MyMz

Ruf nach Freiheit und Demokratie

Hassan Kharat war deutscher Reiseleiter in Syrien und weiß: Die Zukunft des Landes liegt nicht mehr in der Hand der Syrer.
Von Stefan Weber

Viele historische Anlagen fielen den Kämpfen bereits zum Opfer.
Viele historische Anlagen fielen den Kämpfen bereits zum Opfer. Foto: Kharat

Bad Kötzting.Hassan Kharat ist nicht hoch gewachsen, trägt einen braunen Anzug, eine gestreifte Krawatte, Weste und Schnauzbart. Bis auf die Hautfarbe, die ihn als Syrer ausweist, ist nichts Auffälliges an dem Mann. Was die Schüler an diesem Vormittag in der Aula des Benedikt-Stattler-Gymnasiums an den Vortrag des Mannes fesselt, sind aber zum einen seine feste Stimme und das, worüber er spricht. Es geht um Freiheit und Demokratie, und – das ist ihm gerade beim jungen Publikum besonders wichtig – dass „man das nicht geschenkt bekommt, das ist harte Arbeit“.

Zwölf Millionen auf der Flucht

Hassan Kharat zeigte den Schülern des Gymnasiums und des Förderzentrums Bilder seiner Heimat vor dem Krieg und heute.
Hassan Kharat zeigte den Schülern des Gymnasiums und des Förderzentrums Bilder seiner Heimat vor dem Krieg und heute. Foto: wf

Der Mann weiß, wovon er spricht. Hassan Kharat stammt aus der syrischen Hauptstadt Damaskus. „Wir hatten alles“, sagt er. Bildung, Wohlstand, Kultur. Die Hauptstadt streitet mit Aleppo um den Titel der ältesten Stadt auf dem Planeten. 10 000 Jahre kulturelles Erbe und Traditionen. „Doch was wir nicht hatten, das waren Freiheit und Demokratie“, erklärt er. 20 Jahre hat er als deutscher Fremdenführer in Damaskus gearbeitet und den Menschen viel darüber erzählt – aber nie die Wahrheit über den Machthaber Bashar al-Assad. Der heutige Präsident habe das Amt von seinem Vater geerbt, und das habe mit Demokratie nun gar nichts zu tun.

Eindrücklich zeigt Kharat anhand vieler Bilder, wie es in den Städten Syriens noch vor gut sechs Jahren, vor Beginn des Krieges, ausgesehen hat. Zahlreiche Gebäude, die in der Unesco-Liste als Welterbe geführt werden, liegen in Schutt und Asche – auch davon hat er unzählige Aufnahmen dabei. „Es gibt seit Jahren keinen Strom mehr in vielen Städten“, sagt er, und erklärt, wie es dazu kommen konnte – und warum gerade junge Männer auf der Flucht sind. Die seien es gewesen, die vor Ausbruch des Krieges neun Monate lang friedlich für Reformen im Land demonstriert hätten. „Sie wurden alle vom Geheimdienst fotografiert und viele davon verhaftet“, sagt er. Rund 60 000, so seine Schätzung, seien inhaftiert worden, viele davon auch getötet.

„Wir hatten alles. Doch was wir nicht hatten, das waren Freiheit und Demokratie.“

Hassan Kharat

Auch sein damals 16-jähriger Sohn war unter den Flüchtlingen, die Syrien schon vor längerer Zeit verlassen haben. Über die Türkei und Griechenland, wo es aufgrund der vielen auf der Flucht Gestorbenen mittlerweile sogar syrische Friedhöfe gebe. Mit Fotos zeigt er Schlauchboote, die um mehr als das Zehnfache überfüllt sind, mit denen Tausende Syrer, darunter auch sein Sohn, nach Italien übergesetzt haben. Zwölf Millionen Syrer seien auf der Flucht, die Hälfte davon im eigenen Land. Viele seien im näheren Ausland gestrandet, sein Sohn hat es bis nach Schweden geschafft, und habe dafür rund 6000 Euro bezahlt. Nun wolle er in seiner neuen Heimat Krankenpfleger werden.

