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Asyl

Darum kommen Flüchtlinge zu uns

Dr. Reinhard Erös arbeitete 15 Jahre in Krisengebieten. In Cham sprach er über seine Erfahrungen in Afghanistan.
Von Steffi Bauer

Warum fliehen hunderttausende Afghanen nach Deutschland? Darüber sprach Dr. Erös in Cham.
Warum fliehen hunderttausende Afghanen nach Deutschland? Darüber sprach Dr. Erös in Cham. Symbolfoto: dpa

Cham.Flüchtlinge aus Afghanistan gibt es auch im Landkreis Cham. Momentan fallen sie zahlenmäßig noch nicht stark ins Gewicht. Das könnte sich ändern. Das machte Dr. Reinhard Erös, der auf Einladung der Vhs Cham in das Haus am Klosterberg gekommen war, in seinem Vortrag „14 Jahre Einsatz am Hindukusch – warum fliehen hunderttausende Afghanen jetzt nach Deutschland?“ deutlich.

Der Oberstarzt der Bundeswehr a. D. hat 1998 mit seiner Frau Annette und den fünf Kindern die Kinderhilfe Afghanistan gegründet, zu deren Projekten der Bau von Schulen gehört. Von 40 Berufsjahren als Arzt hat er 15 in Krisengebieten verbracht und hatte immer mit der Thematik Flucht zu tun. Aufgrund seiner Überzeugung kündigte Erös bei der Bundeswehr, um die Sache selbst in die Hand zu nehmen und den Menschen effektiv zu helfen – zum Beispiel durch die Gründung und Leitung einer „Schule für Barfuß-Ärzte“ und die Organisation medizinischer Hilfstransporte.

Das „fluchterfahrenste Volk“

Die Hoffnung mancher Politiker, dass die Flüchtlingszahlen nicht weiter steigen werden, kann Erös nicht teilen: „Ich habe mit meinen Schülern gesprochen. Von 100 haben 95 gesagt, sie wollen nach Deutschland.“ Laut Zahlen des UNHCR seien 2016 60 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht, davon ein Drittel außerhalb ihres eigenen Landes. Auch Klimaflüchtlinge werden in Zukunft ein wichtiger Faktor, das Thema Wasserknappheit wird noch entscheidender sein als Krieg. Die Afghanen bezeichnete Erös als das „fluchterfahrenste Volk“. Die Gründe für diese Entwicklung, so Erös, haben 1979 bis 1989 begonnen, während der Invasion durch die Sowjet-Armee. Viele zivile Opfer waren zu beklagen, zerstörte Dörfer.

Warum fliehen hunderttausende Afghanen jetzt nach Deutschland? Dr. Reinhard Erös hatte Antworten.
Warum fliehen hunderttausende Afghanen jetzt nach Deutschland? Dr. Reinhard Erös hatte Antworten. Foto: cba

Die Ärzte haben größtenteils das Land verlassen. Damals flohen viele Afghanen nach Pakistan oder in den Iran – und nur 120 000 nach Deutschland. Diese unterscheiden sich laut Erös von den heutigen Flüchtlingen, sie entstammten der Oberschicht und hatten zumeist Deutschkenntnisse. Heute haben weniger als 50 Prozent der Flüchtlinge eine Hochschulausbildung, 40 Prozent eine einfache Schulbildung und 55 Prozent sind faktische Analphabeten.

Die Fluchtursachen 2016 beruhen auf Sicherheitsdefiziten – die Gewalt im Land ist explodiert, Mord, Totschlag, Vergewaltigungen und Diebstahl –, dazu kommen eine korruptionsdurchdrungene Staatsordnung, insuffiziente Landwirtschaft, ein desolates Schulsystem, mangelnde Berufsausbildung und extreme Arbeitslosigkeit. „Die jungen Männer haben keine Chance auf den Unterhalt einer Familie in ihrer Heimat – wer kein Geld verdient, kann sich keine Hochzeit und kein Haus leisten“, so Erös. 87 Prozent haben keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser und 68 Prozent keinen Zugang zu klinischer Versorgung – das kostet Geld.

„Die jungen Männer haben keine Chance auf den Unterhalt einer Familie in ihrer Heimat.“

Dr. Reinhard Erös

Eine Pflicht der Familie

Besonders schrecklich ist für Erös die Bombardierung eines Krankenhauses der „Ärzte ohne Grenzen“ durch ein US-Kampfflugzeug im September 2015 in Kunduz: 28 Tote, vier Kinder, die verbrannt sind. So sei es auch verständlich, dass die Menschen jetzt keine Hoffnung mehr hätten, dass sich die Zustände verbessern werden.

Zur Bevölkerung des Landes sagte Erös: „Afghanistan ist ein Land mit 20, 30 verschiedenen Ethnien, die sich stark in Sprache und Kultur unterscheiden. Stammesgesellschaften und Dorfgemeinschaften spielen eine große Rolle.“ Gastfreundschaft ist in Afghanistan eine Pflicht der Familie. In Deutschland seien die Afghanen erst einmal sehr überrascht, dass der Staat diese Rolle übernimmt.

