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Zurück in einem Leben in Armut

Mit der Reise nach Albanien lösten Lisa und Stephan Deutsch ein Versprechen ein, dass sie den Ymeris bei der Ausreise gaben.
Von Petra Schoplocher

Lisa Deutsch im Kreise der Ymeris: Perparim und Fize (Dritter und Vierte von links) lebten mit ihren Söhnen Andy (rechts) und Tahir gut 13 Monate in Waldmünchen.
Lisa Deutsch im Kreise der Ymeris: Perparim und Fize (Dritter und Vierte von links) lebten mit ihren Söhnen Andy (rechts) und Tahir gut 13 Monate in Waldmünchen. Foto: Deutsch

Waldmünchen.Diesen Moment wird Lisa Deutsch nie vergessen: „Ihr seid gekommen!“, ruft Fize Ymeri begeistert über den Hof, während ihr Mann sich stiller freut über den Besuch aus Deutschland, der in so vieler Hinsicht außergewöhnlich ist.

Für das albanische Ehepaar, das 13 Monate mit seinen Söhnen Andy und Tahir so sehr gehofft hatte, in Deutschland Asyl zu bekommen, vor allem aus einem Grund. Sie sind Roma („Schwarze“) und werden in ihrer Heimat diskriminiert. Dass „Weiße“ (als solche gelten die Besucher) ihr Haus betreten, ist eine Ehre.

Waldmünchen ist überall! Jetzt auch in Albanien.
Waldmünchen ist überall! Jetzt auch in Albanien. Foto: Deutsch

Mit der Reise nach Albanien lösten Lisa und Stephan Deutsch zugleich ein Versprechen ein, dass sie den Ymeris, vier anderen Familien und Dennis Ahmeti bei deren Ausreise gaben: „Wir kommen Euch besuchen!“ Mit dem Ende des Aufenthalts in Waldmünchen ist das Engagement des Helferkreises noch lange nicht vorbei.

Stundenlang gewartet

Alle paar Tage hat einer der beiden Herzogauer eine Sprachnachricht von Andy auf dem Smartphone, auch die anderen melde(te)n sich regelmäßig. Als feststand, dass sich die Deutschs auf den Weg machen werden, nahmen Frequenz und Intensität zu. Lisa und Stephan Deutsch haben viel gesehen und erlebt, doch die Momente des Wiedersehens, sowohl mit Dennis, der stundenlang auf dem Parkplatz eines Einkaufszentrums ausgeharrt hatte, als auch das mit den Ymeris, waren die bewegendsten Momente, sagen sie.

Familie Deutsch in Albanien

  • Die Anreise

    Mit einem VW-Bus und ihrem Hund Benno brachen Lisa und Dr. Stephan Deutsch Richtung Albanien auf. Erstes Ziel war die Stadt Shkoder, in der Denis mit seiner Familie lebt. In einem Vorort wohnt Familie Hysai, die ebenfalls kurz in Beckenhöhle untergekommen war.

  • Die Hauptstadt

    In Tirana verbrachten die Gäste einen Tag mit Alma Muca und den Söhnen Marino und Bernardo. Die Romasiedlung: Am Stadtrand von Fier haben Fize und Perparim Ymeri mit den Söhnen Andi und Tahir im Haus von Verwandten eine Bleibe gefunden.

  • Die Urlaubsregion

    Nach drei Tagen in der Romasiedlung geht es über Berat, eine lebendige Bergstadt, nach Durres, der zweitgrößten Stadt Albaniens an der Küste. Dort machen sich dank Strandpromenade und malerischen Buchten Urlaubsgefühle breit.

  • Die Hilfe

    Wer helfen kann und möchte, einen Grundstock für ein eigenes Zuhause der Ymeris zu legen, kann unter dem Kennwort „Hausbau Fam. Ymeri“ auf das Konto des Vereins Flüchtlingshilfe Waldmünchen (DE58 7426 1024 0001 4083 56) einen Betrag einzahlen. (ps)

Begleitet hat sie aber auch der dauernde Zwiespalt zwischen Reichtum (erkennbar an Häusern, Geschäften und teuren Autos) und Moderne und der bitteren Armut und Perspektivlosigkeit. In letzterer steckt vor allem Dennis‘ Familie. Der Vater schwer krank, medizinische Hilfe unbezahlbar, der Sohn in der Verantwortung.

„Ich muss bringen Geld“, sagt er frustriert und träumt davon, die Ausbildung, die er in Waldmünchen schon in Aussicht hatte, eines Tages doch noch beginnen zu können. Doch dafür bräuchte er „wohl viel Glück“, meint Lisa Deutsch, die die Gemütslage der Familie so beschreibt: „Sie sind enttäuscht, haben sich aber abgefunden“. Und würden um ein besseres Leben in Albanien kämpfen.

„Sie sind enttäuscht, haben sich aber abgefunden“.

Lisa Deutsch

Doch dafür braucht es Geld, denn das Haus, in dem sie untergekommen sind, gehört Perparims Cousin. Sollte er es brauchen, reicht der Platz mit zwei Zimmern und einer Kochecke nicht. Es gibt kein fließend Wasser, keine Toilette und keinen Schutz gegen Kälte. Bei Temperaturen um den Gefrierpunkt, die durchaus nicht selten vorkommen, bleibt nichts, als im Bett zu bleiben. „Wir wollten ihnen schon einen Ofen kaufen“, sagt Dr. Deutsch. Der Haken: Es gibt nirgends Holz.

