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Interview

Wie verschieden sind wir eigentlich?

Ein Projekt zwischen Fraunhofer-Schülern und Flüchtlinge trägt Früchte. Heute heißt die Frage: Wie leben Jugendliche hier?

Shahwali (18) aus Pakistan, Elias (16) aus Deutschland und Finan (19) aus Eritrea – drei Jugendliche – was haben sie gemeinsam, was nicht?
Shahwali (18) aus Pakistan, Elias (16) aus Deutschland und Finan (19) aus Eritrea – drei Jugendliche – was haben sie gemeinsam, was nicht? Foto: Fraunhofer-Gymnasium Cham

Cham.Wie leben Jugendliche in Deutschland? Unterscheiden sie sich im Alltag oder in der Freizeit, wenn sie verschiedene Nationalitäten haben? Das sind Fragen, die sich Schüler des P-Seminar des Joseph-von-Fraunhofer-Gymnasiums mit jungen Flüchtlingen gestellt haben. Im folgenden Interview werden die Leben von Laura (17) und Elias (16), die in Deutschland geboren sind, mit Finan (19) aus Eritrea und Shahwali (18) aus Pakistan, die seit etwa zwei Jahren in Deutschland sind, verglichen.

Was sind eure Hobbys?

Elias: Ich spiele gerne Fußball, trainiere im Fitnessstudio und fahre oft mit meinem Moped. Außerdem gehe ich gerne mit Freunden aus.

Shahwali: Zu meinen Hobbys gehören Fußball spielen, Musik hören und Snooker, das ist eine Variante des Billards.

Wie oft und wie lange geht ihr aus? Lernt ihr dabei viele Leute kennen?

Laura: Normalerweise gehe ich jedes Wochenende aus und bleibe mit Aufsicht auch bis drei oder vier Uhr. Angesprochen werde ich schon recht oft und lerne daher auch einige neue Leute kennen.

Finan: Ich gehe etwa zwei Mal im Monat in den MIA Nightclub. Dort bleibe ich dann bis vier oder fünf Uhr. Viele neue Leute lerne ich nicht kennen, da ich eher selten angesprochen werde, aber auch nicht aktiv auf andere Leute zugehe.

Wie lange werdet ihr noch zur Schule gehen, was kommt danach – und, ist euch die Schule wichtiger als Freizeit?

Elias: Nächstes Jahr werde ich das Abitur machen und anschließend wahrscheinlich Architektur studieren. Mir ist zwar Freizeit wichtiger, aber ich lerne natürlich, da ein gutes Abitur für den späteren Beruf wichtig ist.

Shahwali: Ich werde im September den qualifizierenden Hauptschulabschluss schreiben und danach möchte ich gerne eine Ausbildung als Bürokaufmann beginnen. Ich finde die Schule und die Freizeit gleich wichtig. In der Schule erfährt man interessante Dinge, ich lerne gerne. Durch die Berufsschule werden mir viele Möglichkeiten gegeben und man lernt Deutsch. Ich spreche auch Englisch, Urdu, die Amtssprache Pakistans, und die persische Sprache Dari.

Laura: Nach dem Abitur 2018 will ich studieren, wenn möglich im Ausland, da ich viele Sprachen spreche: Englisch, Spanisch, Italienisch und Französisch. Ich interessiere mich sehr für Medizin, bin mir aber noch nicht sicher, was ich studieren möchte.

Das P-Seminar „Eine Welt“

  • Schulpartner

    Seit Beginn des neuen Schuljahres erhält das JvFG regelmäßig jeden Dienstag Besuch von einer Schülergruppe der 10. Klasse der Werner-von-Siemens Berufsschule.

  • Schirmherrschaft

    Rotary Club Cham.

  • Ziel

    Dabei soll es darum gehen, minderjährige Schutzbefohlene auf ihrem Weg zu begleiten und Hilfestellung zu geben.

  • Projekte

    Die 25 Jugendlichen treffen sich, um Deutsch zu lernen, Sport und Musik zu machen, zu kochen oder zu backen, und lernen so die gegenseitigen Lebenswelten und -gewohnheiten kennen. Toleranz und Offenheit spielen dabei eine zentrale Rolle.

  • Lehrer

    Dabei wird die Gruppe auch immer wieder von Lehrern des JvFG unentgeltlich unterstützt, die sich als Aufsichten bei Sportveranstaltungen zur Verfügung stellen oder mit ihnen Musik machen.

  • Dialekt

    Trotz mancher Schwierigkeit überraschten die Asylsuchenden immer wieder mit guten Deutschkenntnissen und sorgten auch immer für Spaß, vor allem wenn es um den bairischen Dialekt ging.

