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Kelheim: Es knirscht hinter den Kulissen

In der Asylberatung müssen sich neue Partner zusammenraufen. Die Caritas muss eine Stelle streichen. Die AWO steigt neu ein.
Von Beate Weigert

In der Asylsozialberatung verändert sich gerade einiges. Doch der Landkreis will sich deswegen aber nicht den „Schwarzen Peter“ zuschieben lassen.
In der Asylsozialberatung verändert sich gerade einiges. Doch der Landkreis will sich deswegen aber nicht den „Schwarzen Peter“ zuschieben lassen. Foto: Caritas Kelheim

Kelheim.Verwirrung herrscht derzeit bei vielen ehrenamtlichen Flüchtlingshelfern im Landkreis Kelheim. Die zweite Stelle in der Asylsozialberatung der Caritas ist in wenigen Tagen Geschichte. Genau gesagt ab 1. März. Lisa Vischer hatte diese nun genau ein Jahr inne. Zusammen mit dem Leiter der Asylsozialberatung Stefan Killian kümmerte sie sich 2016 um 661 Flüchtlinge bei 1450 Beratungsterminen. Kontakte insgesamt waren es laut Kreis-Geschäftsführer Hubert König noch mehr. Nämlich 1888. Denn: Manches lässt sich auf einmal klären.

Einer allein könne das in der „aufgebauten Qualität“ nicht fortführen. Die Streichung einer Beraterstelle bedeute, dass sich einiges ändern werde. Die Caritas ordnet ihr Beratungsangebot neu. So fallen ab März die Außensprechstunden in Bad Abbach, Langquaid, Mainburg, Neustadt und Siegenburg weg. Gleiches gilt für die Außensprechstunde in der Gemeinschaftsunterkunft in der Abensberger Straße in Kelheim. Die Sprechstunden in der Gemeinschaftsunterkunft in Riedenburg wird es laut König dagegen weiterhin geben.

Sozialzentrum und Großunterkünfte

Auch die veränderte Unterbringungspolitik von Asylbewerbern und der damit einhergehenden Auflösung dezentraler Unterkünfte spiele hier eine Rolle. Dipl.-Sozialpädagoge Killian wird künftig hauptsächlich am Caritas-Sozialzentrum in Kelheim beraten. Der Fokus liegt laut Hubert König auf den weit über 700 Plätzen in den beiden Gemeinschaftsunterkünften und dem Hotel Aukofer in Kelheim.

Ein weiteres Dilemma bleibt: Denn auch um Fragen, Sorgen und Nöte der ehrenamtlichen Flüchtlingshelfer im Landkreis kümmerten sich bislang die beiden Asylsozialberater. Die Helfer wolle man künftig nicht allein lassen, betont König. Killian werde weiterhin zu Austauschtreffen einladen, Fragen beantworten.

Caritas-Asylsozialberater Stefan Killian
Caritas-Asylsozialberater Stefan Killian Foto: Archiv/Weigert

Für die Flüchtlinge werde die neue Situation weitere Wege und weniger Zeit für Gespräche bedeuten. Sie müssen künftig wohl auch länger auf Termine warten und insgesamt wird Killian allein deutlich weniger Fälle betreuen können, schildert König.

Angedeutet hatte sich die Streichung der zweiten Stelle laut Caritas-Kreisgeschäftsführer bereits Ende November. Der Kreisausschuss hatte beschlossen, die Zuschüsse für die Asylsozialberatung von bis zu 20 000 Euro auf 8000 Euro pro Stelle zu kürzen.

Nichts kürzen, was Bürgern dient

Bereits 2013 als der Landkreis bei der Caritas anfragte, ob der Verband die Asylsozialberatung übernehmen könne, habe man klargestellt, dass dies bei der unzureichenden staatlichen Finanzierung ohne ausreichende Hilfe des Kreises nicht möglich sei, sagt König im Telefonat mit unserem Medienhaus. Mehr als zehn Prozent an Eigenmitteln konnte die Caritas nicht dafür bereitstellen. Denn deren Grundsatz lautet: „Die Flüchtlingsarbeit ist uns wichtig“, sagt König. „Aber nur so lange wir dafür keine anderen sozialen Dienste kürzen müssen, die der einheimischen Bevölkerung dienen.“

 Mehr als zehn Prozent an Eigenmitteln konnte die Caritas nicht bereitstellen. Denn deren Grundsatz lautet: „Die Flüchtlingsarbeit ist uns wichtig“, sagt König. „Aber nur so lange wir dafür keine anderen sozialen Dienste kürzen müssen, die der einheimischen Bevölkerung dienen.“
Mehr als zehn Prozent an Eigenmitteln konnte die Caritas nicht bereitstellen. Denn deren Grundsatz lautet: „Die Flüchtlingsarbeit ist uns wichtig“, sagt König. „Aber nur so lange wir dafür keine anderen sozialen Dienste kürzen müssen, die der einheimischen Bevölkerung dienen.“ Foto: Bernd Settnik/dpa

Bis vergangenen Donnerstag hoffte König, dass sich das Geld doch noch anderweitig – konkret über den Diözesanverband – organisieren ließe und die Streichung der zweiten Stelle abzuwenden sei. Dem war aber nicht so.

Das Positive an der Geschichte sei, dass die Caritas Lisa Vischer nach einem Jahr nicht ausstellen müsse. Es gebe die Möglichkeit, ihr eine andere Stelle anzubieten. Sie wird sich künftig um unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in Aiglsbach kümmern.

Kreis-Geschäftsführer Hubert König bedauert die Entscheidung des Landkreises sehr. Nachvollziehen kann er sie nicht. „In der jetzt anstehenden Phase der Integration von Flüchtlingen mit Bleibeperspektive ist dies das falsche Signal an alle, die sich hier engagieren.“ Insbesondere in Richtung der Ehrenamtlichen in den Helferkreisen. Deren Einsatz sei „ganz breit und anhaltend“, so König.

Landkreis: Begrenzung war bekannt

Den „Schwarzen Peter“ will man sich im Kelheimer Landratsamt nicht zuschieben lassen. „Mir ist das Thema sehr wichtig“, so die zuständige Abteilungsleiterin Monica Brandl. Die Hintergründe seien jedoch nicht so simpel, wie sie erschienen. Der Landkreis habe seinerseits 2013 darauf verwiesen, dass er die Zuschüsse nur für drei Jahre übernehmen würde. Denn die Finanzierung der Asylsozialberatung sei Aufgabe des Freistaats. Ergo müsse der dafür zahlen. Zwei Jahre lang habe der Landkreis auch jeweils 20 000 Euro zugeschossen, und dadurch zusätzlich Büroausstattung und Fahrtkosten bezahlt. Andere, wie der Nachbarlandkreis Regensburg, hätten noch nie Zuschüsse gegeben.

Gibt’s noch, gibt’s nicht mehr

  • Alle Ehrenamtlichen

    der Asylarbeit können sich auch künftig mit Fachfragen an Stefan Killian, den Leiter der Caritas-Asylsozialberatung wenden. Telefonisch unter 09441/50 07 57, persönlich oder per E-Mail an s.killian@caritas-kelheim.de. Dies gilt auch für alle Einrichtungen im Landkreis, die sich um Asylfragen kümmern. Auch der Asyl-Newsletter werde weiterhin über Rechtliches wie Praktisches informieren.

  • AWO:

    Seit 1. Januar 2017 bietet auch der Kreisverband der Arbeiter-Wohlfahrt (AWO) Asylsozialberatung an. Dr. Sigmund Neubauer hat die Stelle inne. Er wird künftig in Bad Abbach, Abensberg, Langquaid, Neustadt, Mainburg, Siegenburg, Saal und Kelheim Beratungen anbieten. Die jeweiligen Orte sind in Kürze in einem Flyer nachzulesen. In Abbach wird es im Rathaus sein, in Abensberg etwa in der Gemeinschaftsunterkunft.

  • BBW:

    Auch Johanna Anthofer, die beim Berufsbildungswerk St. Franziskus in Abensberg für die unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge zuständig ist, kennt das „Damoklesschwert“, das über allen in der Flüchtlingsarbeit tätigen Organisationen hängt. Auch beim BBW ist es derzeit ruhiger als etwa zur Hochphase in 2015. 44 Jugendliche und junge Volljährige werden aktuell im BBW betreut.

