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Auf einmal gibt es nur noch „Wir“

Mit Flüchtlingen ins Gespräch kommen: Das war die Idee der Einladung zu einer Wanderung zum Leuchtturm der Menschlichkeit.
Von Petra Schoplocher

Der Leuchtturm der Menschlichkeit. Ideengeber Ralph Wenzel erklärte die Symbole und was er sich von dem Zeichen erhofft: Frieden und mehr Verständnis füreinander. „Wir sind alles Menschen und leben auf der gleichen Erde“.
Der Leuchtturm der Menschlichkeit. Ideengeber Ralph Wenzel erklärte die Symbole und was er sich von dem Zeichen erhofft: Frieden und mehr Verständnis füreinander. „Wir sind alles Menschen und leben auf der gleichen Erde“. Foto: Schoplocher

Waldmünchen.Natürlich hätte „der Leuchtturm“ warten können, aber Ralph Wenzel wollte diesen besonderen Spaziergang unbedingt noch in diesem Jahr machen. „Weil meine Familie genau vor 70 Jahren fliehen musste und so nach Furth im Wald kam“, erzählte er den Menschen, die ganz aktuell das gleiche Schicksal erfahren. In ein fremdes Land, mit anderer Sprache und ungewohnter Kultur zu kommen.

Zum zweiten Mal hatten Glaskünstler und Gibacht-Wirt Wenzel und Jürgen Kögler aus Furth im Wald Flüchtlinge eingeladen, erst den 2008 errichteten Leuchtturm der Menschlichkeit auf dem Tannenriegel zu besuchen und dann in gemütlicher Runde ins Gespräch zu kommen. 14 Asylsuchende, darunter neun Kinder und Jugendliche, nahmen diese Gelegenheit gerne wahr, die Kögler als Zeichen verstanden wissen wollte, „dass wir die Menschen hier eben doch mit offenen Herzen empfangen“. Denn gehört oder wahrgenommen würden oft nur die, die Stimmungsmache gegen Flüchtlinge betreiben. Auch die Leistungen der ehrenamtlichen Helfer werde in der Öffentlichkeit oft zu wenig wert geschätzt, sagte der Further.

„Autodidakt“ in Sachen Helfen

Gemeinsam machte sich die Gruppe vom Gasthof Gibacht auf zum Leuchtturm der Menschlichkeit. Während die Großen die Zeit für Gespräche nutzten, hatten die Kleinen jede Menge Spaß im Schnee. Oben war es sogar möglich, die ersten Schneebälle zu formen und die Wurfkraft zu testen.
Gemeinsam machte sich die Gruppe vom Gasthof Gibacht auf zum Leuchtturm der Menschlichkeit. Während die Großen die Zeit für Gespräche nutzten, hatten die Kleinen jede Menge Spaß im Schnee. Oben war es sogar möglich, die ersten Schneebälle zu formen und die Wurfkraft zu testen. Foto: Schoplocher

In Sachen Helfen sei er „Autodidakt“, berichtete er schmunzelnd. Was für ihn heißt, er regt an den Stellen etwas an, an denen sich etwas bewegen lässt. Wie beispielsweise den Spaziergang, mit dem man die Menschen aus ihrem Alltag herausreißen und ihnen ein paar unbeschwerte Stunden ermöglichen könne. Wie gut das auf dem Weg durch den Wald funktionierte, rang ihm immer wieder ein Lächeln ab. Die Kinder hatten Spaß mit den ersten mühsam zusammengekratzten Schneebällen, die Erwachsenen nutzten die Atmosphäre für Gespräche. Nicht zuletzt, weil Wenzel und Kögler einige Wörter Arabisch beherrschen, war das Eis schnell gebrochen.

Wenngleich die Erklärungen am Leuchtturm ohne Dolmetscher nicht ganz so leicht zu transportieren waren: die wesentliche Botschaft brauchte wenig Worte: Ein Gott, ein Allah, eine Welt, alles Menschen. Die Glaselemente Davidstern, Kreuz und Halbmond über der Weltscheibe sprachen für sich. Und Ralph Wenzel ergänzte mit bewusst einfachen Worten: Nur im Miteinander liege die Zukunft, „mit Krieg kommen wir nicht weiter“.