Was bedeutet Familie für dich?

Elias: Familie ist für mich sehr wichtig. Man kann ihr vertrauen und sich auf sie verlassen. Wenn ich ein Problem habe, kann ich stets zu ihnen kommen, denn sie sind immer da.

Finan: Auch für mich ist Familie sehr wichtig. Leider sind alle meine Verwandten in Eritrea.

Shahwali: Für mich ist Familie alles. Sie unterstützt mich immer, ich bin ihr sehr dankbar dafür. Leider sind meine Familienmitglieder nicht in Deutschland, sie sind noch auf der Flucht in Pakistan.

Wie stehst du anderen Kulturen, Bräuchen und Sitten gegenüber?

Laura: Ich bin offen für alles. Ich wünsche mir ja auch, dass meine Kultur respektiert wird. Deshalb sollte man andere nicht abweisen.

Shahwali: Ich akzeptiere andere Bräuche oder Sitten und bin neugierig auf diese. Hier in Deutschland ist ja auch eine andere Kultur als in meiner Heimat Pakistan. Das Familiensystem unterscheidet sich zum Beispiel sehr. Generell bin ich flexibel und ich kann mich anpassen, jedoch ist mir meine Kultur auch sehr wichtig.

„Ich bin offen für alles. Ich wünsche mir ja auch, dass meine Kultur respektiert wird. Deshalb sollte man andere nicht abweisen.“

Laura

Glaubst du an Gott, was bedeutet Religion für dich?

Elias: Ja, ich glaube, dass es Gott gibt, jedoch gehe ich nicht in die Kirche.

Finan: Auch ich glaube an Gott, ich bin orthodox. Jedoch gibt es hier in Cham keine orthodoxe Kirche.

Shahwali: Ja, ich bin gläubiger Muslim. Meistens bete ich zu Hause. Jedoch verpasse ich aufgrund der Schule manchmal die Gebetszeiten, das ist aber nicht sehr schlimm für mich.

Lesen Sie hier: Die Schülerinnen des Seminars haben drei Flüchtlinge zu ihrer Flucht und Ankunft in Deutschland befragt

Wie stehst du zu einem Kopftuch- oder Burkaverbot?

Laura: Ich befürworte zwar Religionsfreiheit, jedoch sollte man sich der Kultur eines Landes anpassen und in Deutschland ist es ja nicht üblich, dass man verschleiert ist. Zu Hause finde ich das in Ordnung – jeder kann machen, was er will und wofür er steht. Allerdings glaube ich, dass es durch ein Kopftuch Einschränkungen im Alltag gibt.

Shahwali: Ich denke auch, dass man sich anpassen sollte. Hier in Deutschland finde ich es nicht schlimm, wenn man als Muslima kein Kopftuch trägt. In Pakistan tragen alle Frauen ein Kopftuch, nur sehr wenige verzichten darauf. Dort ist das wichtig. Wenn man als Europäer nur zu Besuch ist, muss man nicht unbedingt verschleiert sein. Will man jedoch in einem muslimischen Land leben, sollte man sich anpassen, wie das auch hier von uns erwartet wird.

„Hier in Deutschland finde ich es nicht schlimm, wenn man als Muslima kein Kopftuch trägt.“

Shahwali

Interessierst du dich für Politik, und was hältst du von aktueller deutscher Politik?

Elias: Ich verfolge sie nicht aktiv, aber man bekommt das Wichtigste ja mit. Ich würde mir wünschen, dass sich die Politiker endlich mal einigen würden, etwa in der Flüchtlingspolitik.

Laura: Ich finde, es gibt zu wenig Kontrollen! Deutschland hat viel Geld zur Verfügung und nutzt es einfach nicht richtig. Wie zum Beispiel kann es sein, dass der Attentäter von Berlin sich mehrfach registrieren konnte? Gibt es da kein sicheres System, wie beim Fingerabdruck? Wenn man richtig mit den Daten umgehen würde, hätten vielleicht Anschläge verhindert werden können.

Shahwali: Ich interessiere mich eigentlich nicht für Politik, aber ich muss sie verfolgen, da meine Familie in Pakistan noch auf der Flucht ist und sich die Politik dort oft ändert.

Wo siehst du dich in zehn Jahren?

Laura: Ich hoffe, dass ich einen guten Beruf und eine Familie haben werde. Gerne würde ich dann in München oder auch im Ausland leben.

Shahwali: Da ich noch keine Genehmigung habe, ist meine Zukunft ungewiss. Ich weiß nicht, wann ich erfahre, ob ich bleiben darf, hoffe aber natürlich, dass ich eine Erlaubnis bekomme. In zehn Jahren würde ich gerne noch in Deutschland leben.

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