  • Clearing-Stelle:

    Anders sieht es bei der in Landshut geschaffenen Clearing-Stelle für Neuaufnahmen aus. „Die existiert so nicht mehr, weil es aktuell keine Neuankömmlinge gibt“, sagt Anthofer. Auch die zwei Wohngruppen wurden auf eine reduziert. Als große Einrichtung tue sich das BBW leichter Strukturen anderweitig zu nutzen. Doch bei den Jugendhilfe-Geldern merke man, dass die längst nicht mehr so hoch seien, wie noch 2015. (re)

Ohnehin habe sich die Lage verändert. Die Asylsozialberater seien nur für alle noch nicht anerkannten Flüchtlinge zuständig. Anschließend seien die Migrationsberater zuständig, die stelle im Landkreis das BRK. Waren im Januar 2016 etwa 1500 Flüchtlinge noch nicht anerkannt, waren es diesen Januar mit 500 deutlich weniger. Dass Vischers Stelle 2017 nicht mehr existieren würde, habe auch sie überrascht, sagt Brandl. Denn theoretisch errechnete der Freistaat einmal, dass ein Asylsozialberater für 150 Flüchtlinge zuständig sein solle. Bei 500 wäre mit drei Stellen dieser „angedachte, aber leider nie finanzierte Schlüssel“ vorhanden gewesen.

Der AWO-Asylsozialberater Dr. Sigmund Neubauer
Der AWO-Asylsozialberater Dr. Sigmund Neubauer Foto: Archiv/Schmidl

AWO: „Keine Gegenveranstaltung“

Seit 1. Januar bietet auch der Kreisverband der Arbeiter-Wohlfahrt (AWO) Asylsozialberatung an. Dr. Sigmund Neubauer hat die Stelle inne. AWO-Kreisgeschäftsführerin Sandra von Hösslin betont, dass das Angebot weder Ersatz noch „Gegenveranstaltung“ zur Caritas sei. Auch wenn dieser Eindruck bei manchem entstanden sei.

Die AWO habe sich im Zuge der entstehenden Gemeinschaftsunterkunft Saal 2016 um die Stelle beworben, sagt Brandl. Um die AWO gleichberechtigt zu behandeln, gewähre der Landkreis denselben Zuschuss. Besagte 8000 Euro. Im Gegensatz zur Caritas könne die AWO wohl anders finanzieren.

Wie Hubert König bedauert von Hösslin grundsätzlich die magere, staatliche Finanzierung. Eine gute Anfangsintegration und -beratung helfe später einiges an Kosten sparen, glauben beide.
Wie Hubert König bedauert von Hösslin grundsätzlich die magere, staatliche Finanzierung. Eine gute Anfangsintegration und -beratung helfe später einiges an Kosten sparen, glauben beide. Foto: Thilo Schmülgen/dpa

Wie Hubert König bedauert von Hösslin grundsätzlich die magere, staatliche Finanzierung. Eine gute Anfangsintegration und -beratung helfe später einiges an Kosten sparen, glaubt auch sie. Je besser jemand am Anfang unterstützt werde, desto einfacher sei es. Persönlich teilt auch Brandl diese Einschätzung. Doch der Landkreis sei nicht derjenige, der das alles finanzieren müsse. Der Freistaat arbeite hinter den Kulissen daran, dass künftig nicht mehr ständig Berater gewechselt werden müssten. Wann das in der Praxis spruchreif sei, wisse sie aber nicht.

„Dass Lisa Vischer nun wegfällt, ist bitter – weil die sich inzwischen halt auskennt“, sagt eine ehrenamtliche Helferin. Ähnlich sieht es der Sprecher des Siegenburger Helferkreises Otto Ettengruber. „Das ist sehr schade. Sie war eine große Unterstützung und hat sich sehr gut ausgekannt.“ Jeden Dienstagnachmittag war die Caritas-Mitarbeiterin dort zur Außensprechstunde. Sie war Anlaufstelle für die ganze Region. Auch die Trainer, Wildenberger oder Kirchdorfer Flüchtlinge kamen dorthin. Zur Spitzenzeit waren allein in Siegenburg 67 Flüchtlinge zu betreuen. Inzwischen sind es knapp 40, so Ettengruber. Er hat nun gehört, dass Dr. Neubauer künftig nach Siegenburg kommt. Bevor er sich aufrege, wolle er erst einmal sehen, wie sich dessen Angebot entwickelt.

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