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Ihr Augenmerk liegt auf den Kindern

Meist im Stillen meistert die Asyl-Unterkunft in Bad Kötzting ihre Aufgaben. Koordinatorin Brigitte Ertl ist das ganz recht.
Von Roman Hiendlmaier

  • Sprechstunde mit Kind und Kegel: Im alten Krankenhaus herrscht soweit Routine, dass die Betreuer ihr Hauptaugenmerk auf die Kinder legen können. Foto: Hiendlmaier
  • Hand in Hand und mit Herz: Kinderzeichnungen sind Brigitte Ertls Motivation. Foto: Hiendlmaier

Bad Kötzting.Es ist ruhig im Eingangsbereich des alten Kötztinger Krankenhauses. Ein leichter Essensduft schwebt durchs Foyer, aus einem Raum klingt leise orientalische Musik, ein Mann und zwei Frauen schieben Kinderwagen hin und her – es deutet wenig darauf hin, dass hier 170Personen in kleinen Wohneinheiten ihren Lebensmittelpunkt haben.

„Das ist auch gut so,“ sagt Brigitte Ertl über das Idyll. „Wenn hier Ruhe herrscht, sind die Leute zufrieden – und wir auch,“ erklärt die ehrenamtliche Koordinatorin der Unterkunft.

Überhaupt täusche der erste Eindruck nicht, sagt Ertl. Im alten Krankenhaus gehe es in den vergangenen Wochen und Monaten erfreulich unspektakulär zu. Für einen Fluchtpunkt, an dem Vertriebene meist aus nord- und zentralafrikanischen Ländern stranden, sei das keine Selbstverständlichkeit.

98 Prozent sind problemlos

„Wobei“, sagt Ertl, während sie die Mütter begrüßt und den Kindern im Kinderwagen über den Kopf streicht, „das Gros der Ankömmlinge ist für die Hilfe, die hier geleistet wird, dankbar.“ Und: „98 Prozent, wohnen hier absolut problemlos und versuchen sich so gut es geht einzuleben.“

Sprache lernen, Wohnung finden, Arbeit für die Erwachsenen, Schule für die Kinder finden – darum dreht sich laut Ertl alles in der Unterkunft. Und jeder einzelne dieser Punkte sei für jeden einzelnen Flüchtling eine große Herausforderung.

„Erfolgsgeheimnis“ sei, wenn man so wolle, dass Ertl und ihre Mitstreiter versuchen, den Neuankömmling mit seinen Fragen nicht alleinzulassen. „Wir sind täglich hier und stehen für alle Fragen offen,“ sagt Ertl in ihrem Mini-Büro, das gegenüber der nicht größeren Zimmer von Unterkunfts-Leiter Michael Rabl und Josef Rabenbauer liegt.

„Wir“, das ist ein Netz aus rund 25 Ehrenamtlichen, das sind Ansprechpartner bei Behörden und medizinischen Einrichtungen, Vertreter von Stadt und Landkreis, die versuchen für jedes Problem von der Windel bis zur Wohnungssuche eine Lösung zu finden.

Ertl betont allerdings, dass die Unterkunft weder ein Hotel noch ein Kindergarten sei, wo die Hausleitung wohlwollend ihr Händchen über alles und jeden halte. „Es gibt hier klare Regeln für das Zusammenleben – üblicherweise die, die auch außerhalb der Unterkunft gelten – und daran hat sich hier jeder zu halten. Das machen wir auch jedem klar.“

Wobei, vieles müssen Rabl, Ertl und Co. den Bewohnern nicht mehr durchdeklinieren – das erfahren die auch so, von Nachbarn oder aus sozialen Netzwerken beispielsweise. „Die Gleichberechtigung von Kulturen oder von Mann und Frau wird hier vorausgesetzt – wir sagen auch deutlich, dass der, der das nicht akzeptiert, große Schwierigkeiten bekommen wird – nicht nur hier.“

Religiösen Fanatikern sei man weniger begegnet, sagt Ertl, die Abneigung bestimmter Länder- und Kultur-Gruppen untereinander sei dagegen nicht zu leugnen.

Was tun in diesem Fall? Ertl zuckt die Schultern: Eine Trennung bei der Zuweisung sei nicht möglich, eine räumliche im Haus auch nur begrenzt. „Es ist hier wie draußen im normalen Leben: Früher oder später werden sie sich begegnen.“

Und dennoch: Worst Case war nur ein Flüchtling, der so häufig Probleme machte, dass er in eine andere Unterkunft verlegt wurde.

Weil man so erfreulich wenig Aufwand mit der Bewältigung derartiger Probleme habe, bleibe mehr Zeit, sich denen zu widmen, die die Hilfe am dringendsten brauchen und die der Schlüssel für ein Gelingen von Integration sind: die Kinder.

Gesucht: Aufsicht für Kleinkinder

Ganz aktuell werden drei bis vier Frauen gesucht, die auf vier bis fünf Zwergerl im Kinderwagen-Alter aufpassen. Montags bis donnerstags von 10Uhr bis 11.30 Uhr, damit ihre Mamis entspannter den Deutschkurs besuchen können.

Für insgesamt zehn Kinder und ihre Familie sucht Ertl gerade Wohnungen: Eine Mutter mit fünf Kindern, eine Familie mit vier Kindern und eine Mutter und eine Tochter wollen von dort in unsere Gesellschaft einsteigen.

Es sind keine leichten Aufgaben, denen sich die Ehrenamtlichen stellen, das zehrt an den Nerven. Wenn die Hürden einmal wieder unüberwindlich erscheinen, blickt Brigitte Ertl von ihrem Schreibtisch aus nach rechts an die Wand, an der vier Kinderzeichnungen hängen. Sie ist dort als Strichmännchen zu sehen, umweht von roten Herzen, oder Hand in Hand mit Unterkunftschef Michael Rabl. „Kinderfantasien,“ schmunzelt Ertl, bevor sie sich den zwei Wagerl-Schieberinnen widmet, die nun vor ihrem Büro warten, weil sie offenbar eine Frage haben. Aber schöner kann man den Grund nicht bezeichnen, warum sie alle das hier machen. Und zwar alle 25.

Anlaufstelle für Engagierte

  • Gesucht

    Engagierte Mitbürger, die bei der Integration der Flüchtlinge helfen wollen, sind im alten Krankenhaus grundsätzlich gern gesehen. Aktuell werden Helferinnen gesucht, die montags bis freitags von 10 Uhr bis 11.30 insgesamt fünf Kleinkinder betreuen helfen. Das Büro der ehrenamtlichen Flüchtlingshilfe ist montags bis freitags täglich von 10 - 12 Uhr erreichbar: Tel. (09941) 400 92 44

  • Hintergrund

    Das ehemalige Krankenhaus St. Josef in Bad Kötzting wurde Anfang 2015 vom Landkreis Cham aus dem Leerstand zur Gemeinschaftsunterkunft für Asylbewerber ausgebaut. Zunächst für 100 Personen ausgelegt, folgte im November 2015 ein weiterer Schritt. Ein zweiter Trakt des Hauses wurde für die Aufnahme von bis zu 100 weiteren Asylbewerbern vorbereitet. Zu diesem Zweck vermietet der Landkreis die Immobilie an die Regierung der Oberpfalz.

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