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Afghanen bangen um Ausbildungs-Traum

Das Projekt „Heimat 2.0“ soll aus Flüchtlingen Lehrlinge machen. Eine Weisung des Innenministers empört Chams Wirtschaft.

Die Wirtschaft wolle ihren Teil zur Integration beitragen, betont die IHK. Darum wurden etwa beim Projekt „Heimat 2.0“ mehr als 30 Praktika an junge Afghanen vermittelt.
Die Wirtschaft wolle ihren Teil zur Integration beitragen, betont die IHK. Darum wurden etwa beim Projekt „Heimat 2.0“ mehr als 30 Praktika an junge Afghanen vermittelt. Foto: dpa

Cham.„Wir als Wirtschaft zählen für diese Staatsregierung offenbar überhaupt nicht mehr.“ Der Rodinger Unternehmer Hans Stangl hält seinen Ärger nicht mehr zurück – denn, „ich bin maßlos enttäuscht“. Im September sollten zwei junge Afghanen ihre Ausbildung bei der Stangl & Kulzer Group beginnen. Die Firma investierte viel Zeit und Geld, ließ alle Ausbilder auf die Aufgabe in Seminaren vorbereiten. Doch plötzlich muss Stangl erfahren, dass alles infrage steht.

Der Grund: eine Anweisung des Innenministeriums vom September. Ihr Inhalt: strengere Zugangsbedingungen für Flüchtlinge, die eine Ausbildung beginnen wollen. Das Problem: ein Halbsatz. Die Ausländerbehörden der Landratsämter dürfen Ausbildungen nicht zustimmen, „wenn konkrete Maßnahmen zur Aufenthaltsbeendigung bevorstehen“. Zuvor wurde die Entscheidung auf der „Ermessensgrundlage“ des jeweiligen Ausländeramts getroffen. Stimmte es zu, galt die von Staatsregierung und Wirtschaft vereinbarte „3+2-Regelung“. Wenn Flüchtlinge eine Ausbildungsstelle antreten, gilt für drei Jahre Ausbildungszeit und zwei Jahre im Anschluss eine Duldung. Dass mit der Zustimmung des Amts beziehungsweise dem Duldungsanspruch so nun nicht mehr zu planen sei, das ist die große Sorge der Wirtschaft.

Konkret wird diese Sorge im Fall des Wirtschaftsjunioren-Projekts „Heimat 2.0“. 14 junge Afghanen werden dort seit einem Jahr gecoacht. Mehr als 30 Praktika konnten vermittelt werden. Mit Erfolg. Stand Januar 2017 dürfen fünf Jugendliche auf eine Ausbildung in Unternehmen im Kreis hoffen. Doch diese Hoffnung wird immer kleiner. Denn zwei jungen Männern wurde die Ausbildung vom Ausländeramt nun nicht genehmigt.

Hans Stangls Flüchtlinge gehören zur Gruppe der fünf Jugendlichen. Er brauche sie dringend als „Fachkräfte von morgen“, sagt er, denn in der Region finde er nicht mehr ausreichend Bewerber – schließlich herrsche praktisch Vollbeschäftigung. Die Signale aus dem Ministerium seien „ein Schlag ins Gesicht des Mittelstands“. Darum hat Stangl einen Brandbrief an die oberpfälzer IHK geschrieben, der auf die Situation aufmerksam macht – genau wie zwei andere namhafte Unternehmer aus dem Landkreis.

Unternehmer wollen planen können

Auch Richard Brunner, Geschäftsführer der Chamer IHK, kritisiert die Situation: „Unternehmen brauchen Planungssicherheit.“ Hätten sie diese nicht, dann könne sich die Wirtschaft auch nicht am Ziel der Integration beteiligen. Gerade die Afghanen im Projekt hätten viel getan, um nun eine Ausbildung zu beginnen: die Sprache gelernt, sich in die Kultur integriert, bis zu drei Praktika absolviert und sich in der Berufsschule engagiert. Wenn nun aber die politische Linie so aussehe, dass die Afghanen kaum Aussicht auf Zustimmung zu einer Ausbildung hätten, dann werde der Sinn des Projekts infrage gestellt. Immerhin seien 31 der 45 Flüchtlinge in Ausbildungsvorbereitung aus Afghanistan, so Brunner. Doch nun würden, aus Angst vor den nächsten Wahlen, die Erfolge auf halbem Weg zunichte gemacht.