Überleben - irgendwie. Und Geld verdienen, etwa durch Dosen sammeln. Das Bild schickte Andy Ymeri.
Überleben - irgendwie. Und Geld verdienen, etwa durch Dosen sammeln. Das Bild schickte Andy Ymeri.

Die männlichen Ymeris – an Schule ist für den 15-jährigen Tahir nicht zu denken – versuchen sich mit dem Sammeln von Metall finanziell über Wasser zu halten. Derzeit sind die Preise jedoch so schlecht, dass sie ihre Habe erst mal horden – und hoffen.

Fizes schlichte Küche
Fizes schlichte Küche Foto: Deutsch

Obwohl sie wenig haben, bereiten sie den Besuchern – wie alle anderen Gastgeber auch – ein festliches Mahl und schlachten sogar eines der zwei kleinen Schweine. Neben der Gastfreundschaft, die das Ehepaar „ausnahmslos überall“ erfahren hat, fiel die Sauberkeit auf. „Es war blitzblank!“, meint Lisa Deutsch anerkennend. Hochachtung hat sie auch vor der Disziplin von Fize und ihren Söhnen, die eifrig Deutsch üben. „Ich soll ein neues Lehrbuch schicken“, erzählt sie.

Wie Olmir, dessen Eltern und Schwester die Deutschs in Shkoder getroffen haben, erzählt Sohn Tahir gerne von der Schule in Deutschland. In Albanien muss er arbeiten, sprich Müll sammeln, oder sich – wie Vater und Bruder – irgendwo im Hinterland in Kolonnen verdingen.

Lesen Sie hier: Die Ausreise der Familie Ymeri

Andauernde Zerrissenheit

Ein Ausflug war auch für die Ymeris etwas Besonderes.
Ein Ausflug war auch für die Ymeris etwas Besonderes. Foto: Deutsch

In Momenten wie diesen liegen Hoffnungen und Perspektivlosigkeit, Arm und Reich, die Erinnerungen an Deutschland und das neue, alte Leben eng beisammen. Immer wieder aber gibt es erfrischende Gespräche, wie Tahirs Frage nach dem „Theater mit Pferd“. „Ja, natürlich, das Trenckspiel ist jeden Sommer!“

„So schwer, Lisa, so schwer“, sagt auch die Mutter von Olmir und der kleinen Arlinda, die in Regensburg geboren wurde, über ihr Leben, weil der Mann keine Arbeit findet. Allerdings ist er Albaner, die Chancen stehen somit erheblich besser als für Roma, für die es einfach „unfassbar schwer“ ist. Auch bei Familie Hysai wird das Ehepaar fürstlich bewirtet, alle anderen schauen zu, sogar Kinder. Bei der Abfahrt verteilen die deutschen Gäste Bonbons. Mehr als einen zu nehmen, hat sich keiner getraut, erzählen sie nachdenklich.

Lesen Sie hier: Beim Abschied in Waldmünchen flossen die Tränen

Egal, wo Dr. Stephan und Lisa Deutsch hinkamen: Das Halle war groß. Insgesamt besuchten die Herzogauer vier Familien.
Egal, wo Dr. Stephan und Lisa Deutsch hinkamen: Das Halle war groß. Insgesamt besuchten die Herzogauer vier Familien. Foto: Deutsch

Lisa und Dr. Stephan Deutsch haben keinen Zweifel, dass Albanien ein „sicheres Herkunftsland ist“. Allerdings sei es hart, dass Menschen wie die Ymeris, die bereits integriert waren und ihr Leben in Deutschland ohne fremde Hilfe gemeistert hätten, chancenlos seien. „Das tut weh und ist unfair“, sagt sie, zumal die totale Benachteiligung der Roma in Albanien offenkundig ist. „Aber man sieht, wie reich wir hier wirklich sind“, ergänzt ihr Mann.

Elend und Herzlichkeit

Die Armut sitzt oft am Wegesrand. Alte Frauen mit zwei Tomaten und drei Granatäpfeln oder Männer, die eine Flasche Olivenöl verkaufen wollen. Menschen, die im Müll nach Lebensmitteln suchen. Die Armut haben Dr. Stephan und Lisa Deutsch aber auch in den Familien gesehen, die ihr Glück in Deutschland versucht haben und deren Asylantrag aussichtslos war.

Eindrücke wie aus dem Urlaubskatalog. Die Strände im Süden Albaniens sind traumhaft, es gibt Hotels und nur wenige Touristen.
Eindrücke wie aus dem Urlaubskatalog. Die Strände im Süden Albaniens sind traumhaft, es gibt Hotels und nur wenige Touristen. Foto: Deutsch

Vier von ihnen hat das Ehepaar besucht und vor allem eines erfahren: Gastfreundschaft und Dankbarkeit für die Zeit in Deutschland. Doch Albanien hat auch ein anderes Gesicht: Moderne Hotels und schicke Einkaufsstraßen in Tirana, malerische Bergdörfer und traumhafte Strände. Einen Urlaub können Deutschs nur empfehlen. Es gibt viel zu entdecken. Nebenbei helfe der Tourismus dem Land, weiter zu kommen.

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