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Wie Glück über Leben entscheidet

Anita und Ingrid Schlögl aus Traitsching berichten von Integration und appellieren, den Menschen eine Chancen zu geben.
Von Christoph Klöckner

Anita und Ingrid Schlögl mit Kim, einem der von ihnen betreuten Asylbewerber, der hier gerade eine Ausbildung absolviert.
Anita und Ingrid Schlögl mit Kim, einem der von ihnen betreuten Asylbewerber, der hier gerade eine Ausbildung absolviert. Foto: Schlögl

Traitsching.Wenn man eines ganz sicher nicht behaupten kann – dann, dass Anita Schlögl und ihre Tochter Ingrid zu wenig engagiert sind und keine Ahnung haben. Verbal geht es hin und her am großen Tisch in der Wohnstube in Trefling, während der Ofen sein Bestes gibt, um den großen Raum zu wärmen. Die negativen Erfahrungen mit den einzelnen, zuständigen Behörden haben sie aufgewühlt und sie tun es wieder, wenn sie jetzt im Gespräch mit unserem Medienhaus darauf zu sprechen kommen.

Von Misswirtschaft, mangelhaften Auskünften über eine Total-Egal-Haltung bis zur Vermittlung von Unwahrheiten gehen die Erfahrungswerte der beiden Frauen mit beteiligten Behörden. „Es geht nur ums Geld, nicht um die Menschen“, sagt Ingrid Schlögl und fragt sich nach den jüngsten Erfahrungen, ob das Land überhaupt Flüchtlinge integrieren möchte, auch wenn dies immer von der Politik als hohes Ziel markiert wird.

Schweinefleisch auf dem Tisch

In der Anfangszeit 2015, als wirklich noch Chaos herrschte, sei vieles zu entschuldigen gewesen, meinen die beiden. Heute gelte dies nicht mehr – doch geändert habe sich wenig. Deshalb findet sie, dass einiges dringend besser geregelt werden müsse. Ingrid Schlögl, von berufs wegen Sozialpädagogin, war von Beginn an in der Erstaufnahmeeinrichtung für minderjährige Flüchtlinge im Nachbarlandkreis Straubing-Bogen beschäftigt. Irgendwann habe sie das nicht mehr ausgehalten, sagt sie. Etwa, dass den muslimischen Flüchtlingen einfach Schweinefleisch vorgesetzt wurde. Oder, dass nichts an Förderung unternommen werde, um die Jugendlichen auf einen guten Weg zu bringen. Oder, dass sie „Clearing-Berichte“ zu den einzelnen Jugendlichen verfassen musste, deren Empfehlungen sich nach offenen Therapie- oder Betreuungsplätzen richtete, die ihr vom Vorgesetzten mitgeteilt wurden. „Also nicht nach dem Bedarf des Menschen, sondern nach Kosten und Platz“, sagt Ingrid Schlögl.

Als sie frustriert ihre Stelle verließ, nahm sie sich mit ihrer Mutter zweier Schicksale an. Ein anerkannter Flüchtling wohnt jetzt bei der Großfamilie in Trefling und hat eine Ausbildung in einem Heizungsbaubetrieb als Anlagenmechaniker begonnen.

Für einen anderen, minderjährigen Syrer, der gerade ein Freiwilligenjahr in einer Behinderteneinrichtung in Mitterfels absolviert, hat Mutter Anita die Vormundschaft übernommen. „Normalerweise haben die Jugendämter für die Minderjährigen die Vormundschaft“, sagt Ingrid Schlögl. Doch auch Ehrenamtliche könnten sich als Vormund anbieten. Das habe das Jugendamt nicht gewollt. Erst das Amtsgericht habe ihr dann die Vormundschaft übertragen.

Frustrierende Absagenflut

Für Ahmed (Name v. d. Red. geändert), der vor 16 Monaten in Deutschland ankam. Er war mit Bruder und Onkel aus Syriens Hauptstadt geflohen, um nicht so zu enden wie sein Cousin. Der wurde als Minderjähriger von Assads Truppen zwangsrekrutiert, kam ums Leben.