„Afghanistan ist ein Land mit 20, 30 verschiedenen Ethnien.“

Dr. Reinhard Erös

Wenn es bei der Kommunikation hapert, zum Beispiel beim Missverstehen von Piktogrammen, ist das ein großes Problem.
Wenn es bei der Kommunikation hapert, zum Beispiel beim Missverstehen von Piktogrammen, ist das ein großes Problem. Foto: cba

Und wer flieht? „70 Prozent sind jünger als 25 und männlich, von diesen 70 Prozent gehören 50 Prozent der Ethnie Hazara an“, so Erös. Die Hazara sind eine mongolische Ethnie, die man optisch erkennt, und mit neun Prozent eine Minderheit in Afghanistan sind. Bis zum Russlandkrieg hatten sie in Zentral-Afghanistan unter sich gelebt. Dann aber wollten die Taliban sie zum extremen Islam zwingen. „Und jetzt kommen die Taliban wieder in die politischen Machtpositionen zurück“, so Erös. „Deswegen hauen die Uzaras ab!“

50 Prozent aller unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge in Bayern sind Afghanen, informierte er. „Als besonders schutzbedürftig droht ihnen keine Abschiebung, sie werden nicht in Sammelunterkünften untergebracht, bekommen Sprachunterricht ab dem ersten Tag und eine Individualbetreuung durch Sozialarbeiter.“ Außerdem haben sie eine hohe Chance auf Familiennachführung. „Das ist vielleicht der Grund, warum die Familien den 14-Jährigen zu uns schicken“, vermutet Erös.

Eine Familieninitiative

  • Projekten

    Zu den Projekten, die die Familieninitiative Erös möglich gemacht haben, gehören der Bau von 30 Schulen für rund 65 000 Kinder, der Bau und das Betreiben einer Mutter-Kind-Klinik, einer Basis-Gesundheitsstation, einer Frühgeborenen-Abteilung, eines Waisenhauses, verschiedener Ausbildungswerkstätten und viele weitere Projekte und Aktionen.

  • Information

    Über die Kinderhilfe und die Möglichkeit einer Spende kann man sich informieren unter www.kinderhilfe-afghanistan.de . (cba)

Die „Schleuser-Reisebüros“, wie sie in Afghanistan heißen, werden dort als Rettung angesehen. Man kann buchen: Economy für 6000 Euro, Business für 11 000 Euro oder einen Linienflug für 25 000 Euro – letzteres geht nur mit Visum. „300 bis 400 Afghanen kommen jeden Monat zu uns, die gar nicht als Flüchtlinge zählen, denn sie haben ja ein Visum!“ Aber warum wollen sie nach Deutschland? Zum einen liegt das laut Erös an den historisch guten Beziehungen. Die Afghanen, die seit 1989 nach Deutschland kamen, sind gut integriert, gehören großteils der Oberschicht an und sind Akademiker; bei Hartz 4 und in der Ausländerkriminalität sind sie die Schlusslichter unter den Migranten.

Nach dem Vortrag signierte Dr. Reinhard Erös, hier mit seiner Frau Annette, seine Bücher.
Nach dem Vortrag signierte Dr. Reinhard Erös, hier mit seiner Frau Annette, seine Bücher. Foto: cba

„Durch die globalisierte Information kennen die Afghanen unsere plakativen Überschriften. Sie wissen: Deutschland braucht Arbeitskräfte, es gibt einen Mindestlohn, Hartz 4 auch für Flüchtlinge und de facto keine Abschiebung. 2015 wurden zum Beispiel nur acht Menschen nach Afghanistan abgeschoben“, sagte Erös. Hier angekommen, müssen sie erst einmal die Schleuser abbezahlen. „Deshalb wollen sie keine Lehre machen, sondern viel Geld verdienen. Sie sparen das Geld, schicken es nach Hause, so dass die Mutter zum Arzt und die Schwestern in die Schule gehen können.“

Hier lesen Sie weitere Berichte zum Thema „Flucht und Asyl in der Region Cham“.

Die Integrationskurse mit einer Gesamtdauer von 60 Stunden und einem Abschlusstest hält Erös für absolut unzureichend: „So einfach ist das nicht mit dem Integrieren! Diese Kultur hat ganz andere Werte.“

Erös schloss seinen Vortrag mit einer für ihn entscheidenden Aussage: Auf die Frage, ob sie in Deutschland Asyl beantragen wollen, sagten drei afghanische Ingenieure und ein Kinderarzt: „Warum sollen wir Asyl beantragen? Wir haben dank der Familie Erös in Afghanistan einen ordentlich bezahlten Job, mit dem wir unsere Familie ernähren können.“ So funktioniere Entwicklungshilfe.

„So einfach ist das nicht mit dem Integrieren! Diese Kultur hat ganz andere Werte.“

Dr. Reinhard Erös

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