und Vermisste. Der Krieg schien verloren, Frankreich war besetzt bis zur Marne. In Meaux, einer Kleinstadt rund 30 Kilometer vor Paris, wurden die Brücken gesprengt. Der Stadtkommandant von Paris bereitete die Sprengung des Eiffelturms und der Seinebrücken vor. Dann geschah das, was alle französischen Schulkindern bis heute als „Wunder von Marne“ im Geschichtsunterricht lernen.

Die Deutschen hatten eine Bresche von etwa 40 Kilometern zwischen der der 1. Armee unter General von Kluck und der 2. Armee unter General von Bülow entstehen lassen. Ein fataler Fehler. Franzosen und Briten stießen genau in diese Lücke. Kurz vor Meaux war Schluss für die Deutschen. Der französische General Joseph Joffre zog alle verfügbaren Reserven zusammen. Hunderte Pariser Taxen brachten französische Soldaten an die Front. Es folgten fünf schreckliche Kampftage, in denen den Franzosen die Wende gelang. Aus dem deutschen Hauptquartier kam der Befehl zum Rückzug, um die auseinander gerissene Front zusammenzufügen und zu stabilisieren. Der von General Alfred Graf von Schlieffen konzipierte Plan, der den Sieg über Frankreich in sechs Wochen verheißen hatte, war gescheitert.

Der Bewegungskrieg war nach der Schlacht an der Marne zu Ende. Zwischen 1914 bis 1917 blieb die Front im Westen mehr oder weniger statisch. Getrennt durch ein „Niemandsland“, meistens 200 bis 300 Meter, an manchen Stellen aber auch nur wenige Meter breit, belauerten sich beide Armeen in ihren Gräben. Oft standen die Gräben voll Wasser. Es wimmelte vor Ratten.

Allein in Frankreich war die Front im Ersten Weltkrieg rund 900 Kilometer lang. Sie reichte von der Küste im Nordwesten über die Champagne, die Vogesen und das Elsass bis zur Schweizer Grenze. Ganze Landschaften wurden bei den Gefechten verwüstet, Städte wie Reims oder Arras zerstört. Gedenkstätten und Soldatenfriedhöfe sind in Frankreich wichtige Ziele für Besucher aus aller Welt: 6,2 Millionen waren es im vergangenen Jahr. „Allein die 17 bedeutendsten Gedenkstätten zählten rund vier Millionen Besucher“, sagt Jean Klinkert, Vorstandsmitglied der Association Tourisme et Mémoire de la Grande Guerre (Vereinigung Gedenktourismus und Erster Weltkrieg). „Davon kamen 55 Prozent aus Frankreich, 45 Prozent aus dem Ausland, vor allem aus Großbritannien, Deutschland und Belgien.“ Etwa 40 Prozent waren Gruppenreisende, 60 Prozent reisten individuell.

Die Erinnerung an den „großen Krieg“, wie ihn die Franzosen nennen, wird im Hexagone bis heute wach gehalten. In Meaux eröffnete der damalige Präsidten Nicolas Sarkozy am 11. November 2011 das „Musée de la Grande Guerre“, das einzige Museum in und um Paris, dass sich ausschließlich dem Ersten Weltkrieg widmet. Seitdem sind 250000 Besucher gekommen, weiß Cécile Barthou vom Tourismusbüro der Stadt. Eine Flugschau und ein Musical erinnern dieses Jahr an das Wunder an der Marne.

Das Museum steht auf jenem Hügel am heutigen Stadtrand von Meaux, von dem aus die Heerführer vor 100 Jahren die furchtbaren Schlachten beobachten konnten. Pariser Architekt Christophe Lab hat diesen Erinnerungsort geschaffen. Sein Bau dominiert den Hügel wie eine riesiger, umgestürzter Grabstein. Mit seinen Materialien Beton, Stahl und Glas wirkt das Museum von außen modern und vollkommen unpathetisch. Wer zum Eingang läuft, muss ein künstlich angelegtes Fichtenwäldchen durchqueren. Aus Lautsprechern ist Pferdewiehern und Kanonendonnern zu hören.

Innen bekommen die Besucher 50 000 Objekte einer Privatsammlung, die Jean-Pierre Verny seit den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts in Europa und in den USA zusammengetragen hat, zu sehen: Modelle, Original-Panzer und Militär-LKW, Flugzeuge, Waffen, Munition sowie Gemälde, Grafiken, Zeichnungen, Plakate, Anschläge zur Mobilmachung, plakative Aufrufe, die die Schlachten verherrlichen sollten und die vielleicht größte Sammlung von Uniformen aus dem Ersten Weltkrieg, die es weltweit gibt. Der Weg führt durch nachgebaute Schützengräben und einen engen Unterstand. Aus dunklen Ecken klingen die Schreie der Verwundeten, das Flüstern der Tröstenden, das Seufzen der Sterbenden.

An den Flussufern der Marne ertönt heute vor allem Kinderlachen. Die Stadt hat einen großen Naturpark angelegt. Ein Naherholungsgebiet für Familien aus Paris, die mit dem Zug in 30 Minuten bis in diese Idylle brauche. Darüber hinaus lebt die Stadt als Markt vor allem von ihrer Milch- und Käseproduktion. Der Brie de Meaux ist eine weltbekannte geschützte Käsesorte.

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