MyMz

Am Ende zählt, wo Du herkommst

Im Cham kamen Flüchtlinge mit potenziellen Arbeitgebern ins Gespräch. Doch die Ausländerbehörde dämpfte die Euphorie.
Von Michael Gruber

Schnupperstunde am Arbeitsmarkt: 80 Menschen mit Migrationshintergrund kamen bei der Jobbörse mit Unternehmen ins Gespräch.
Schnupperstunde am Arbeitsmarkt: 80 Menschen mit Migrationshintergrund kamen bei der Jobbörse mit Unternehmen ins Gespräch. Foto: Gruber

Cham.Es ist egal, wo Du herkommst, was zählt ist, wo Du hinwillst. Das wäre aus Sicht der Chamer Unternehmen die wünschenswerte Antwort, wenn es um die Integration von Flüchtlingen in die Berufswelt geht. Motivation und Aufbruchsstimmung lag am Freitag auch in der Luft, als sich im Hotel am Regenbogen rund 80 Bewerber mit Migrationshintergrund an den Informationsständen drängten, um nach einem kurzen Schnuppergespräch vielleicht einen Fuß in die Tür eines Betriebs zu bekommen – als Praktikant, Fachkraft, vor allem aber als Auszubildender.

Mohammad Dahouk: „Am 1. April werde ich meine Lehrstelle als Koch antreten. Davon habe ich schon immer geträumt“, sagt der 22-jährige Syrer. In Deutschland ist er seit einem Jahr und lebt in Furth.
Mohammad Dahouk: „Am 1. April werde ich meine Lehrstelle als Koch antreten. Davon habe ich schon immer geträumt“, sagt der 22-jährige Syrer. In Deutschland ist er seit einem Jahr und lebt in Furth. Foto: Gruber

Einer, der ganz entspannt bleiben durfte, war Mohammad Daouk aus Syrien. Er stellte sich zwar am Infostand eines Hotels vor – viel Mühe und Fleiß zum Dank hat er seinen Ausbildungsvertrag schon in der Tasche: „Anfang April werde ich meine Stelle als Koch im Randsberger Hof antreten“, sagt der 22-Jährige, „das ist einfach ein Traum.“ Ein Traum, der auch für viele andere geflohene Menschen auf Jobsuche an diesem Ort ein Stückchen näher rücken sollte.

Klarheit für Unternehmen

Das war der Gedanke von IHK-Geschäftsführer Richard Brunner, der gemeinsam mit der Handwerkskammer Niederbayern die landkreisweit erste Jobbörse für geflohene Menschen initiierte: „Es soll ein Signal sein, wie wir mit der beruflichen Integration bei uns umgehen – nämlich offensiv.“ Zehn Unternehmen aus der Elektronik-, der Bau-, Logistik-, Automobil- und der Hotelbranche hatten die Veranstalter zusammengetrommelt, um sie mit potenziellen Arbeitskräften mit Migrationshintergrund in Kontakt zu bringen.

Genauso wichtig aber: Es sollte Klarheit über rechtliche Fragen geschaffen werden, die bei der Anstellung von Flüchtlingen viele Unternehmen immer noch bremsen. Dumpfes Schweigen war zu vernehmen, als die zuständige Ausländerbehörde alle Illusionen aus dem Weg räumte. Denn auch, wenn Du mit Fleiß und Mühe wohin willst – am Ende zählt eben doch, woher Du kommst.

„Es soll ein Signal sein, wie wir mit der beruflichen Integration bei uns umgehen – nämlich offensiv.“

Richard Brunner

Mohammed Abdullah: „Es wäre toll, wenn ich eine Ausbildung als Kfz-Mechaniker beginnen könnte“, sagt der 23-jährige, der aus dem Irak in den Landkreis Cham geflohen ist.
Mohammed Abdullah: „Es wäre toll, wenn ich eine Ausbildung als Kfz-Mechaniker beginnen könnte“, sagt der 23-jährige, der aus dem Irak in den Landkreis Cham geflohen ist. Foto: Gruber

