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Sicherheit als Antrieb zur Flucht

Schülerinnen des Joseph-von-Fraunhofer-Gymnasiums in Cham befragten Flüchtlinge aus Afghanistan und Syrien.
Von Lena Niebauer und Nadine Maurer

Die 17-jährigen Flüchtlinge Bashir und Ghafoor kommen aus Afghanistan, Mohammad ist aus Syrien.
Die 17-jährigen Flüchtlinge Bashir und Ghafoor kommen aus Afghanistan, Mohammad ist aus Syrien. Foto: P-Seminar JvFG

Cham.Nahezu jeden Tag gibt es Nachrichten über Flüchtlinge, doch kaum welche sind positiv und viele Meinungen sind dementsprechend schlecht und Vorurteile groß. In den Medien werden stets die Nachteile für die deutsche Bevölkerung und die Gefahr, die angeblich von den Asylsuchenden ausgeht, betont. Der Flüchtling wird als Täter dargestellt.

Dass dieses Bild grundlegend falsch ist, haben die Schüler des P-Seminars „Eine Welt“ vom Joseph-von-Fraunhofer-Gymnasium (JvFG) bereits gelernt. Beim Seminar, das in den nächsten zwei Jahren mit der Berufsschule Cham und dem Rotary Club erfolgt, trifft sich der Kurs regelmäßig mit Asylsuchenden und gestaltet einen Nachmittag mit ihnen.

Die Autorinnen Lena Niebauer und Nadine Maurer
Die Autorinnen Lena Niebauer und Nadine Maurer Foto: P-Seminar JvFG

Um den Menschen hier bewusst zu machen, dass nicht das Ausnutzen des Staates und des investierten Geldes das Ziel der Flüchtlinge ist, sondern die Sicherheit ihr Antrieb ist, haben Schülerinnen des Seminars drei Flüchtlinge zu ihrer Flucht und Ankunft in Deutschland befragt. Die 17-jährigen Flüchtlinge Bashir und Ghafoor kommen aus Afghanistan, Mohammad ist aus Syrien.

Was waren die Gründe für die Flucht?

Bashir: In meiner Heimat ist Krieg und in meinem Dorf waren die Taliban. Manchmal haben sie einfach Menschen genommen, deren Familien angerufen und erpresst: Meist mussten sie viel Geld zahlen oder der Angehörige wurde umgebracht. Auch die Zustände sind schlimm: Es gibt kein Internet und nur ab und zu Strom. Die Hilfe aus anderen, auch europäischen Ländern, kommt nicht an. Die Regierung verbietet, das Geld für die Menschen zu benutzen.

Mohammad: Auch in Syrien herrscht Krieg. Deshalb kam ich nach Deutschland. Wäre der Krieg nicht gewesen, wäre ich in meinem Heimatland geblieben, das vorher nicht schlechter als Deutschland war.

„Die Hilfe aus anderen, auch europäischen Ländern, kommt nicht an.“

Bashir

Wie sah die Flucht aus?

Bashir: Zuerst sind wir zu Fuß über Pakistan in den Iran gegangen. Dort war es sehr gefährlich: Viele Taliban waren dort und wir mussten sehr viel Geld bezahlen. Dann wurden wir im Iran von der Polizei aufgegriffen: Wir waren mehr als eine Woche im Gefängnis. Man stellte uns viele Fragen und wenn man nicht geantwortet hat, wurde Gewalt angewendet. Von dort wurden wir wieder nach Afghanistan zurückgeschickt.

Am Platz der Menschlichkeit: Das Foto zeigt eine Stadtführung, die zwei Schülerinnen des P-Seminars am Fraunhofer organisiert haben.
Am Platz der Menschlichkeit: Das Foto zeigt eine Stadtführung, die zwei Schülerinnen des P-Seminars am Fraunhofer organisiert haben. Foto: P-Seminar JvFG

Mohammad: Da die Situation dort schlimm ist, haben wir einen zweiten Versuch gewagt. Über den Iran sind wir zu Fuß in die Türkei und von dort mit dem Boot nach Griechenland. Später, in Mazedonien, haben uns Polizei und Unicef geholfen: Wir haben Essen und Kleidung bekommen. Über verschiedene Länder sind wir über Österreich nach Deutschland gekommen. Insgesamt war ich drei Monate unterwegs.

