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Die letzten Möbel müssen noch weg

Landrat und Bürgermeister kamen zum Glocknerhof nach Stamsried, wo der letzte minderjährige Flüchtling auszog.
Von Christoph Klöckner

Die letzten Möbel warteten am Freitag vor dem „Paradies“, wie die jungen Flüchtlinge ihre Unterkunft beschrieben hatten, auf den Abtransport – dann ist das Thema in Stamsried Geschichte.
Die letzten Möbel warteten am Freitag vor dem „Paradies“, wie die jungen Flüchtlinge ihre Unterkunft beschrieben hatten, auf den Abtransport – dann ist das Thema in Stamsried Geschichte. Foto: Klöckner

Stamsried.Der letzte minderjährige Flüchtling der Unterkunft am Glocknerhof in Stamsried wurde am Freitagnachmittag von den verbliebenen Betreuern nach Waldmünchen gebracht, während sich die restlichen Möbel vor dem Haus stapelten, das bis jetzt als Unterkunft und neue Heimat für unbegleitete, minderjährige Flüchtlinge gedient hatte.

„Damit wird im Alltag von Stamsried etwa fehlen!“, betonte Bürgermeister Herbert Bauer. Die Stamsrieder hätten sich schnell an die jungen Neubürger gewöhnt, sie integriert und vielfach einfach akzeptiert – ob im Einkaufsmarkt oder im Freibad. Die Flüchtlinge seien unauffällig gewesen, sagte er, wie auch die Inhaberinnen der Immobilie am Glocknerhof, Gerda Sperger und ihre Tochter Maria Sperger-Bolla, bestätigten: „Es gab nie eine Klage!“ Man sei an all dem gewachsen, so Gerda Sperger.

Start mit 15 Flüchtlingen

Franz Speckner und Christina Pfeffer vom Kolping-Bildungswerk, Bürgermeister Bauer, Landrat Löffler und Jugendamtsleiter Biebl resümierten mit Gerda Sperger (v.li.) über die Erfahrungen.
Franz Speckner und Christina Pfeffer vom Kolping-Bildungswerk, Bürgermeister Bauer, Landrat Löffler und Jugendamtsleiter Biebl resümierten mit Gerda Sperger (v.li.) über die Erfahrungen. Foto: Klöckner

Der Bürgermeister traf sich am Mittag unter anderem mit Landrat Franz Löffler und dem Chef des Kolping-Bildungswerks, Franz Speckner, um ein Resümee der dort geleisteten Arbeit zu ziehen. das fiel durchweg positiv aus. Es sei das „finale Treffen“, so Löffler. Er sei dankbar, dass hier alles so gut funktioniert habe, sagte er in Richtung der Familie Sperger, die gemeinsam mit Immobilienbetreuer Oliver Schmidt aus München angereist war. Von Anfang an, so der Landrat, habe er ein „gutes Gefühl“ gehabt. Familie Sperger habe dem Landratsamt eine qualitätvolle und flexible Unterbringung angeboten.

Bis zu 60 Plätze in drei Häusern habe man in Spitzenzeiten belegt. Start sei mit 15 jungen Flüchtlingen am 16. Juni 2015 gewesen. Da heute – nach fast zwei Jahren – kaum noch Flüchtlinge kämen, schließe das Landratsamt die Unterkunft aus wirtschaftlichen Gesichtspunkten. Es gebe bereits eine Nachfolge für die Wohnungen, wie Familie Sperger bestätigte. Wohnraum sei hier – zwischen Cham, Roding und Neunburg – gut zu vermieten, sagte Gerda Sperger. Ihre Tochter ergänzte, dass der Glocknerhof insgesamt zu 85 Prozent vermietet sei.

Flüchtlinge im Landkreis Cham

  • Abschied

    Der Glocknerhof in Stamsried war so etwas wie Familie für sie. In der Hochphase wohnten hier bis zu 60 unbegleitete, minderjährige Jugendliche in drei Häusern. Am Freitag, 17. März, ist der letzte dieser Jungen ausgezogen – die übrigen fünf Betreuer werden weiterbeschäftigt in anderen Kolping-Maßnahmen, die Leitung ist arbeitslos. Am 31. März schließt am Glocknerhof, dessen Häuser vom Landkreis angemietet wurden, das Kapitel Flüchtlinge endgültig.

  • Zahlen

    Im Landkreis sind dann noch zwei Unterkünfte für solche junge Flüchtlinge – in Kastell Windsor bei Rettenbach und in der Jugendbildungsstätte in Waldmünchen. In der Spitze lebten im Landkreis 150 solcher Jugendlicher, 78 davon sind jetzt noch da. Davon werden 44 in stationären Einrichtungen und 34 ambulant betreut. Die Gesamtzahl der Flüchtlinge im Landkreis Cham beträgt 1490 – die Hälfte davon ist derzeit anerkannt. (ck)

Landrat Löffler lobte das Kolping-Bildungswerk als sozialpädagogischen Partner des Landratsamtes in der Unterkunft. Neben Waldmünchen und Kastell Windsor sei der Glocknerhof die dritte Stelle für junge, unbegleitete Flüchtlinge gewesen. Auch wenn die Flüchtlingsarbeit Neuland für Kolping gewesen sei, so Löffler, habe man „schöne Erfolge“ erzielt. Er dankte allen Beteiligten für das Engagement. Die Jugendlichen hätten alles neu lernen müssen – auch wenn sie vieles vom Handy kannten. Schließlich herrsche in Deutschland eine ganz andere Kultur.

Selbst eine Bierflasche zu öffnen oder mit einer Schere zu schneiden sei für manchen schwierig gewesen. Zur Zukunft der jungen Flüchtlinge betonte er, dass die Betreuung hier nicht abrupt mit der Volljährigkeit ende. Augenblicklich seien 37 Flüchtlinge in einer Ausbildung, über 100 der knapp 1500 Geflohenen im Landkreis würden sozialversicherungspflichtig beschäftigt.

Duldung ist möglich

Auch für nicht anerkannte, minderjährige, unbegleitete Flüchtlinge gebe es jetzt die Möglichkeit einer Duldung für drei Jahre Ausbildung mit zwei Jahren Beschäftigung im Anschluss, wenn sich ein Arbeitgeber dazu bereiterkläre und der Flüchtling einige Kriterien, wie etwa klare Identitätsfeststellung, erfülle.

Kolping-Bildungswerkschef Franz Speckner zog ebenfalls positive Bilanz des Glocknerhof-Projekts. Der Anfang sei schwer gewesen – oft seien die Jugendlichen ohne Untersuchung und Registrierung von jetzt auf gleich angereist. Man habe sofort mit Deutsch-Kursen begonnen, viel an Alltagswissen und Leben in Deutschland vermittelt. So seien oft die Rodinger Polizisten gekommen, um den Jugendlichen die Angst vor Uniformen zu nehmen. Kommune und Landratsamt hätten geholfen, wo möglich. Christina Pfeffer ergänzte, dass von Schwimmkursen über Verkehrstraining bis zu Sexualaufklärung alles vermittelt worden sei.

„Wir werden sie vermissen!“

Bürgermeister Herbert Bauer

„Wir werden sie vermissen!“, schloss Bürgermeister Bauer. Stamsried habe sich schon öfter bei Russlanddeutschen oder nach dem Krieg als „Integrationsgemeinde“ bewiesen. Es sei schade, dass es vorbei sei – und, dass mancher der Jugendlichen – in den hier viel investiert wurde – doch zurückgeschickt werde, so Herbert Bauer: „Das hätte man früher feststellen müssen!“

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