Mit Unterstützung von Schlögls lernte er Deutsch, absolvierte die erste Sprachprüfung, ist auf dem Weg zur zweiten Sprachprüfung. Er machte Praktika, begeisterte sich schließlich für den Beruf des Bankkaufmanns. Die Reaktion der Wohngruppenleitung: „Das schaffst du nicht.“ Man habe ihn im Supermarkt, als Bäcker oder Metzger unterbringen wollen. Die schulischen Voraussetzungen für den Bankkaufmann hatte er – dank der Vormundschaft von Anita Schlögl. Die Auskunft des Einrichtungsleiters zu seinen Zeugnissen, die er wie seinen Pass mitbrachte, war, dass die hier keine Geltung hätten. Was falsch war: Die Landesprüfungsanstalt bescheinigte ihm die Mittlere Reife, nachdem Schlögls die Papiere hinschickten.

53 Bewerbungen – nicht nur für eine Ausbildung als Banker – hat Ahmed gemeinsam mit Schlögls losgeschickt. Zurück kamen 52 Absagen – „alle Plätze weg“, so die Nachricht bereits gut ein Jahr vor Ausbildungsbeginn. Ein frustrierendes Erlebnis für Ahmed und seine Unterstützer. „So ist Integration nicht möglich“, sagen sie. Wenn keiner der Flüchtlinge eine Chance bekomme. Dennoch gab es ein Happy End. Als bisher wohl bayernweit einziger Flüchtling darf er im September eine Ausbildung zum Bankkaufmann bei der Volksbank beginnen. Selbstbewusst habe er auf die Frage, was denn passiere, wenn ihn jemand auf bayerisch anrede, geantwortet: „I ko scho boarisch!“ In der Behinderteneinrichtung, wo er arbeite, rede jeder nur bayerisch mit ihm.

„Wenn man sieht, was man in einem Jahr mit solch einem motivierten Jugendlichen schaffen kann, ist es traurig, dass sich das Amt um die anderen nicht so kümmert“, resümiert die Sozialpädagogin – „obwohl die doch Geld dafür bekommen!“ Es habe keinen interessiert, was aus den Jugendlichen wird. Da entscheide oft ein vergessener Haken über Menschenschicksale, so Ingrid Schlögl. Ahmed ist froh, Schlögls gefunden zu haben: „Gott wollte das!“ Nur so kann er sich sein Glück erklären.

Stellungnahme des Landratsamts

Das Landratsamt Straubing-Bogen weist die Vorwürfe in einer Stellungnahme zurück und erklärt den Sachverhalt aus Behördensicht. Der Vorwurf, den Jugendlichen sie Schweinefleisch vorgesetzt worden, sei nicht zutreffend. Die Religion der Jugendlichen werde berücksichtigt. Kulturell bedingte Besonderheiten der Ernährung würden respektiert. Die Förderung der Jugendlichen sei verfügbar, sofern die Jugendlichen auch bereit und motiviert seien, diese anzunehmen. Grundsätzlich sei versucht worden, für jeden Jugendlichen die notwendigen und passenden Unterstützungsmaßnahmen zu finden. Hierbei habe sich die Jugendhilfe jedoch an dem im Landkreis Straubing-Bogen vorhandenen Angebot orientieren müssen, so das Landratsamt in Bezug auf die angesprochene Clearingstelle. Den Betreuern sei mitgeteilt worden, welche Plätze frei seien und von der Einrichtung sei rückgemeldet worden, für welche Jugendlichen das vorhandene Angebot passe. Jugendliche, für die nicht sofort eine geeignete Jugendhilfemaßnahme zur Verfügung stand, verblieben länger in der Clearingstelle. Die personelle Änderung einer Vormundschaft könne grundsätzlich nur über eine Antragstellung beim Amtsgericht erfolgen, so das Amt. Das Amtsgericht erlasse einen Beschluss, kraft Gesetzes könne einzig das Amtsgericht eine Vormundschaft übertragen. Selbstverständlich würden vorliegende Zeugnisse geprüft und an die entsprechenden Stellen weiter geleitet. Vermutlich beziehe sich diese Fragestellung auf einen Jugendlichen, der trotz wiederholter Aufforderung keine Unterlagen vorgelegt und keine Reaktion gezeigt habe. Die Jugendlichen würden auf ihren Wunschberuf beraten und unterstützt, jedoch lediglich auf einer realistischen Grundlage. Im Alltag stoße man häufig auf unrealistische Vorstellungen, betont das Landratsamt.

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