„Wir sind in einer Zwitterstellung“, sagt Claus Wich, Flüchtlingsbeauftragter der Chamer Ausländerbehörde, „Einerseits sind wir für die Integration zuständig, andererseits für die Aufenthaltsbeendigung nach der verschärften Gesetzeslage. Danach haben nur diejenigen Flüchtlinge Chancen auf eine Arbeitserlaubnis, die nicht auf der Liste der sicheren Herkunftsstaaten stehen, in der Regel also aus Syrien, Irak, Iran, Somalia und Eritrea stammen.“

Für Menschen aus Afghanistan und alle anderen Staaten habe das Amt klare Vorgaben: „Hier müssen wir unsere Zustimmung verweigern“, sagt Wich. Die einzige Hoffnung afghanischer Flüchtlinge sind die Einzelfallprüfung und die Klage gegen den Ablehnungsbescheid. Allesentscheidend über eine Zukunft im Betrieb, so betonte es Wich, sei letztlich aber der klare Nachweis über die Identität.

„Wir sind in einer Zwitterstellung.“

Claus Wich

„Sehr junges Potenzial“

Tarek Kftaro: „Ich würde gerne in einem sozialen Beruf arbeiten, Sporttrainer könnte ich mir gut vorstellen. Taekwondo ist meine Leidenschschaft“, erzählt der 23-jährige Syrer, der in Roding lebt.
Tarek Kftaro: „Ich würde gerne in einem sozialen Beruf arbeiten, Sporttrainer könnte ich mir gut vorstellen. Taekwondo ist meine Leidenschschaft“, erzählt der 23-jährige Syrer, der in Roding lebt. Foto: Gruber

Johann Liegl rechnete die Zahlen vor: Dem Fluchtkoordinator der Jobbörse zufolge leben derzeit 773 Personen mit Migrationshintergrund im Landkreis, die berechtigt sind, Leistungen vom Jobcenter zu beziehen. 506 davon sind erwerbsfähig, 255 Menschen unter 15 Jahren. „Ein Großteil davon sind Männer unter 35 Jahren“, sagt Liegl, „für die Betriebe im Landkreis ist das ein sehr junges Potenzial“. Ihre Aufenthaltserlaubnis haben diese jungen Menschen bereits in der Tasche. Solange der Status noch nicht geklärt ist, kümmert sich die Bundesagentur für Arbeit um Integrationsmaßnahmen für die Menschen.

Relativ neu sei hier die sogenannte „3+2“- Regelung, schildert Janina Kungel, die junge Erwachsene mit Migrationshintergrund in der Agentur für Arbeit berät. Können Flüchtlinge einen Ausbildungsplatz vorweisen, haben sie seit August 2016 Anspruch auf bis zu fünf Jahre Duldung.

Wille und Wunsch mitzumachen

Das Konzept der Jobbörse trug jedenfalls Früchte: „Meine Sichtweise auf Flüchtlinge hat sich wirklich verändert“, zieht Josef Fischer, Logistikleiter des Autohauses Hirschvogel, Bilanz aus der Schnupperstunde. „Man spürt den Willen und den Wunsch der jungen Menschen, mitzumachen und etwas zu leisten.“ Drei von ihnen, werden nächste Woche einen Anruf bekommen, als Wunschkandidaten für das kommende Ausbildungsjahr. Genauso positiv war das Fazit am Stand des Hotels Ulrichshof: „Wir waren vor allem von dem guten Sprachniveau überrascht“, sagte Marketing-Chefin Bettina Stümer.

„Meine Sichtweise auf Flüchtlinge hat sich wirklich verändert.“

Josef Fischer

Kein Flyer ersetzt direkten Kontakt, sagte Albert Vetterl, HWK-Vizepräsident.
Kein Flyer ersetzt direkten Kontakt, sagte Albert Vetterl, HWK-Vizepräsident. Foto: Gruber

Bei der Firma Zollner hingegen zeigte man sich noch ein wenig zögerlich. Für das Jahr 2017 seien bereits alle Ausbildungsplätze vergeben. „Erst wenn sich eine politisch eindeutige Lage ergibt, werden wir einen größeren Anteil an Menschen mit Fluchthintergrund einstellen“, sagte Ausbildungsleiter Ernst Gruber. Er ist nicht der einzige, der am Freitag noch eher mit Skepsis auf die Bundestagswahlen im September blickt.

Weitere Meldungen aus Cham finden Sie hier.

Hier lesen Sie weitere Meldungen aus dem Landkreis Cham.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht