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Hürdenreicher Weg vom Ausland in den Job

Fachkräfte sind gesucht. Doch Migranten wie Hussam T., der in Kelheim als Krankenpfleger arbeiten will, haben Probleme.
Von Martina Hutzler und Mohamed Khalil

Um als Krankenpfleger arbeiten zu dürfen, braucht Hussam T. als erstes gute Deutschkenntnisse. Dafür büffelt der junge Syrer derzeit bei der Kelheimer Vhs-Weiterbildungsakademie.
Um als Krankenpfleger arbeiten zu dürfen, braucht Hussam T. als erstes gute Deutschkenntnisse. Dafür büffelt der junge Syrer derzeit bei der Kelheimer Vhs-Weiterbildungsakademie. Foto: Mohammed Khalil

Kelheim.Hussam T., 24 Jahre alt, ist vor fast anderthalb Jahren aus Syrien nach Deutschland geflüchtet. In seiner Heimat hat er als Krankenpfleger gearbeitet, schildert er – das würde er am liebsten auch hier in Kelheim wieder tun. Ob und wie das geht? Das haben wir nachgefragt.

Denn das fragen sich viele Menschen mit außereuropäischen Berufsabschlüssen, die bei uns einen Job suchen. Auskunft gibt die Bundesregierung auf „www.anerkennung-in-deutschland.de“: Dort lässt sich checken, für welchen Beruf unter welchen Voraussetzungen ein ausländischer Abschluss in Deutschland anerkannt wird. Für Antragsteller mit dem Beruf „Gesundheits-/Krankenpfleger/in“ gilt: Sie müssen die „Gleichwertigkeit“ ihres Abschlusses zu dem in Deutschland nachweisen können. Und: Deutsch-Kenntnisse sind notwendig, „in der Regel (…) mindestens das Sprachniveau B2“, verrät der „Anerkennungs-Finder“.

Um als Krankenpfleger arbeiten zu dürfen, braucht Hussam T. als erstes gute Deutschkenntnisse. Dafür büffelt der junge Syrer derzeit bei der Kelheimer Vhs-Weiterbildungsakademie.
Um als Krankenpfleger arbeiten zu dürfen, braucht Hussam T. als erstes gute Deutschkenntnisse. Dafür büffelt der junge Syrer derzeit bei der Kelheimer Vhs-Weiterbildungsakademie. Foto: Mohammed Khalil

Hussam T. besucht gerade den verpflichtenden Integrationskurs und peilt im Sprachteil das B1-Niveau an. Medizinische Fachbegriffe kennt er noch nicht. In Syrien mussten Ärzte und Krankenpfleger ihr Studium bzw. ihre Ausbildung auf Arabisch absolvieren, während in anderen arabischen Ländern auch auf Englisch gelehrt wird, schildert Hussam. Das sei ihm wie „ein Mittel der Diktatur“ vorgekommen, um Absolventen von der Flucht ins englischsprachige Ausland abzuhalten. Egal – jetzt kommt er beruflich eh nur mit Deutsch weiter.

Ausbildung und Berufspraxis zählen

Neben der Sprachkenntnis ist für die Anerkennung auch entscheidend, dass die Ausbildungsinhalte hier wie dort vergleichbar sind. Falls es „wesentliche Unterschiede“ gibt, könne ein Antragsteller dies eventuell mit Berufserfahrung teils wettmachen, erklärt Andreas Bärnreuther vom „MigraNet – IQ Landesnetzwerk Bayern“ (www.migranet.org). Es berät Leute wie Hussam, wie sie beruflich Fuß fassen können.

Vom Abschluss zur Anerkennung

  • Basis

    Seit 2012 gilt das „Bundesgesetz zur Feststellung der Gleichwertigkeit ausländischer Berufsabschlüsse“ („Anerkennungsgesetz“). Es enthält den Rechtsanspruch auf und Verfahrensregeln für die formale Anerkennung ausländischer Berufsqualifikationen.

  • Netzwerk

    Seit 2005 gibt es für Menschen mit Migrationshintergrund das Bundes-Förderprogramm „Integration durch Qualifizierung (IQ)“. Hierzu gehört das IQ-Landesnetzwerk „MigraNet“ (www.migranet.org): Es betreut in Bayern über 50 Projekte zur beruflichen Integration von Migranten.

  • Prinzip

    An drei Kriterien wird die „Gleichwertigkeit“ eines ausländischen Berufsabschlusses beurteilt: Sind die Ausbildungsschwerpunkte mit denen hierzulande vergleichbar? Welche Berufserfahrung hat ein Antragsteller? Und welche (Fach-)Sprachkenntnisse?

  • Rat

    Andreas Bärnreuther von MigraNet rät Migranten, sich ihren Berufsabschluss wenn möglich anerkennen zu lassen. Sonst drohe ihnen im Job oft die „Migranten-Falle“: Der Arbeitgeber setze sie als Fachkräfte ein, zahle sie aber nicht als solche, mangels gültigem Abschluss. (hu)

Der junge Syrer schildert, er habe an einem Institut in Syrien zwei Jahre als Krankenpfleger gelernt. „Dann habe ich in einem Krankenhaus in Damaskus drei Monate gearbeitet“, weitere je drei Monate an anderen Kliniken folgten. Danach, erzählt er, machten die Wirren des Bürgerkriegs ein Weiterarbeiten unmöglich: Truppen des Regimes und von ausländischen Milizen bekämpften sich; „es war schwierig, den Kriegsopfern zu helfen“: Half man einem Verletzten von der „falschen“ Front, setzte es Vorwürfe. Hussam selbst drohte überdies eine mehrjährige Militärpflicht, inklusive Kriegseinsatz. Er floh. In Deutschland ist sein Asylantrag mit einer Aufenthaltserlaubnis für drei Jahre beschieden worden.

In Syrien herrscht seit Jahren Bürgerkrieg, mit unübersichtlichen Fronten. Vor knapp einem Jahr ist Hussam T. dem drohenden Militärdienst und Fronteinsatz entflohen.
In Syrien herrscht seit Jahren Bürgerkrieg, mit unübersichtlichen Fronten. Vor knapp einem Jahr ist Hussam T. dem drohenden Militärdienst und Fronteinsatz entflohen. Foto: dpa

„Die Anerkennung eines Berufsabschlusses kann man zwar unabhängig vom Aufenthaltsstatus beantragen“, erklärt Andreas Bärnreuther von MigraNet. Aber weil das Prozedere Geld kostet, sei es nur sinnvoll, wenn man in Deutschland tatsächlich arbeiten will – und darf. Eine Arbeitserlaubnis erhalte man nur mit einer relativ hohen Bleibeperspektive, so Bärnreuther. Bei Flüchtlingen aus dem syrischen Kriegsgebiet sei die in der Regel gegeben. Hussam hat dafür ein anderes Problem:

Der 24-Jährige ist heimlich nach Deutschland geflüchtet: Offiziell reiste er damals nur in den Libanon, erzählt er. „Die libanesischen Milizen sind pro Assad“, deshalb gab es für so eine Reise kein Problem mit dem syrischen Regime. Was Hussam nicht mitnahm: Unterlagen, Zeugnisse von seiner Berufsausbildung. Zwar leben seine Mutter und Geschwister noch in seiner Heimatstadt nahe der libanesischen Grenze. Aber sie könnten ihm die fehlenden Unterlagen nicht besorgen und nach Deutschland schicken: Schließlich gilt er in seiner Heimat ja als in den Libanon umgezogen. Und nun?

Ohne Zeugnisse keine Anerkennung

„Die Anerkennung eines ausländischen Ausbildungsabschlusses in der Gesundheits- und Krankenpflege ohne Vorlage von Diplomen, Zeugnissen etc. ist nicht möglich“, teilt auf unsere Anfrage die Regierung von Niederbayern mit, die für das Berufs-Anerkennungsverfahren zuständig und derzeit mit 35 Fällen des Berufsbildes Krankenpflege befasst ist. Notfalls müsse ein Antragsteller versuchen, „amtliche Zweitschriften (…) aus dem Herkunfts-/Ausbildungsstaat beizubringen“. Dass freilich syrische Behörden einem Mann, der dem Staat entflohen ist, seine Zeugnisse hinterherschicken, darf man bezweifeln.

Für solche Fälle gibt es bei dualen Ausbildungsberufen mittlerweile die „Qualifikationsanalyse“: Betroffene weisen Berufskompetenz ersatzweise mittels Arbeitsproben, Fachgesprächen, -präsentationen etc. nach. Das Krankenpflege-Gesetz lässt dies allerdings nicht zu. Pflegekräfte ohne Zeugnisse haben zwei Optionen: Eine Kenntnisprüfung ablegen, die der hiesigen staatlichen Abschlussprüfung entspricht. Oder einen bis zu dreijährigen Anpassungslehrgang absolvieren, mit Abschlussprüfung.

Andreas Bärnreuther, MigraNet
Andreas Bärnreuther, MigraNet

„Ohne volle Anerkennung ihres Berufsabschlusses laufen Migranten Gefahr, dass sie für gleiche Arbeit wie hiesige Absolventen schlechter bezahlt werden.“

Andreas Bärnreuther, MigraNet

Hierfür gibt es erste Projekte: Die „Akademie für Bildung und Karriere“ des Hamburger Uniklinikums etwa bietet sechsmonatige „Anpassungsqualifizierungen für Gesundheitsberufe“. Auch in Bayern laufen Projekte an. Hussam T. freilich fragt sich, ob er sich die Nachqualifizierung finanziell überhaupt leisten kann. Auch diese Sorgen kennt man bei MigraNet. Es gebe aber, wie bei anderen beruflichen Maßnahmen auch, Fördermöglichkeiten, etwa durch das Jobcenter, so Andreas Bärnreuther.

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