Wirtschaftsjunioren-Kreissprecherin Manuela Sachs: „Wer sich integriert und fleißig an sich arbeitet, der kann für uns eine Fachkraft von morgen werden. Denn unsere Firmen brauchen diese jungen Leute auch – genügend Lehrstellen sind bereits nicht besetzt.“
Wirtschaftsjunioren-Kreissprecherin Manuela Sachs: „Wer sich integriert und fleißig an sich arbeitet, der kann für uns eine Fachkraft von morgen werden. Denn unsere Firmen brauchen diese jungen Leute auch – genügend Lehrstellen sind bereits nicht besetzt.“ Foto: fsh

Das verärgert auch Manuela Sachs, Kreissprecherin der Wirtschaftsjunioren und Projektverantwortliche für „Heimat 2.0“: „Auch als Steuerzahlerin fühle ich mich hintergangen.“ Schließlich seien abertausende Euro in die Ausbildung der Afghanen investiert worden. Und nun, kurz bevor sie „produktiv werden könnten und der Gesellschaft etwas zurückgeben könnten“, drohe die Abschiebung. Von der psychischen Situation der gecoachten Afghanen gar nicht zu sprechen. „Einerseits haben sie extreme Angst vor der Zukunft und andererseits sollen sie um einen Ausbildungsplatz kämpfen“, sagt Sachs. Besonders enttäuscht sie, dass die Politik die Wirtschaft noch vor einem Jahr aufgefordert habe, sich an der Integration zu beteiligen.

Auch Alois Nock, Leiter der Jugendbildungsstätte Waldmünchen, hat den Eindruck, als schmeiße man nun die Ernte der Integrationsarbeit weg. Er wollte einem Afghanen eine Lehrstelle als Koch anbieten. Doch dafür bekommt er vom Chamer Ausländeramt – das er ansonst sehr für seine Kooperationsbereitschaft lobt – keine Zustimmung. „‚Momentan geht nichts‘, sagen sie zu mir. Für die Stelle bekommen wir keine Bewerbungen mehr von Deutschen“, sagt Nock. Darum habe er zwei Jahre lang viel Zeit in Praktika gesteckt und so einen motivierten Bewerber gefunden. Doch das mache die harte Linie des Innenministeriums zunichte: „So organisiert man Frustration bei den jungen Männern.“

Helmut Hagner, Frey-Geschäftsführer: „Wir als Unternehmen sehen die Integration junger Flüchtlinge als unsere gesellschaftliche Aufgabe. Denn wenn Integration funktionieren soll, dann geht das nur über eine Arbeitsstelle.“
Helmut Hagner, Frey-Geschäftsführer: „Wir als Unternehmen sehen die Integration junger Flüchtlinge als unsere gesellschaftliche Aufgabe. Denn wenn Integration funktionieren soll, dann geht das nur über eine Arbeitsstelle.“ Foto: ep

Auch Frey-Geschäftsführer Helmut Hagner würde gerne Flüchtlinge einstellen. Er habe gute Erfahrungen mit den Praktikanten gemacht. „Sie waren fleißig und sind sehr beliebt bei Kollegen und Kunden.“ Und solle Integration funktionieren, dann nur über eine Arbeit. Doch dazu brauche es eine unternehmerische Perspektive. Drohe einem potenziellen Auszubildenden die Abschiebung, dann stelle das das Unternehmen vor enorme Probleme.