Ralph Wenzel und Jürgen Kögler (rechts) hatten bereits im Sommer eine Gruppe Asylsuchender zu einem Spaziergang zum Leuchtturm der Menschlichkeit eingeladen. Waren damals zur Abendstunde vorwiegend Flüchtlinge aus Furth mit von der Partie, lief der Kontakt dieses Mal über den Helferkreis Waldmünchen.
Ralph Wenzel und Jürgen Kögler (rechts) hatten bereits im Sommer eine Gruppe Asylsuchender zu einem Spaziergang zum Leuchtturm der Menschlichkeit eingeladen. Waren damals zur Abendstunde vorwiegend Flüchtlinge aus Furth mit von der Partie, lief der Kontakt dieses Mal über den Helferkreis Waldmünchen. Foto: Schoplocher

Die Steine für den 3,50 Meter hohen Leuchtturm wurden aus der ganzen Welt inklusive dem Mount Everest zusammengetragen, auch Muscheln wurden – zur Freude der Kinder – verbaut. Es sei ihm ein Anliegen gewesen, so Wenzel, an gerade diesem Ort Menschen zu treffen, die ebenso auf Hilfe und Zuspruch angewiesen sind wie seine Familie seinerzeit. Der Leuchtturm solle ein Sinnbild für Frieden und mehr Verständnis füreinander sein.

Jürgen Kögler aus Furth im Wald war 1989 mit zwei Freunden in Syrien unterwegs. Zu dem außergewöhnlichen Treffen am Gibacht hatte er sein Fotoalbum mitgebracht, in dem Abdull Al Kalaf sogar Fotos aus seiner Heimatstadt Ar-Raqqa entdeckte. Dr. Stephan Deutsch (rechts) hörte und schaute interessiert zu.
Jürgen Kögler aus Furth im Wald war 1989 mit zwei Freunden in Syrien unterwegs. Zu dem außergewöhnlichen Treffen am Gibacht hatte er sein Fotoalbum mitgebracht, in dem Abdull Al Kalaf sogar Fotos aus seiner Heimatstadt Ar-Raqqa entdeckte. Dr. Stephan Deutsch (rechts) hörte und schaute interessiert zu. Foto: Schoplocher

Zurück im Gasthof durften sich die Familien aus Syrien und dem Irak über warmen Tee, Stollen und Lebkuchen freuen. Jürgen Kögler nutzte die entspannte Stimmung, um von seiner Syrien-Reise 1989 zu berichten. Die Asylsuchenden hörten von wohl bekannten Städten und Gegenden, nickten zustimmend oder nachdenklich. „Ich möchte Ihnen heute einen Teil der Gastfreundschaft von damals zurückgeben“, erläuterte der Further seinen Antrieb. Die Menschen, die er damals getroffen habe, habe er in sein Herz eingeschlossen, sagte er.

Organisatorische Hürden

Aufgewärmt und gestärkt mit Tee, Lebkuchen und Stollen durften die Gäste dann kreativ werden. Ein wenig Geduld war allerdings gefragt, ehe die Glasperlen von Künstler Ralph Wenzel kunstvoll aufgefädelt waren. Schnell entstanden Kunstwerke für den Eigenbedarf oder als Geschenk für die Lieben zu Hause.
Aufgewärmt und gestärkt mit Tee, Lebkuchen und Stollen durften die Gäste dann kreativ werden. Ein wenig Geduld war allerdings gefragt, ehe die Glasperlen von Künstler Ralph Wenzel kunstvoll aufgefädelt waren. Schnell entstanden Kunstwerke für den Eigenbedarf oder als Geschenk für die Lieben zu Hause. Foto: Schoplocher

Seine ursprüngliche Idee sei gewesen, auch die unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge einzubeziehen. Damit habe er allerdings bei den Verantwortlichen auf Granit gebissen, bedauerte er. Silvia Irrgang, die die Gruppe in Waldmünchen betreut, erklärte im Nachhinein, wie es zu dem „Nein“ kam: Die Wochenenden seien strikt durchgeplant, zusätzliches Personal für den erhöhten Betreuungsaufwand durch einen Ausflug, an dem nicht alle teilnehmen würden, nicht vorhanden. Angebote wie das von Wenzel und Kögler gäbe es immer wieder, Zusagen seien aber aus zeitlichen und organisatorischen Gründen kaum möglich, warb sie um Verständnis – es sei in keinster Weise um die Ablehnung der gut gemeinten Aktion als solcher gegangen.

So blieb die Gruppe dieses Mal etwas überschaubarer, was sich beim abschließenden Basteln von Glasperlen-Armbändern als hilfreich erwies. Geduldig fädelten auch Männer und Jungen die Unikate auf, gemeinsam freuten sie sich über die farbenfroh-leuchtenden Schmuckstücke. „Die haben wir gemacht!“

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