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Ängste, Vorurteile und Wahrheiten

Fast vier Stunden setzten sich über 70 Interessierte in Waldmünchen mit dem Thema Islam und Demokratie auseinander.
Von Petra Schoplocher

Über 70 Interessierte waren der Einladung zu dem zweigeteilten Vortragsabend zum Islam in die Jugendbildungsstätte gefolgt.
Über 70 Interessierte waren der Einladung zu dem zweigeteilten Vortragsabend zum Islam in die Jugendbildungsstätte gefolgt. Foto: Schoplocher

Waldmünchen.Am Anfang stand das – auch als solches in der Einladung formuliert – Vorurteil. Der Islam ist eine Gefahr für den demokratischen Rechtsstaat, Muslime haben einen Hang zu Gewalt, Intoleranz und Fanatismus. Was aber steht wirklich im Koran? Wie ist dieses bedrohliche Bild entstanden? Und was hat die Politik damit zu tun?

Offenbar stellen sich viele Menschen Fragen wie diese, denn über 70 Frauen und Männer nutzten die Gelegenheit, sich von Dr. Oliver Hidalgo durch die Welt des Islam führen zu lassen. Und die, so wurde schnell klar, ist kompliziert. Der Privatdozent wählte einen geschickten Weg: Geschichtliche und gesellschaftliche Hintergrundinformationen halfen, bestimmte Koranverse samt Auslegungsmöglichkeiten zu verstehen.

Gewaltbotschaften hier wie da

Der Vortrag von Dr. Oliver Hidalgo (rechts) hat viele Facetten beleuchtet, die im Nachgang – auch mit dem Referenten – noch vertieft wurden.
Der Vortrag von Dr. Oliver Hidalgo (rechts) hat viele Facetten beleuchtet, die im Nachgang – auch mit dem Referenten – noch vertieft wurden. Foto: Schoplocher

Gewaltbotschaften seien in der heiligen Schrift des Islam „nicht wegzudiskutieren“, erläuterte der Politikwissenschaftler, gab aber gleich den Hinweis: „Wenn Sie bestimmte Passagen in der Bibel wörtlich nehmen, haben Sie auch ein Problem“. Allerdings stelle sich beim Lesen des Koran eine entscheidende Frage: Ob diese als Auftrag verstanden werden sollten oder ob „Gott“ das klärt. Hidalgo wies zudem auf Widersprüche in den Suren hin und darauf, dass „es kein Problem ist, aus dem Koran eine friedliebende Botschaft zu lesen“. Immer wieder kam er an den Punkt, an dem die Frage laute, mit welcher Brille die Botschaften gelesen werden wollen.

„Ich persönlich habe ein Problem, wenn ich eine Burka sehe. Das bedeutet aber nicht, dass ich mich für ein Verbot einsetzen würde.“

Dr. Oliver Hidalgo

Ausführlich beleuchtete der Referent die Unterdrückung der Frau („Da brauchen wir nicht drumrumreden“). In Koran und Sunna würden Frauen explizit benachteiligt. „Wenn Aussage gegen Aussage steht, wird dem Mann geglaubt.“ Allerdings würde dafür sogar eine Begründung mitgeliefert: Frauen seien wankelmütiger und emotionaler. Beeinflusst würde das Frauenbild zudem von der Polygamie sowie der Tatsache, dass Mohammeds Lieblingsfrau Aischa minderjährig gewesen sei.

Im Vergleich zu der Rolle der Frau in den arabischen Stammesgesellschaften sei ihre Stellung durch den Koran sogar verbessert worden, erklärte der Wissenschaftler. „Wörtliche oder dynamische Auslegung?“, laute die Frage, die sich aufdränge. Bei letzterer könne die Verbesserung, die seinerzeit begonnen habe und das Ziel gewesen sei, nun weitergeführt werden.

Zulauf zum Fundamentalismus

„Es ist nicht so, dass irgendetwas genau so im Koran steht und das jeder Muslim das genau so lesen muss“, unterstrich er. Der politische Wille sei entscheidend für die Auslegung. Hidalgo warnte auch vor vorschnellen Urteilen. Als 1776 in der Virginia Declaration of Rights Grundrechte definiert wurden, herrschte in dem amerikanischen Staat Sklaverei – darin schien kein Widerspruch zu liegen.

„Toleranz fängt da an, wo man eine Praxis nicht gut findet, es einem aber nicht zusteht, das zu unterbinden. Das ist Religionsfreiheit.“

Dr. Oliver Hidalgo

Es gab auch im Christentum eine Zeit, in der es problemlos möglich war, Hexen zu verbrennen. Hidalgos Schlussfolgerung: „Wir sind die letzten, die sich hier hinstellen dürfen und urteilen, denn auch wir sehen unsere blinden Flecken nicht.“ Hidalgo warnte vor der Orientalismus-Falle, die dazu führe, dass nur das Fremde und Trennende wahrgenommen und alles andere übersehen werde. „Wenn Sie jemanden immer wieder als Feind behandeln und wahrnehmen, wird er es auch irgendwann sein“, meinte er.

Auf reges Interesse stießen Hidalgos Erklärungen, warum der fundamentalistische Islam so attraktiv sei. Viele wünschten sich, den Einfluss des Westens auf die islamische Welt rückgängig zu machen. Hinzu komme die Sorge, Identität zu verlieren. Es wachse die Zahl derer, die sich in keiner Welt zugehörig fühlten. „Früher wären die vielleicht zur RAF gegangen“, zog er einen Vergleich. Der frühzeitliche Islam erscheine als die Alternative. Zudem müsse man wissen, dass in Staaten ohne soziales Netz gerade diese Gruppen Sozialarbeit leisteten.

Dozent und Vortragsreihe

  • Zur Person

    Dr. Oliver Hidalgo hat Volkswirtschaftslehre, Politikwissenschaft, Recht und Kommunikationswissenschaft studiert und ist Doktor der Philosophie. Er lehrt am Institut für Politikwissenschaft der Universität Regensburg. Derzeit hat er eine Vertretungsprofessur an der Uni Münster inne.

  • Forschung

    Schwerpunkte der Forschung sind unter anderem Politik und Religion, Demokratieerziehung sowie Demokratie und Wirtschaft.

  • Thema

    Nach Vorträgen im Vorjahr, die die Katholische Arbeitnehmer Bewegung (KAB) im Bistum dem Thema „Flüchtlinge im Dschungel der Bürokratie“ gewidmet hatte, geht es aktuell um den Islam und das Verhältnis zwischen Demokratie und Islam. „Was Sie über den Islam wissen sollten“ fand in Waldmünchen in Kooperation mit Volkshochschule und kifas statt und wird am 10. November in Kelheim wiederholt.

  • Fortsetzung

    Die Reihe wird ergänzt durch einen Themenabend „Brücken bauen“ am 18. November in Johannisthal. Der Schwerpunkt von Dr. Sylvia Schroll-Machl liegt auf Sprache und Kulturverständnis.

  • Weiterführend

    Weitere Informationen zu den Bildungsangeboten der KAB gibt es unter www.kab-bildungswerk-regensburg.de und telefonisch unter der Nummer (09 61) 3 31 61. (ps)

Bei Fragen nach Religionsfreiheit und einem islamistischen Demokratiemodell gelte ähnliches: Man könne eine gewisse Vielfalt herleiten, aber auch den Satz „Bekämpfet sie, bis alles an Allah glaubt“. Hidalgo stellte einige islamische Denker der Demokratie und deren Ansätze vor, ehe sich das Publikum – das sich auch während des Vortrags rege beteiligt hatte – bestimmte Aspekte vertiefte. Diese zeigten, so fassten es Monsignore Thomas Schmid und der Referent später zusammen, dass offenbar doch Ängste herrschten, die Hidalgo bei seinem nächsten Vortrag ernster nehmen und auf die er mehr eingehen wird. KAB-Diözesanpräses Schmid war sich sicher, dass die Vorträge richtig und wichtig seien. „Wohnung, Möbel, Kleidung haben wir kapiert, nun müssen wir am gegenseitigen Verstehen arbeiten.“

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