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Ein mühsamer Weg – und ein lohnender

Junge Migranten in Deutschland und ihre Betreuer stehen vor vielen Hürden. Wie man sie bewältigt, war Thema im BBW Abensberg.
Von Martina Hutzler

Drei, die als „unbegleitete Minderjährige“ nach Abensberg kamen und jetzt zwischen Hoffnung und Unsicherheit stecken: (v.li.) Afzaal und Javid, zwei Pakistani, und der Syrer Mohammad
Drei, die als „unbegleitete Minderjährige“ nach Abensberg kamen und jetzt zwischen Hoffnung und Unsicherheit stecken: (v.li.) Afzaal und Javid, zwei Pakistani, und der Syrer Mohammad Foto: Hutzler

Abensberg.Nach Deutschland zu flüchten, ist das eine – hier anzukommen, ist das andere. Dieses andere, die Integration, wird jetzt wichtig, wo sich Notunterkünfte leeren und Deutschland vom Krisen- in den Normalmodus zurückschaltet. Wie junge Menschen nach ihrer Flucht in Ausbildung und Arbeit ankommen, was sie hindert und was ihnen hilft, war Thema einer Fachtagung im Berufsbildungswerk (BBW) St. Franziskus in Abensberg. Eine Erkenntnis teilten die Referenten und die rund 300 Teilnehmer aus ganz Bayern: Die Arbeit mit „unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen“ (uM) ist kaum vergleichbar mit sonstiger Jugendhilfe, wie sie auch die Katholische Jugendfürsorge (KJF) im BBW anbietet.

Die Erkenntnis vor Ort:

Immer maximal flexibel bleiben

Über Alltagstrott in der Arbeit kann sich zum Beispiel Johanna Anthofer nicht beklagen: Spontan und flexibel sein gehört zur Berufsbeschreibung der Sozialpädagogin, die am BBW den uM-Bereich leitet. Denn wie viele Jugendliche aus welchen Ländern wann bei ihr vor der Tür stehen, ist seit 2015, als immer mehr Minderjährige alleine hier ankamen, nicht vorhersehbar. Viele waren es bislang; bis Ende Februar ’16 rund 10 700 in Bayern. Den meisten ist eines gemeinsam, schildert Johanna Anthofer: Einerseits sind sie, die sich monatelang alleine durchschlugen, sehr unabhängig und erst mal wenig begeistert, wenn sie im BBW dann Küchendienst schieben oder ab 22 Uhr Zimmerruhe einhalten sollen. Andererseits sind sie, im fremden Land mit fremder Sprache und Kultur, anfangs hilflos; viele sind auch traumatisiert von Erlebnissen in der Heimat und unterwegs.

Johanna Anthofer leitet die Abteilung für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge am BBW Abensberg.
Johanna Anthofer leitet die Abteilung für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge am BBW Abensberg. Foto: Hutzler

„Die Jugendliche brauchen also tatsächlich ganz dringend Hilfe und Unterstützung“, bekräftigt die Sozialpädagogin: der eine eine engmaschige Betreuung; beim anderen tut’s eine betreute Wohngruppe oder eine Erziehungsbeistandschaft. MdL Martin Neumeyer, der Integrationsbeauftragte der Staatsregierung, warnt davor, die jungen Menschen „zu sehr zu betüteln: Wir müssen sehen, dass wir sie in Lebens- und Arbeitsverantwortung bringen“. Dafür biete ihnen das BBW die allerbesten Chancen, weil sie die Jugendlichen an der Gesellschaft wirklich teilhaben lasse.

„Am schönsten ist, wie alle Mitarbeiter immer wieder sagen: Wir schaffen das – irgendwie. Johanna

Anthofer, BBW-Abteilungsleiterin

„Die Strukturen zu überdenken“, empfiehlt indes auch Klaus Beier von der Agentur für Arbeit den BBWs. „Lieber für die unter 18-Jährigen etwas weniger Unterstützung anbieten, aber dafür nicht ab 18 die Unterstützung komplett einstellen“, rät der Vize-Vorsitzende der Regionaldirektion Bayern. Denn ein abruptes Aus gefährde die Integration und insbesondere den Erfolg einer Ausbildung. Bei 18- bis 21-Jährigen haben die Behörden Ermessensspielraum. „,Unsere’ Jugendämter prüfen zwar sehr genau und individuell. Aber in den meisten Fällen gewähren sie auch nach dem 18. Geburtstag weiterhin Unterstützung“ so die Erfahrung von Abteilungsleiterin Anthofer im Kreis Kelheim und den Nachbarlandkreisen.

Dass Fluchtwellen „sprunghaft und chaotisch“ verlaufen, macht professionellen Helfern das Planen schwer. Als ab Anfang 2015 die uM-Zahlen nach oben schnellten, hat die KJF im Eiltempo Strukturen aufgebaut, um die Jugendlichen altersgerecht betreuen zu können; in Abensberg haben seither insgesamt 72 Unterschlupf gefunden. Seit kurzem greift nun die bundesweite Verteilung der „uM“ – zum Glück für Bayern, wie Dr. Markus Gruber vom Sozialministerium schilderte. Das und sinkende Flüchtlingszahlen haben indes zur Folge, dass Einrichtungen wie die BBWAuffangstelle in Landshut nun fast leerstehen – für eine Einrichtung, die auch wirtschaftlichen Kriterien unterworfen ist, keine einfache Situation, wie BBW-Gesamtleiter Walter Krug durchblicken ließ.

Was die Jugendlichen erleben: Hilfe und Ungewissheit

Erst Deutsch lernen, dann einen Beruf: Das ist der Plan von Afzaal, Javid und Mohammad. Der Reporterin können sie das schon auf Deutsch schildern. Afzaal (17) aus Pakistan wird, nach zwei Jahren im BBW, Azubi bei der Firma Kirson in Neustadt. Sein Landsmann Javid (17) hat nach einem Jahr am BBW und mehreren Praktika auch einen Plan: Er absolviert am BBW eine Ausbildung im Metallbereich. Der 19-jährige Syrer Mohammad wird am „Bayern-Turbo“ teilnehmen: Das Programm von Arbeitsagentur und dem Verband der Bayerischen Wirtschaft bereitet in einem Jahr sprachlich und inhaltlich auf den Start in eine Ausbildung vor.

Drei, die als „unbegleitete Minderjährige“ nach Abensberg kamen und jetzt zwischen Hoffnung und Unsicherheit stecken: (v.li.) Afzaal und Javid, zwei Pakistani, und der Syrer Mohammad
Drei, die als „unbegleitete Minderjährige“ nach Abensberg kamen und jetzt zwischen Hoffnung und Unsicherheit stecken: (v.li.) Afzaal und Javid, zwei Pakistani, und der Syrer Mohammad Foto: Hutzler

Bei den dreien läuft das Asylverfahren noch, erzählt Afzaal: „Nach der Schule und Ausbildung haben wir keine Ahnung, was passiert“. Ja, für Arbeitgeber sei die Unsicherheit, ob der aufwendig ausgebildete Lehrling später bleiben und weiterarbeiten darf, schon ein Problem, bestätigt er. Die unklare Perspektive ab der Volljährigkeit gefährdet nach Ansicht von BBW-Leiter Walter Krug all das, was in die noch Minderjährigen an Betreuung und Hilfe gesteckt wird.

Der Fachanwalt beklagt

ein Zuviel an Juristerei

Kern des Problems ist für den Münchner Rechtsanwalt Hubert Heinhold, dass „die aufenthaltsrechtliche Situation selbst bei Minderjährigen an erster Stelle steht“, nicht der Mensch. Besser wäre es, Minderjährige allein nach der UN-Kinderrechtskonvention und dem Bundes-Jugendhilferecht zu behandeln, fordert Heinhold.

Minderjährige Flüchtlinge sollten primär als Kinder und Jugendliche behandelt werden und nicht nach Ausländerrecht, mahnte der Münchner Anwalt Hubert Heinhold.
Minderjährige Flüchtlinge sollten primär als Kinder und Jugendliche behandelt werden und nicht nach Ausländerrecht, mahnte der Münchner Anwalt Hubert Heinhold. Foto: Hutzler

Der Ausländerrechts-Experte weiß aus seiner Kanzlei, dass die jungen Leute oft im Dilemma stecken: Asyl beantragen und womöglich jahrelang auf eine Entscheidung warten, oder auf dem unsicheren Weg der Duldung hier Fuß fassen? Sich mit einer – für einen Flüchtling schwer finanzierbaren – Ausbildung die Basis für ein Leben in Deutschland schaffen? Oder schnell einen Job suchen, weil die Familie auf Unterstützung hofft? Es sei nicht fair, Kinder und Jugendliche in solche Zwickmühlen zu bringen, kritisiert Heinhold.

Der Mutmacher rät: Im Kleinen die „große“ Politik verändern

Für Dr. Heribert Prantl sind die „uM“ schlichterdings „junge Botschafter des Elends“ – und sie gut aufzunehmen, sei daher „ein Beitrag gegen das Elend“, befindet Prantl, Jura-Professor und Chefredaktions-Mitglied bei der „Süddeutschen Zeitung“. Was von Amts wegen sperrig als „Inobhutnahme“ daherkommt, „ist ein Akt der qualifizierten Empörung gegen himmelschreiende Not und Ungerechtigkeit“, lobt Prantl, den KJF-Direktor Michael Eibl zu Tagungsbeginn um einen „Mutmacher-Vortrag“ gebeten hatte.

„Gebt jungen Menschen eine Perspektive“, forderte Dr. Heribert Prantl in seinem Vortrag zum Auftakt der Tagung.
„Gebt jungen Menschen eine Perspektive“, forderte Dr. Heribert Prantl in seinem Vortrag zum Auftakt der Tagung. Foto: Hutzler

Nach Prantls Einschätzung wird hierzulande zu viel auf Pegida und Konsorten, die „Repräsentanten der Un-Zivilgesellschaft“, geschaut. Weit mehr Beachtung verdient hätten die vielen, „die Willkommenskultur praktizieren“. Wie zum Beispiel am BBW, das „eine Chancen-Zuteilungsanlage und ein Schicksalskorrektorat“ sei. Die Arbeit hier sei „Mikropolitik“, mit der sich die „große“ Politik hin zu mehr Menschlichkeit verändern lasse. Und es stehe auch dem Staat, dem Sozialstaat, gut zu Gesicht, denjenigen zu helfen, bei denen das Schicksal mit der Zuteilung von guten Gaben und Chancen geknausert hat. „Nicht nur aus Barmherzigkeit. Sondern weil es gefährlich ist für ein Gemeinwesen, Menschen am Rand stehen zu lassen, und weil es ökonomisch unsinnig und dumm ist, Talente nicht zu fördern, nur weil sie im falschen Land, in der falschen Familie, in der falschen Umgebung oder in prekären Verhältnissen geboren sind.“

„Wenn man die Wunder der Gegenwart sucht – in der Flüchtlingsarbeit findet man sie.“

Dr. Heribert Prantl, Jurist und Journalist

Auch wenn die Dimension von 60 Millionen Flüchtenden weltweit mutlos machen könnte – Angela Merkels „Wir schaffen das“ sei ein durchaus gutes Motto, befindet Prantl: Für die Deutschen, die sich vor der Herausforderung nicht wegducken und sich mit einer heterogenen Gesellschaft anfreunden. Und für die jungen Migranten, die hier nicht nur einen Beruf lernen, sondern im Idealfall „die Werte, für die dieses Land steht: die Gleichstellung der Geschlechter, die Religionsfreiheit, die Religionstoleranz und die Achtung von Minderheiten“.

Mehr zum Thema Flucht und Asyl in Kelheim lesen Sie hier.

Multikulti am Teller

  • Nachfrage Dass „unbegleitete minderjährige Flüchtlinge“ (uM) im BBW leben, wirkt sich auch in den Küchen der Einrichtung aus, schildert Ausbilder Christian Gibis. In der Großküche, die fürs gesamte BBW kocht, sind die benötigten Mengen an „muslimischen“ Essen – ohne Schweinefleisch – gestiegen, von früher 40 auf rund 180 Portionen.

  • Inspiration

    Voriges Jahr startete das Projekt „Kulinarische Integration“ – Kochen mit und für uM. Die steuerten Rezepte bei – die Zutatenliste mussten Gibis und seine Kollegen anfangs erst mal googeln. Aber seither haben es Gerichte wie Tabouleh, ein Salat mit Getreidegrieß, oder der Brot-Salat „Fatoush“ auch auf die reguläre Speisekarte im BBW-Restaurant geschafft. (hu)

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