Gerade die Planungssicherheit, die sieht Landrat Franz Löffler durch die Anweisung des Ministeriums sogar verbessert, denn die Bleibeperspektive werde stärker in den Fokus gestellt und die Verfahren würden bayernweit möglichst vereinheitlicht. Bestehe bei Flüchtlingen Bleiberecht, dann stehe einer Ausbildung nichts im Weg. Bei Flüchtlingen aus dem Irak, Iran, Syrien, Eritrea und Somalia gebe es eine hohe Anerkennungsquote. Bei Afghanen sei die Entscheidung über die Sicherheit des Herkunftslandes aber noch nicht final vom Bundesamt für Migration geklärt. Somit müsse der Ausgang des Asylverfahrens abgewartet werden. Werde kein Asyl gewährt, so Löffler, könne noch in einer Einzelfallprüfung entschieden werden, ob ein Flüchtling trotzdem eine Ausbildung beginnen könne. „Das setzt aber außerordentliche hohe Hürden voraus“, so der Landrat. Der konkrete Flüchtling müsse etwa besondere Anstrengungen bei der Integration unternommen haben, straffrei sein und überdurchschnittliche schulische Leistungen nachweisen.

„Keine falschen Signale senden“

Landrat Franz Löffler: „Wir dürfen den Status der Flüchtlinge nicht außer Acht lassen. Das Asylrecht darf nicht als Einwanderungsrecht missbraucht werden. Wir müssen uns überlegen, was sonst in diesem Land los ist. Das erwartet die Gesellschaft von der Politik.“
Landrat Franz Löffler: „Wir dürfen den Status der Flüchtlinge nicht außer Acht lassen. Das Asylrecht darf nicht als Einwanderungsrecht missbraucht werden. Wir müssen uns überlegen, was sonst in diesem Land los ist. Das erwartet die Gesellschaft von der Politik.“ Foto: Landratsamt

Grundsätzlich gelte, so Löffler: „Asylrecht muss Asylrecht bleiben und darf kein Einwanderungsrecht werden.“ Schließlich säßen rund 100 000 Afghanen auf Koffern. Hier dürfe man keine falschen Signale senden. Das erwarte auch die Gesellschaft von der Politik. An der Frage, ob Afghanen auch vor der abschließenden Klärung ihres Asylstatus eine Ausbildung beginnen können, arbeite das Innenministerium im Moment. Initiativen wie „Heimat 2.0“ der Wirtschaftsjunioren – für das sich Löffler auch persönlich engagiert hatte – hält er dennoch für gut. Jedoch dürften die Initiatoren das Asylrecht nicht außer Acht lassen. „Die Entscheidung über Bleiberecht muss eine staatliche Stelle treffen – niemals ein Flüchtlings-Coach oder ein Lehrer.“ Emotionen oder persönliche Dinge spielten dabei keine Rolle.

Dr. Jürgen Helmes hofft, dass die Integrationsarbeit nicht vergebens war.
Dr. Jürgen Helmes hofft, dass die Integrationsarbeit nicht vergebens war. Foto: altrofoto.de

Eine konkrete Aussage für die jungen Afghanen im Projekt liefert Dr. Jürgen Helmes, Hauptgeschäftsführer der IHK Regensburg für Oberpfalz/Kelheim. Am Mittwoch saß er am Runden Tisch des oberpfälzer Regierungspräsidenten Axel Bartelt zur Thematik. Das Ergebnis: Für Flüchtlinge, die bereits in Ausbildung seien, gelte die „3+2-Regelung“ weiterhin. Und für die 14 Chamer Afghanen aus dem Coaching sichere die Regierung eine sehr genaue Einzelfallprüfung zu. Schließlich solle so viel Engagement nicht kaputtgemacht werden. „Damit ist das Problem zwar nicht gelöst“, sagt Helmes, „aber die Situation in Cham ist entschärft.“

Lesen Sie hier einen Artikel, wie das Thema oberpfalzweit gesehen wird.

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