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Beim ASV ist der Fußball international

Namir Tahir und Abdullah Mohammad sind 18 und Flüchtlinge aus Ghana. Ihre sportliche Heimat haben sie in Cham — vorerst.
Von Markus Günther

Namir Tahir (l.) und Abdullah „Abu“ Mohammad haben viel erlebt. Mitspieler und Dolmetscher Florian Spießl sowie Jugendleiter Christian Eidenhardt (r.) hoffen, dass die beiden hier bleiben können.
Namir Tahir (l.) und Abdullah „Abu“ Mohammad haben viel erlebt. Mitspieler und Dolmetscher Florian Spießl sowie Jugendleiter Christian Eidenhardt (r.) hoffen, dass die beiden hier bleiben können. Foto: si

Cham.Wieviele Vertreter anderer Nationen hatten nicht schon für Breitensportverein ASV Cham die Kicker-Stiefel geschnürt: Neuseeländer, Rumänen, Türken, Afghanen, Weltenbummler, Japaner. Die tschechischen Fachkräfte hatte man damals aufgehört zu zählen, aber Ghanaer hatte der ASV Cham noch nie ...

Doch, Emmanuel Osei, jener Paradiesvogel der Saison 2005/06, der kam, dann nach Ingolstadt ging, noch einmal kam, wieder ging, heute für den Ingolstädter Kreisklassisten FC Tegernbach geführt wird, heuer noch keinen Einsatz hatte. Wie angeregt könnte sich derzeit jener Emmanuel Osei unterhalten, denn zwei seiner Landsleute hat es in die Tiefen Ostbayerns verschlagen. Aus zeitgeschichtlichem Anlass, müßig zu erwähnen, wenngleich die Augen der beiden 18 Jahre jungen Ghanaer funkeln im pechschwarzen Antlitz, wenn Cham und Stamsried zur Sprache kommen.

Für Namir Tahir und Abdullah Mohammad hätte wahrlich alles anders kommen. Vielleicht säßen sie gar nicht hier in dieser Runde, am späten Nachmittag in klimatisierten Räumen des schwülen Chamer Spätsommers, flankiert von wohlmeinenden Leuten, die den beiden Flüchtlingen nicht nur fußballerisch Gutes tun wollen.

Namir Tahir kennt die Eigenheiten der Kreisliga schon.
Namir Tahir kennt die Eigenheiten der Kreisliga schon. Foto: ctm

Wenn die Einheimischen schwitzen und das Tropenklima verfluchen, können Namir und „Abu“ nur schmunzeln. Ein Klacks, die Arbeiter des Bauhofs in Stamsried hielten den Atem an, als Mohammad in der Gluthitze stundenlang ohne Unterlass im Akkord schaufelte. Schaff das mal einem Deutschen an. Jeder hätte sich in den Schatten geflüchtet und auf die Stirn getippt ...

Zum Ausrauben willkommen

Christian Eidenhardt, Jugendleiter der ASV-Fußballer, und Florian Spießl, gleichaltriger Mitspieler der beiden Schwarzen Perlen, bringen es als Dolmetscher im praxisorientierten Schul-Englisch auf den Punkt: Diese beiden kann nichts mehr erschüttern, nur noch eines: Sollten sie wieder zurück müssen. Namir Tahir und „Abu“ Mohammad haben zu viel Schlimmes erlebt auf ihrem Höllentrip aus Kumasi. Und sind doch froh, alles erlebt zu haben. Denn wären sie jeweils auf dem falschen, megaüberladenen Schlepper-Boot gewesen, das gekentert ist und versunken ...

Namir Tahir
Namir Tahir Foto: si

In der von Terror geprägten Lage Ghanas war Tahir vom Onkel bedroht worden und entschloss sich zur Flucht. „Abu“ hatte nicht einmal während eines Fußballspiels Ruhe. Das wurde abgebrochen. Aus Glaubensgründen, Christen gegen Moslems und umgekehrt. Nachts über die grüne Grenze des Wüstenstaats Niger, Libyen schien schon aussichtsreiches Etappenziel, um zumindest ans Mittelmeer zu kommen. 50 Leute wären weitaus genug gewesen für die Nussschale mit Namir Tahir, mehr als 150 waren drauf, eine sank, eine nicht.

Die Libyer lernte auch Abdullah Mohammad kennen: Sieben Tage durch die Wüste, damit die (nur zum Ausrauben willkommenen) Eindringlinge nicht zuviel wegtranken, gossen die „Gastgeber“ Benzin ins Wasser. Drei Mal gekidnappt und erpresst, musste „Abu“ seine Familie zwei Mal dazu nötigen, Lösegeld via Handy zu überweisen. Zwei Mal 700 Dollar, vorm dritten Mal war die Flucht übers Mittelmeer aussichtsreicher als der Tod in Libyen.

Nicht durchs Sieb gefallen

Beide waren im richtigen Flüchtlingsboot, trafen sich in Rosenheim und kamen auch in den richtigen Kleinbus, mit dem das Heer aus Afrika auf Bayern verteilt wurde. Nach Stamsried. Dr. Andreas Habash war nicht unbeteiligt daran, dass die beiden guten Fußballer den ersten Kontakt mit dem ASV Cham hatten.

Johannes Ederer machte noch in Stamsried Einzeltraining, die beiden Rohdiamanten fielen nicht durchs Sieb. Die profunde Ausbildung am Ball bei Crytals Palace in Kumasi, Wonder F. C. und zuletzt Champions F. C. war nicht zu übersehen. Obwohl in Ghana Rasenplätze so häufig sind wie bei uns Zapfsäulen fürs Elektro-Auto. Und weitreichende Ball-Verteilungsaktionen der milliardenschweren FIFA haben Ghana auch noch nicht erreicht. Aber barfuß bekommst du mehr Ballgefühl.

„Wir hatten mit dem Leben schon abgeschlossen auf der Flucht, aber jetzt haben wir wieder Freude daran.“

Abdullah Mohammad

Das Paradies demnach in der Fußball-Stadt am Regenbogen, sogar den längst vergessenen Hartplatz unter der ebenfalls nicht mehr existenten Stadthalle an der Further Straße hätten die beiden Flüchtlinge wohl als Wembley-like eingestuft. Gepflegter Rasen, soweit das Auge reicht, sogar künstlicher Art. Hochmoderne Fußballschuhe aller Coleur, die beim kleinsten Loch sofort ausgewechselt werden. Was sollte einen noch erschüttern. Die Hitze nicht, die Anstrengung im Training nicht – Martin Ketterl, Spielleiter des ASV, hat beeindruckt davon erzählt, einer von beiden habe mal gemeint: „Wovor sollst du hier Angst haben, wenn sie dir in Ghana fürs Geringste die Hand abhacken ...“

Angst vor der Abschiebung

Nicht einmal die sonst bei jedem Grottenkick an der Basis hereingetragenen Schmähungen und „Abschiebe-Androhungen“ seien bisher zu hören gewesen, schwört Jugendleiter Christian Eidenhardt: „Weil in der Jugend-Landesliga viele Mannschaften aus größeren Städten sind, zum Teil selber Flüchtlinge drin haben.“ Wenn das bloß so einfach wäre.

„Wir wollen alles tun, dass sie bei uns bleiben können.“

Christian Eidenhardt

„Wir wollen alles tun, dass sie bei uns bleiben können“, ist Eidenhardt weniger bange vor Abwerbung mit dem Geldkoffer denn vorm politischen Prozess der Abschiebung. Chamer Kreise mit Einblick sind skeptisch, glauben, dass viele der Flüchtlinge wieder fort müssen. Eine Chamer Baufirma kennt jedenfalls auch schon ghanaischen Arbeitswillen. Als disziplinierte Teamplayer, denen das Leder am Fuß gehorcht, sind Namir und „Abu“ längst im Fokus von Uwe Mißlinger, dem Trainer der „Ersten“.

ASV Cham – ganz international

  • Länder

    In manchen Fällen ist es gar nicht so einfach, noch zu eruieren, aus welchen Ländern junge Männer schon für den ASV Cham wettbewerbsmäßig gekickt haben.
    Die Namen der Tschechen sind noch allgegenwärtig. Mit Jan Homola und Bohuslav Kalabus zum Start.