Wie verlief die Ankunft in Deutschland?

Bashir: Zuerst war ich in Rosenheim in einem Heim. Später kam ich nach Stamsried und blieb dort drei bis vier Monate. Danach wurde ich nach Waldmünchen geschickt, wo ich nun seit etwa acht Monaten lebe.

Ghafoor: Ich kam mit anderen Menschen meiner Stadt nach Berlin, von dort nach Regensburg und lebe nun in Kastell Windsor.

Mohammad: Ich war als erstes in Passau, wurde von dort nach Regensburg geschickt und lebe jetzt auch in Kastell Windsor.

Wie geht es euch in Deutschland?

Mohammad: Mir gefällt es hier nicht besonders gut. Viele Menschen sind sehr unfreundlich zu uns. Vor allem in Regensburg haben sie uns oft sogar Schimpfwörter zugerufen. Hier in Cham tun sie das nicht, meistens ignorieren sie uns nur. Ich habe hier keine Kontakte wie in Syrien. Ich wollte dort studieren und Arzt werden. Das geht hier nicht, hier kann ich nur eine Ausbildung machen.

„Ich wünsche mir, dass die Menschen wissen, dass wir nicht freiwillig gekommen sind, sondern der Krieg uns zwang.“

Mohammad

Wie sieht euer Leben hier nun aus?

Ghafoor: Ich wohne nun in Kastell Windsor mit anderen Flüchtlingen. Es gibt in dem Haus zwei Stockwerke. In einem leben die Menschen aus Afghanistan, im anderen Syrer. Ich kann hier zur Schule gehen und lernen, bekomme Essen, wenn ich zurückkomme und es gibt einen Gemeinschaftsraum, in dem man fernsehen kann.

Mohammad: Ich gehe vormittags in die Berufsschule. Dort lerne ich seit acht Monaten Deutsch. Zu Hause esse ich etwas und mache Hausaufgaben, falls wir welche bekommen.

Das P-Seminar „Eine Welt“

  • Schulpartner

    Seit Beginn des neuen Schuljahres erhält das JvFG regelmäßig jeden Dienstag Besuch von einer Schülergruppe der 10. Klasse der Werner-von-Siemens Berufsschule.

  • Die Initiatoren

    Das Projekt steht unter der Schirmherrschaft des Rotary Clubs Cham.

  • Das Ziel

    Dabei soll es darum gehen, minderjährige Schutzbefohlene auf ihrem Weg zu begleiten und Hilfestellung zu geben.

  • Projekte

    Die 25 Jugendlichen treffen sich, um Deutsch zu lernen, Sport und Musik zu machen, zu kochen oder zu backen, und lernen so die gegenseitigen Lebenswelten und - gewohnheiten kennen. Toleranz und Offenheit spielen dabei eine zentrale Rolle und diese werden, zur Freude der Lehrkräfte, von allen Schülern vorbildlichst gelebt. Dabei wird die Gruppe auch immer wieder von Lehrern des JvFG unentgeltlich unterstützt, die sich als Aufsichten bei Sportveranstaltungen zur Verfügung stellen oder mit ihnen Musik machen.

  • Informationen

    In den nächsten Wochen berichten zwei Schülerinnen über die Menschen, die ihre Heimatländer verlassen haben, weil ihre Lebensbedingungen dort nicht sicher und nicht zukunftsfähig waren.

Was wünscht ihr euch von Deutschland?

Ghafoor: Ich schätze vor allem die Sicherheit. Ich hoffe, einen guten Beruf und Familie zu bekommen.

Mohammad: Sicherheit ist auch für mich das Wichtigste. Ich wünsche mir aber, dass die Menschen wissen, dass wir nicht freiwillig gekommen sind, sondern der Krieg uns zwang. Auch wir wollten all dies nicht!

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