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Die nächsten Ziele: Arbeit und Bleibe

Die Flüchtlingssituation in Cham: Es kommen weiter Asylsuchende, aber die Zahlen sinken – und die Integration zeigt Erfolge.
Von Christoph Klöckner

Wer ist willkommen, wer nicht? Wer darf bleiben, wer muss zurück? Schwierige Fragen, die über Schicksale von Menschen entscheiden.
Wer ist willkommen, wer nicht? Wer darf bleiben, wer muss zurück? Schwierige Fragen, die über Schicksale von Menschen entscheiden. Foto: Klöckner

Cham.Die Bilanz im Land und im Landkreis Cham rund ums Thema Flüchtlinge zeigt eine klare Tendenz: Die Zahlen neu ankommender Asylsuchender sind überdeutlich zurückgegangen. Entsprechend verändert hat sich die Gesamtsituation. 2015 und zu Beginn 2016 standen vor allem die Unterbringung und die Erstversorgung wie die Erfassung der Geflüchteten im Vordergrund. 2016 wie wohl auch 2017 wird vor allem die Bearbeitung der Asylanträge und die Integration den Raum füllen.

Was die nun schon einige Zeit im Landkreis lebenden Menschen aus Syrien, Afghanistan oder Afrika beschäftigt, ist die Angst vor dem „Interview“, in dem Behörden die Fluchtgründe der Geflüchteten prüfen. Hier entscheidet auch die Herkunft.

Kommt man aus dem falschen Land, droht die Abschiebung. Das seien die Hauptängste der Menschen, wie jetzt die Diakonie-Asylsozialberaterin Johanna Gruber im Gespräch mit unserer Zeitung beschrieb. Viele würden Einspruch gegen die Entscheidungen einlegen und danach im Ungewissen weiterbangen. Dabei trifft es auch Menschen, die vor 2015 kamen.

Knapp 1500 Menschen sind hier

„Umfangreiche Statistiken, wie wir sie heute führen, gibt es erst seit Beginn der sogenannten Flüchtlingskrise“, so Friedrich Schuhbauer, Sprecher des Landratsamtes Cham. Man könne jedoch sagen, dass im Landkreis Cham im Jahr 2012 Kapazitäten zur Aufnahme von 140 Personen zur Verfügung standen. Zwei Jahre später seien es bereits Plätze für 500 Asylbewerber gewesen.

Und in der Spitze im vergangenen Jahr 2016 hätten circa 1350 Personen aufgenommen werden können, sagt Schuhbauer. Genauere Daten zur Zusammensetzung der Flüchtlinge für die Vergangenheit könnten nur schwer ermittelt werden. Zum 31. Dezember 2016 lebten 1476 geflohene Menschen im Landkreis Cham. „Der bisherige Höchststand lag bei rund 1500“, führt er aus.

„Der bisherige Höchststand lag bei rund 1500.“

Friedrich Schuhbauer zur Zahl der Asylsuchenden

Von den 1476 seien 454 Personen volljährig und ledig. Dazu kämen 52 unbegleitete minderjährige Asylbewerber. Alle anderen Kinder und Jugendlichen befänden sich in einem Familienverband. Die Bearbeitung der einzelnen Fälle ist den Zahlen nach in Cham gut vorangekommen. 736 Personen wurde ein Bleiberecht zugesprochen. Bei 233 Personen wurde der Asylantrag abgelehnt.

Minderjährige Flüchtlinge

  • Zahlen

    Derzeit befinden sich insgesamt 54 unbegleitete Minderjährige in den Jugendhilfeeinrichtungen im Landkreis Cham: Internationale Jugendwohngruppe Waldmünchen: 34; Notunterkunft Kastell Windsor Rettenbach: 12; Notunterkunft im Glocknerhof Stamsried: 8. Insgesamt zwölf Personen wurden zum 1. Januar 2017 volljährig – weil sie keinen Pass hatten.

  • Unterbringung

    Die jungen Volljährigen wurden dann wie folgt untergebracht: Im betreuten Wohnen Waldmünchen: eine Person; Gemeinschaftsunterkunft Furth im Wald: eine Person; GU Waldmünchen: eine Person; in zwei GU Cham: insgesamt sechs Personen; in Kastell Windsor, Rettenbach: drei Personen.

  • Betreuung

    Wie die Betreuung weitergeht: Die jungen Volljährigen werden durch einen Erziehungsbeistand nach § 30 SGB VIII nach Vorgabe des Hilfeplans des Jugendamts ambulant weiterbetreut, das heißt, vier Stunden in der Woche. Der Erziehungsbeistand ist Mitarbeiter der vorherigen stationären Jugendhilfeeinrichtung und daher auch über die Einzelfallproblematiken informiert.

Das heißt, bislang – und das vor allem 2016 – wurde etwa ein Viertel der Asylanträge abgelehnt. Der Statistik nach könnte der Eindruck entstehen, dass Behörden heute nachgiebiger seien als früher. Denn 2006 wurden noch gut 60 Prozent aller Asylanträge in Deutschland abgelehnt. Doch hat sich die Situation grundlegend geändert, denn die früheren Zahlen fußen auf einem ganz anderen Niveau.

Damals stellten nur 21 029 Menschen überhaupt einen Asylantrag in Deutschland. 2016, dem Jahr mit der bisher höchsten Zahl, waren es 722 370 Asylanträge, die gestellt wurden. Den Duldungsstatus besitzen derzeit 35 Personen. Das betrifft diejenigen, die aus tatsächlichen oder rechtlichen Gründen – etwa wegen fehlender Ausweisdokumente oder aus gesundheitlichen Gründen – nicht abgeschoben werden können. Bei 460 Personen ist laut Landratsamt das Asylverfahren noch nicht vollständig abgeschlossen.

Es kommen weiter neue Flüchtlinge

Was keiner mehr merkt: Es kommen immer noch neue Flüchtlinge bei uns an. Der Zustrom habe aber deutlich nachgelassen. In den Monaten November und Dezember seien dem Landkreis Cham 77 Asylbewerber und 23 bereits anerkannte Flüchtlinge mit einer Wohnsitzauflage zugewiesen worden. Die wichtigsten Herkunftsländer der im Landkreis Cham lebenden Flüchtlinge sind Syrien, dann der Irak, Äthiopien, Afghanistan und auch die Ukraine.

Derzeit bestehen laut Landratsamt noch 29 dezentrale Unterkünfte des Landratsamtes und in sieben Kommunen Gemeinschaftsunterkünfte der Regierung der Oberpfalz sowie drei Jugendhilfeeinrichtungen. „In der Spitze waren es 34 dezentrale Unterkünfte und zusätzlich eine Notunterkunft“, so Schuhbauer auf die Fragen unserer Zeitung.

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Recht erstaunlich sind die Zahlen für anerkannte Flüchtlinge, die sich eine Wohnung suchen können, um aus den Gemeinschaftsunterkünften rauszukommen: „Es leben mittlerweile 370 Personen mit Bleiberecht, also rund die Hälfte, in insgesamt 162 Privatwohnungen“, heißt es dazu. Hier hätten sich der Wohnungslotse des Landratsamtes, aber auch ehrenamtlich in diesem Bereich Engagierte durchaus bewährt.

„Wir rechnen für 2017 mit einer Zunahme beim Familiennachzug.“

Friedrich Schuhbauer

Und auch in Sachen Arbeit hat sich etwas getan: 66 geflohene Menschen hatten zum 31. Dezember 2016 einen sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplatz, weitere 36 haben einen Ausbildungsplatz, also insgesamt 102 Personen. Die Masse, rund 1000 Personen, befindet sich noch in integrationsfördernden Maßnahmen wie Regelschule, Berufsschule oder in Sprachkursen.

Elf Abschiebungen

Bei der Familienzusammenführung hat sich dagegen wenig bewegt, doch wird hier noch einiges vom Amt erwartet. Zwölf Familienangehörige seien bislang nachgezogen. Bei anerkannten Flüchtlingen ist dies nach wie vor möglich, nur bei „subsidiär Schutzberechtigten“, wie es heißt, ist der Familiennachzug ausgesetzt. Das bedeutet, dass die Menschen bei einer Rückkehr in ihre Heimat von Todesstrafe, Krieg oder Folter bedroht würden. Deshalb kann sie der Staat nicht zurückschicken. „Wir rechnen für 2017 mit einer Zunahme beim Familiennachzug“, sagt Sprecher Friedrich Schuhbauer.

Es werde bei Abschiebungen auch nach dem Anschlag in Berlin nicht anders gearbeitet wie vorher: „Unsere Bemühungen waren vor dem Terroranschlag sehr hoch und sind es weiterhin.“ 2015 wurden 79 Personen aus dem Landkreis abgeschoben, im Jahr 2016 waren es elf Personen. Dazu reisten im Jahr 2015 196 Personen freiwillig aus, im Jahr 2016 109 Personen.

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