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Der lange Weg bis zum Ankommen

Der Adventskalender machte Station in Heinzlgrün, wo Flüchtlinge wohnen. Als sie erzählten, war alles ganz schnell ganz nah.
Von Petra Schoplocher

Nachbarschaftliche Begegnung unterm Weihnachtsbaum. Der kleine Zacharia stellt begeistert fest, dass die Dame im gestreiften Shirt neben ihm wohnt.
Nachbarschaftliche Begegnung unterm Weihnachtsbaum. Der kleine Zacharia stellt begeistert fest, dass die Dame im gestreiften Shirt neben ihm wohnt. Foto: Schoplocher

Waldmünchen.Fatima Basho kann die Tränen nicht mehr zurückhalten, als ihr Sohn Fouad von den Stationen der Flucht erzählt. 2013 brach die siebenköpfige Familie in Aleppo auf, seit kurzem sind die Syrer als Flüchtlinge in Deutschland anerkannt. Aber sind sie auch angekommen in diesem fremden Land?

Diese Frage „verbarg“ sich hinter dem 15. Türchen des begehbaren Adventskalenders, das sich im Familienhaus Heinzlgrün im wahrsten Sinne des Wortes öffnete. Lisa und Dr. Stephan Deutsch, die das Projekt zusammen mit Monika und Hans Daschner stemmen, hatten Flüchtlinge gebeten, von ihren Erlebnissen vor, aber gerade auch nach der Ankunft in Deutschland und den Erfahrungen in der Fremde zu berichten, die einmal Heimat werden soll.

Der 15-jährige Fouad erzählt von der Mittelschule, die „schwierig ist, weil die Leute bayerisch reden“ und er sich mitunter wenig nette Sprüche anhören muss. Seine Mutter Fatima nutzt einen Moment der Stille und sagt, dass es „in Deutschland gut ist. Ich danke euch“.

Zwischen Leni Lenart und Fatima Basho (l.) ist in den vergangenen Monaten eine enge Verbindung entstanden. Nachdem die fünffache Mutter aus Syrien von einigen Erlebnissen berichtet hatte, tat ein wenig Wärme ihrer Betreuerin gut.
Zwischen Leni Lenart und Fatima Basho (l.) ist in den vergangenen Monaten eine enge Verbindung entstanden. Nachdem die fünffache Mutter aus Syrien von einigen Erlebnissen berichtet hatte, tat ein wenig Wärme ihrer Betreuerin gut. Foto: ps

Ihre Mutter ist in Aleppo bei einem Bombenangriff ums Leben gekommen, ergänzt sie später noch, als Lisa Deutsch die unglaubliche Geschichte erzählt, wie die Familie Basho in München von Landsleuten um ihr Erspartes gebracht wurde - der Familienvater hatte über Jahre gespart, um Flucht und Neustart finanzieren zu können. Wieder weint Fatima, Betreuerin Leni Lenart tröstet sie.

Zwei Jahre in der Türkei

Auch Familie Hasan war fast zwei Jahre in der Türkei, ehe der Weg über Griechenland, Mazedonien und Österreich nach Rosenheim und vor drei Monaten nach Heinzlgrün führte. Amer Hasan (19) erzählt von der Verfolgung im Irak, in dem „wir wegen dem IS nicht leben könnten“.

Amer Hasan berichtete von der Flucht seiner Familie aus dem Irak. Die Familie ist jesidischen Glaubens und wird im Heimatland vom Islamischen Staat verfolgt. „Wir können nicht zurück“, sagte der 19-Jährige.
Amer Hasan berichtete von der Flucht seiner Familie aus dem Irak. Die Familie ist jesidischen Glaubens und wird im Heimatland vom Islamischen Staat verfolgt. „Wir können nicht zurück“, sagte der 19-Jährige. Foto: ps

Die Hasans sind Jesiden, am Donnerstag ging eine strenge Fastenzeit vor Weihnachten zu Ende. Die Stimmung ist zerbrechlich, als die Flüchtlinge vom Feiern zu Hause erzählen: Mit Gottesdienst, Essen, Musik und gegenseitigem Besuchen. Auf der einen Seite die Gemeinsamkeiten mit den Menschen und dem Christbaum hier und die Erinnerung dort – die Besucher ahnen, was das bedeutet.

Eingestreut und nicht minder emotional sind die Erfahrungen von Lisa und Stephan Deutsch, die mehr als einmal zu Kopfschütteln führen. Etwa, als den deutschen Behörden eine Heiratsurkunde nicht reichte und der Ehemann nach der Geburt des gemeinsamen Kindes eine Vaterschaftsanerkennung, seine Frau eine entsprechende Erklärung abgeben musste – was zudem 50 Euro kostete. „Das war für den Mann schlimm, das ging an seine Ehre“, gibt Stephan Deutsch das Empfinden wieder.

„Wahnsinnige Anforderungen“

Für Familie Hasan war am Freitag Weihnachten. Lisa Deutsch betrachtet per Smartphone verschickte Weihnachtsgrüße. Gefeiert wurde das Fest zu Hause „mit Gottesdienst, Musik und Essen“, erzählten die Flüchtlinge.
Für Familie Hasan war am Freitag Weihnachten. Lisa Deutsch betrachtet per Smartphone verschickte Weihnachtsgrüße. Gefeiert wurde das Fest zu Hause „mit Gottesdienst, Musik und Essen“, erzählten die Flüchtlinge. Foto: ps

Nach zwei Jahren Erfahrung in der Flüchtlingsbetreuung könnten die Deutschs Bücher schreiben. Über Anträge, die so kompliziert sind, dass sie kaum von Deutschen, geschweige denn von Flüchtlingen ausgefüllt werden können. Die Bürokratie werde von den Asylbewerbern übrigens meist geduldig hingenommen („sie denken, das ist der Preis“), erzählt sie, dass „wir uns oft mehr aufregen“. Das Ehepaar könnte erzählen von schwierigen Familienzusammenführungen über Bundesländer hinweg oder auch von kleinen-großen Sorgen wie die Kosten für Zugfahrten nach Cham, die oft einen Großteil des zur Verfügung stehenden Geldes verschlingen.

Auch der Weg von Heinzlgrün nach Waldmünchen ist weit, die Hausbetreiber haben eigens einen Bus angeschafft, denn mit dem Fahrradfahren „ist das so eine Sache“, weil die Flüchtlinge wesentlich unsicherer sind. Derzeit betreuen die Ehepaare und weitere Helfer elf Schüler bei den Hausaufgaben. An die Jugendlichen würden „wahnsinnige Anforderungen“ gestellt, etwa, wenn zum Bemühen um Deutsch mit Englisch die zweite Fremdsprache wartet. Textaufgaben seien oft „nicht bewältigbar“.

Die Bewohner ließen es sich nicht nehmen, die Besucher mit Köstlichkeiten aus ihrer Heimat zu verwöhnen. Hier werden Teigtaschen mit einer Füllung aus Feigen serviert. Doch auch pikante „Nussecken“ oder eine Art Milchreis beeindruckten.
Die Bewohner ließen es sich nicht nehmen, die Besucher mit Köstlichkeiten aus ihrer Heimat zu verwöhnen. Hier werden Teigtaschen mit einer Füllung aus Feigen serviert. Doch auch pikante „Nussecken“ oder eine Art Milchreis beeindruckten. Foto: ps

Sie habe auch schon ins Heft geschrieben, dass „ich das nicht verstanden habe“. Damit möchte sie den Schulen (die sie grundsätzlich lobt) signalisieren, wie schwer es ihren Schützlingen falle . „Sie müssen funktionieren wie deutsche Schüler“, meint sie. Und noch etwas habe sie festgestellt: Bei allem Fokus auf das Erlernen der Sprache sollte Integration auch immer mit dem Willen verbunden sein, den Ankommenden die Lebensauffassung „in unserem Land“ zu vermitteln.

Große Gastfreundschaft

Im Kinderzimmer wird gespielt und gebastelt. Auch während der einen Stunde „Adventskalender“ durften die Kleinen ihre freie Zeit genießen. Zum Renner wurde eine Strickmaschine.
Im Kinderzimmer wird gespielt und gebastelt. Auch während der einen Stunde „Adventskalender“ durften die Kleinen ihre freie Zeit genießen. Zum Renner wurde eine Strickmaschine. Foto: ps

„Wir könnten oft bei drei Familien gleichzeitig essen“, lächelt Lisa Deutsch zufrieden. Eine Kostprobe der Gastfreundschaft gaben die „fremden“ Leckereien. Das Motto nach der Adventskalender-Stunde, „Probieren und Ratschen“, setzte die bunt zusammengewürfelte Gruppe in entspannter Atmosphäre gerne um. Beantwortet wurden Fragen wie: „Denkt Ihr, dass Ihr hierbleibt?“ oder „fühlt Ihr euch wohl?“. Offen erzählten die Flüchtlinge von negativen Erlebnissen, von Erwartungen, dem Erlernen von Geduld, aber auch der Unterstützung, die sie erfahren (haben). Ankommen scheint ein Prozess zu sein, stellte ein Gast fest. Einer, der nur mit Hilfe von Menschen gelingen kann.

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