  • Türkei

    Bei den türkischen Kräften verblassen die Erinnerungen. Köksal Tyriaki kennt noch jeder, an Kiran Öztürk erinnern sich nur noch die heutigen AH-Spieler.
    Die rumänische Fraktion vertritt Sever Corfariu, eifriger Torschütze der ASV-Reserve.
    Auch ein Neuseeländer war schon da. In jener „narrischen Zeit“, wie heute die Tage des Größenwahns an der Further Straße von Insidern tituliert werden. Blair Scullar wurde zwar vom Radio-Starmoderator damals laut angekündigt, ging dann aber still und leise wieder.

  • Lutz Pfannenstiel

    Die ganze Welt vertrat in jenen Tagen Torhüter Lutz Pfannenstiel – blieb auch nicht lang.

  • Ägypten

    Bodenständig bis heute ist Stefan Fath el Bab, der Ägypter.
    Die Farben Afghanistans hielt Nasib Amiri hoch. In neun Einsätzen über drei Jahre im Tor der ASV-Reserve.
    Geschichte geschrieben hat der Japaner Ken Sato, aktiv auch auf dem Willmeringer Öko-Bauernhof. Der 20. Oktober 2013 war’s in Cham, eingebrannt in die oberpfälzer Bezirksliga-Historie. Bis heute unerreicht Christian Pollingers acht Treffer (Freier TuS) ins Tor des Mannes aus Fernost (1:10).
    Aus Ghana Samuel Osei und seine beiden Nachfolger. (gu)

Abdullah Mohammad
Abdullah Mohammad Foto: si

Gar nicht so einfach anfangs überdies für Jugendtrainer, die seit Jahr und Tag auf ostbayerisch kommunizieren, die Kommandos plötzlich auf englisch geben zu müssen, damit die Ghanaer mitkommen. „Ich musste viele Begriffe selber erst nachschauen und lernen“, spricht Christian Eidenhardt für die ASV-Trainerriege. Denn im Detail ist die Fußball-Sprache nicht immer international. Am Ende dennoch: Florian Spießl, Dolmetscher und Mitspieler, grinst beeindruckt bei der Frage, ob es schwer sei an „Abu“ vorbei zu kommen. Wohlgemerkt mit Ball: „Er ist schon hart“. „Abu“ blickt dabei ebenso vielsagend wie geschmeichelt zu Boden. Also kennt Fußballers Sprache doch keine Barrieren?

„Wir hatten mit dem Leben schon abgeschlossen auf der Flucht, aber jetzt haben wir wieder Freude“, lässt „Abu“ übersetzen und Christian Eidenhardt spricht sowas freudig aus. „Erdäpfelklauber“ sei übrigens das erste bayerische Wort aus „Abus“ Mund gewesen, „Servus“ und „Hawadere“ sind inzwischen ebenso Standard wie Kenntnis lokaler Vergnügungsweisen in Lederhose unterm Zeltdach bei ohrenbetäubender Musik. Dezibel machen den beiden Exoten allerdings nach eigenem Bekunden gar nichts aus. Jegliche Anzahl an Promille ist für den Moslem aber tabu.

Mit nur einem Bein und Krücke

Grinsen die beiden Perlen das ASV schon bei der Frage, ob sie Vorbilder haben, will Abduallah Mohammad vorher die Erkenntnis von Ex-Weltstar Zinédine Zidane, der afrikanische Wurzeln hat, transportiert wissen. Dass niemand fehlende Fußballschuhe beklagen solle, wenn viele Kinder in afrikanischen Kriegsgebieten mit nur einem Bein und Krücke versuchen Fußball zu spielen.

„Mein großes Vorbild ist der Brasilianer Thiago Silva.“

Namir Tahir

Der brasilianische Weltstar Thiago Silva von Paris St. Germain hat es Namir Tahir angetan. Und die ganze Runde feixt beim Einwurf, dass in Namirs Vornamen ja nicht viele Buchstaben verändert werden müssten, damit daraus „Neymar“ werde. „Abu“ liebt das Geradlinige eines Thomas Müller. Die A-Jugend-Landesliga weiß das schon, sogar die Rosenheimer nach dem jüngsten 0:0. Welche Ironie.

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