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Abschied von der zweiten Heimat

Im Glocknerhof in Stamsried fanden junge Flüchtlinge ab 2015 eine neue Bleibe. Nun müssen sie nach Waldmünchen umziehen.
Von Christoph Klöckner

Der Rest von einmal 57 jugendlichen Flüchtlingen in Stamsried mit Maria Bräu, Leiterin des Betreuerteams, und zwei weiteren Betreuerinnen, Christiana Wagner-Melika und Sabine Lis
Der Rest von einmal 57 jugendlichen Flüchtlingen in Stamsried mit Maria Bräu, Leiterin des Betreuerteams, und zwei weiteren Betreuerinnen, Christiana Wagner-Melika und Sabine Lis Foto: Klöckner

Stamsried. Es ist Abdallah oder Ebrahimi, der im Fernsehzimmer in Stamsried irgendwann das in den Raum sagt, was wohl der Rest auch gedacht hat: „Das sind unsere Eltern!“ Der Rest, das sind nicht mehr viele. Sieben Jungs sitzen hier noch, die jetzt vor sich hin nicken. Und in Richtung ihrer Betreuerinnen schauen.

Von den sechs, die derzeit noch für das Kolping-Bildungswerk hier arbeiten, sind neben Leiterin Maria Bräu noch Sabine Lis und Christiana Wagner-Melika dabei. Die Stimmung ist bedrückt, Trauer und Enttäuschung liegt in der Luft, denn die „Familie“ des Glocknerhofs geht auseinander – am 17. März zieht der letzte jugendliche Flüchtling aus. Die meisten minderjährigen Flüchtlinge müssen nach Waldmünchen umziehen, hat das Landratsamt entschieden.

Also wieder Koffer packen, die neue Heimat hinter sich lassen und Unbekanntem begegnen. Dieses Mal sind sie jedoch besser vorbereitet. Denn die Kolping-Mitarbeiter haben ganze Arbeit geleistet, seit die ersten Jugendlichen im Juni 2015 eintrafen. Sie haben nicht nur vor Ort Deutschkurse angeboten, um möglichst schnell eine Verständigung möglich zu machen.

Familie und Heimat

  • Schluss

    Der Glocknerhof in Stamsried war so etwas wie Familie für sie. In der Hochphase wohnten hier 57 Jugendliche in drei Häusern. Am 17. März 2017 zieht der letzte aus – die übrigen fünf Betreuer und die Leitung werden dann arbeitslos. Am 31. März schließt am Glocknerhof, dessen Häuser vom Landkreis für die Jungen angemietet wurden, das Kapitel Flüchtlinge endgültig.

  • Abschiebung

    Ein Thema bleibt beim Treffen mit den Jugendlichen außen vor – das Thema Abschiebung, das über manchem wie ein Damoklesschwert schwebt und jede Motivation zu ersticken droht. Schon die Anhörungen zum eigenen Schicksalslauf sind für manche der Jungs zur Tortur geworden, wie Betreuer erzählen. Sie bekamen Termine morgens um 8 Uhr in Düsseldorf oder in Dortmund. „Einer war drei Tage unterwegs“, erzählt Maria Bräu von der Odyssee per Zug.

  • Widerspruch

    In Sachen Abschiebung ist es von Nachteil, in Bayern gelandet zu sein. Während andere Bundesländer davon absehen, etwa in das Krisenland Afghanistan abzuschieben, spielt der Freistaat hier die Vorreiterrolle. Einen aus der Gruppe hat bereits ein Negativbescheid erreicht. Der Widerspruch sei eingelegt, so Maria Bräu. (ck)

Hieß es zu Beginn des Wohnprojekts von der Politik, Integration sei auf Jahre ausgelegt, hat sie hier ein schnelles Ende gefunden. Heraus gekommen sind für die meisten Minderjährigen nicht einmal eineinhalb Jahre. Einige Jugendlichen, die 18 werden, wechseln ins betreute Wohnen – notwendig, denn ganz ohne Betreuung geht es nicht.

Nur Angst vor Mathe

Doch die Zeit in Stamsried habe die Jungen fit für ein neues Leben gemacht, sagt Maria Bräu. Sie haben Praktika im Krankenhaus, im Handel oder Handwerk absolviert – Berufe, Sprache und Menschen kennengelernt. Sie sind so fit, dass mancher Arbeitgeber den Nachwuchs gerne als Lehrling gehabt hätte. Tahir etwa hat mehrfach probeweise auf dem Bau gearbeitet. „Ich habe nur Angst vor Mathe“, sagt Azizullah auf die Frage nach einer Lehre. Auf „80 Prozent“, schätzt Maria Bräu die Quote derer, die einen Lehrvertrag bekommen würden. Wenn sie dürften, denn die Jugendlichen sind aus dem falschen Land – für die Mehrheit hat die Politik ein generelles Arbeitsverbot verordnet.

Dabei wurde so vieles in sie investiert, sagt Maria Bräu. Nicht nur Geld, sondern viel Engagement. Wie es Eltern tun, um ihre Schützlinge richtig ins Leben zu bringen – ins deutsch-bayerische Alltagsleben. Das habe beim Vermitteln von Basiswissen begonnen. „Etwa die Benutzung der Toilette“, sagt Maria Bräu. Für uns eine profane Sache, für die Jugendlichen unbekanntes Terrain. „Sie kannten das nicht. Am Anfang haben sie sich draufgestellt“, erzählt die Teamleiterin.

Fluchtverhalten zu Beginn

Auch das Sammlen von Essen auf den Zimmern musste den Jungs abgewöhnt werden – „diese Angewohnheit hatten sie von der Flucht mitgebracht, wo nie sicher war, wann es wieder Essen gab.“ Erklärt werden musste den Jugendlichen auch, dass nicht eine Stunde am Stück geduscht werden kann – auch wenn es schön ist. Völlig ungewohnt waren Hausarbeiten, die die Jugendlichen zu erledigen hatten. „Ein ewiges Thema ist die Müllentsorgung gewesen“, wissen die Betreuer. Zuhause sei wohl alles aus dem Fenster geflogen – hier werde sorgsam gesammelt und getrennt.

Putzen, kochen und waschen, das hatten sie bis dahin noch nie gemacht. Oder einkaufen in Stamsried – dafür sind sie mit Betreuern in der Gruppe losgezogen, wie zu McDonalds, zum Volksfest oder in die Kirche. „Wir haben Heiligabend gefeiert, Weihnachtslieder gesungen und Plätzchen gebacken“, sagt sie.

„Sie konnten nicht verstehen, warum nur einer auf dem Rad fahren darf, wo doch so viel Platz ist.“

Maria Bräu

Es gab eine Fahrradwerkstatt, wo die Jungen viel Geschick bewiesen, und eine Fahrradschulung mit der Polizei. „Sie konnten nicht verstehen, warum nur einer auf dem Rad fahren darf, wo doch so viel Platz ist“, lacht die Betreuerin. Einige sind mittlerweile im Fußball angekommen, spielen in Cham oder in Stamsried – und haben darüber erste Freundschaften zu Deutschen geschlossen.

Was sagt man zu Mädels?

Nachhilfe gab es für deutsch-internationale Begegnungen in Stamsried, etwa beim Besuch des Naturfreibads. Um dabei nicht die Umkleiden von Männern und Frauen zu verwechseln oder den jungen Mädels im Bikini hinterherzustarren. Wie spreche ich Mädchen an? Was sollte man nicht machen, was darf man tun? – auch solche Fragen, die Jungs interessieren, kamen auf den Tisch. Dazwischen gab es immer wieder Hilfestellungen bei der Verarbeitung schlimmer Fluchterfahrungen oder Misshandlungen von Zuhause. Manche seien so belastend, dass Jugendliche zur Behandlung in die psychiatrische Klinik mussten.

„Das Gewohnte aufzugeben, beunruhigt die Jungs.“

Maria Bräu

Das Miteinander sei ein Geben und Nehmen gewesen, meint Maria Bräu – die Betreuer hätten selbst viel gelernt, etwa über den islamischen Glauben, übers Essen oder Verhaltensregeln in anderen Ländern. Im Glocknerhof spielte sich das Leben ein. Den Alltag zu meistern, bewährte sich als wichtige Integrationsmaßnahme. Nun ist nach Beobachtung der Betreuer die Angst vor dem, was kommt, zurück. „Das Gewohnte aufzugeben, beunruhigt die Jungs“, sagt Maria Bräu.

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