Syrien

  • Lage

    Syrien grenzt im Süden an Israel und Jordanien, im Westen an den Libanon und das Mittelmeer, im Norden an die Türkei und im Osten auch noch an den Irak.

  • Fläche

    Mit rund 185 000 Quadratkilometern ist Syrien halb so groß wie Deutschland.

  • Bevölkerung

    2010 lebten knapp 21 Millionen Menschen im Land, die meisten in Aleppo, der Hauptstadtregion von Damaskus, in Homs, Hama und Latakia.

  • Politik

    Die Syrische Republik wurde erstmals 1930 gegründet, 1946 unabhängig. Seit 1963 regiert die arabisch-sozialistische Baath-Partei das Land.

  • Krieg

    Seit 2011 entwickelte sich aus Demonstrationen gegen die syrische Regierung der Bürgerkrieg, der bislang mehr als 400 000 Todesopfer gefordert hat. Es stehen sich die Terrororganisation Islamischer Staat und syrische Regierungstruppen gegenüber, außerdem mehrere Rebellengruppen.

Ein Straßenzug in der Stadt Homs
Ein Straßenzug in der Stadt Homs Foto: Kharat

Hassan Kharat selbst ist mit seiner Familie dem Sohn mittlerweile gefolgt. Obwohl er perfekt Deutsch spricht, ist ihm auch Schweden nach rund zwei Jahren bereits zur Heimat geworden. Er weiß, dass das Schicksal seiner Heimat nicht mehr in den Händen der syrischen Bevölkerung liegt, „sondern in denen der USA und Russlands“, sagt er. Doch Kharat ist da ganz pragmatisch. „Jeder soll ruhig fünf Minuten am Tag trauern“, sagt er den Schülern. „Aber danach muss man sich wieder Gedanken darüber machen, wie es weitergehen soll. Wir müssen versuchen, eine positive Rolle in den Ländern einzunehmen, die uns aufgenommen haben.“

„Alleine schaffen wir es nicht“

Etwas zu fordern, ist ihm fremd. „Aber alleine schaffen wir es nicht“, sagt er. Darum lautet seine Bitte bei der einheimischen Bevölkerung, „sprechen sie die Flüchtlinge ruhig an, sie werden überrascht sein, wie gerne sie den Kontakt aufnehmen“. Eine fremde Kultur seien die Syrer nicht nur in ihren Aufnahme-Ländern; die westliche Kultur sei ihnen ebenso fremd, weshalb viele Angst hätten, etwas falsch zu machen. Um den Prozess zu beschleunigen, hat er zusammen mit anderen Flüchtlings-Vereinigungen in Schweden ein Netzwerk gegründet.

Die Sprache hat er selbst schon so gut gelernt, dass er seine Vorträge auch auf Schwedisch halten kann. Neben der Sprache sind es aber noch viele weitere Dinge, um die sich die syrischen Gemeinden in der Fremde kümmern. Das fängt schon damit an, dass Gedächtnistraining mit auf dem Stundenplan steht. „Denn in sechs Jahren Krieg, da leidet auch der Kopf darunter“, sagt Kharat.

„Sprechen Sie die Flüchtlinge ruhig an, Sie werden überrascht sein, wie gerne sie den Kontakt aufnehmen.“

Hassan Kharat

Direktor Günther Roith dankte Hassan Kharat für die „erschütternden und beeindruckenden Worte“, und auch Rektorin Veronika Nerud vom Sonderpädagogischen Förderzentrum. Sie hatte Kharat 2011 beim Urlaub in Syrien kennengelernt, wodurch der Kontakt an diesem Tag zustande gekommen war. Extra eingeflogen wurde der Referent übrigens nicht: Er arbeitet in der Adventszeit auf einem Weihnachtsmarkt in Deutschland und hat somit während der Woche Zeit für Vorträge.

Weitere Meldungen aus Bad Kötzting finden Sie hier.

Hier lesen Sie weitere Meldungen aus dem Landkreis Cham.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht