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„Nicht die Welt retten, aber ein paar“

Manfred Neumann vom Berufsschulischen Zentrum in Kelheim spricht über Herkulesaufgabe(n) und ein neues Modellprojekt.
Von Beate Weigert

Am Berufsschulzentrum Kelheim kämpfen die Verantwortlichen an vielen Fronten. Doch für die Integration lohne sich der Einsatz, findet Manfred Neumann.
Am Berufsschulzentrum Kelheim kämpfen die Verantwortlichen an vielen Fronten. Doch für die Integration lohne sich der Einsatz, findet Manfred Neumann.Fotos: Hueber-Lutz/Archiv (1)/Hutzler/Archiv (1)/Weigert (1)

Kelheim.Seit April gibt es zwei zusätzliche Klassen am Berufsschulischen Zentrum (BSZ) in Kelheim. Über Drittmittel wurden sie möglich. In den neuen Sprachintensivierungsklassen geht es zunächst hauptsächlich ums Deutschlernen. Hinzu kommen einfaches Rechnen, Landeskunde, EDV; in interkulturellen Projekten auch Fahrradunterricht – so wie ihn die Viertklässler bekommen. Die neuen Klassen sind nur ein Beispiel, wie sich vieles am BSZ ständig verändert.

Aktuell besuchen insgesamt an die 100 junge Flüchtlinge das BSZ, im nächsten Jahr werden es 180 sein. Von insgesamt sechs steigt die Klassenzahl dann auf acht an den beiden Schulstandorten Kelheim und Mainburg. Der Koordinator der Flüchtlingsklassen, Manfred Neumann, kam im vergangenen Jahr aus wichtigen Gesprächen gar nicht mehr heraus. Aktuell finden er und seine Kollegen sich in einer Art „Verschnaufpause“. Wie sich der Zustrom entwickeln wird, ist unklar. Selbst wenn er längere Zeit abebben sollte, bleiben genug andere Baustellen, sagt Neumann im Gespräch mit unserer Zeitung.

Ein Platz für alle ist utopisch

Bis zum 16. Lebensjahr sind die Mittelschulen, vor allem die in Saal, mit „Übergangsklassen“ in der Pflicht, Flüchtlinge für den regulären Schulbesuch zu wappnen. Die Älteren fallen, bis zum 21. Lebensjahr, unter die Berufsschulpflicht. Eigentlich geht der „BAF-Bereich“ („berufsschulpflichtige Asylbewerber und Flüchtlinge“) sogar bis 25. Doch die 22- bis 25-Jährigen fallen ob der Masse raus. Es sei utopisch, für alle Berufsintegrationsklassen anzubieten, sagt Neumann.

In den vergangenen zweieinhalb Jahren hat sich vieles verändert. Schüler verschiedenster Länder werden im kommenden September – nach zwei Jahren Berufsintegrationsklasse – erstmals in die reguläre Berufsschule wechseln: Afrikaner, Araber und EU-Migranten. In den neuen Integrationsklassen dagegen finden sich – bedingt durch die Zuteilung an den Landkreis – fast nur noch Syrer, Iraker und Afghanen. Die Arbeit der Lehrer habe das nicht erleichtert, so Neumann. Er beobachtet frappierende Unterschiede.

Manfred Neumann
Manfred Neumann Foto: Weigert

Waren anfangs die Schüler unterschiedlichster Kulturen darauf angewiesen, schnell Deutsch zu lernen, um sich zu verständigen, läuft es nun schleppender. In Klassen mit weniger Nationen treten laut Neumann auch Ressentiments, die die Jugendlichen aus ihren Herkunftsländern mitbrächten stärker zutage. Da helfe nur eines: „Reden, reden, reden.“

Generell gibt es klare Regeln für den Schulbesuch. Im vergangenen Jahr flogen als letztes Mittel auch zwei Schüler, weil sie sich nicht daran hielten.

Die Afrikaner legten laut Neumann mehr Fleiß an den Tag. Bei manchem Syrer sei das Anspruchsdenken sehr groß. Viele sagten, sie wollten studieren. Doch das syrische Abitur entspreche deutschem Realschul-Niveau. Hinzu kämen die Sprachprobleme. Nach kurzer Zeit fielen viele in ein Loch, wenn sie merkten, dass sie „in unserer Gesellschaft ganz unten anfangen müssen“. Junge Frauen täten sich da leichter, den Neustart als Chance zu sehen. Doch in Klassen mit 20 Schülern finden sich höchstens drei Mädchen.

Aktuelle Zahlen und ein Termin

  • Die aktuelle Zahl

    der Flüchtlinge im Kreis Kelheim beläuft sich laut Landratsamt auf 1975 (inklusive unbegleitete Minderjährige).

  • Von den Minderjährigen

    werden im Berufsbildungswerk in Abensberg derzeit 43 betreut, im AWO-Heim für junge Flüchtlinge in Saal 16 und im Caritas-Jugendhaus Mainburg 22.

  • Von den Notunterkünften

    werde aktuell nur mehr die in Elsendorf benötigt, heißt es aus dem Landratsamt auf Nachfrage. Zuletzt waren dort sieben Menschen untergebracht. Die Notunterkunft in Mainburg sei nicht mehr in Betrieb. Auch die Turnhalle in Schwaig ist mittlerweile geräumt.

  • Die neue Gemeinschaftsunterkunft

    , die der Hafen-Zweckverband in Affecking errichtete, soll in der kommenden Woche am 16. Juni eröffnet werden. Drei Gebäude hat der Zweckverband an die Regierung von Niederbayern vermietet. (re)

„Das System darf nicht abreißen“

Mit Stolz blickt Neumann auf die Absolventen der beiden Abschlussklassen. Alle Schüler haben eine Aussicht auf Ausbildung oder Arbeit. Was nun fehle, sei eine Betreuung in der Berufsschule. „Wir können sie nicht abreißen lassen, doch die Pläne sind noch völlig unausgegoren.“ Wenn Deutschland die Integration schaffen wolle, brauche es enge Begleitung und Förderung. In der Regel-Berufsschule seien die jungen Leute verloren, ist sich Neumann sicher. „Wir können nicht die Welt retten, aber die 80 oder 100 Schüler, die wir haben.“

Ein anderes neues Projekt läuft im September an. Eine von fünf bayerischen „Eliteklassen“ wird in Kelheim starten. Sie soll gute Flüchtlinge in einem Jahr fit für die Fachoberschule machen.

Für alle Jugendlichen werde nie Platz sein. Aktuell wären sind es im Landkreis 527. Doch wer einen Platz ergattert, habe eine Chance in Deutschland und laufe weniger Gefahr, Beute von Demagogen zu werden, sagt Neumann.

Demnächst Partner von irgendwo?

Hinter den Kulissen kämpft er unter anderem auch gegen neue Modalitäten. Das Landesamt für Schulen wird künftig zentral die konkrete Betreuung durch Kooperationspartner ausschreiben. Neumann fürchtet, dass so jährlich neue Bildungsträger von sonstwo als „günstigste“ Bieter herauskommen. Dabei leisteten die lokalen Partner in der Vergangenheit sehr gute Arbeit und hätten inzwischen verlässliche Netzwerke zu Betrieben etc. geknüpft. Es gebe Landkreise, die arbeiteten weiter in Eigenregie. Kelheim gehöre nicht dazu.

Interview mit Johanna Anthofer vom Berufsbildungswerk in Abensberg.

Johanna Anthofer
Johanna Anthofer Foto: Hutzler/Archiv

„Unser Dilemma ist die Unsicherheit“

Im Berufsbildungswerk Abensberg ist Johanna Anthofer, die Frau bei der alle Fäden in Sachen unbegleitete minderjährige Flüchtlinge zusammenlaufen. Unsere Zeitung sprach mit ihr über ihre Erfahrungen.

Frau Anthofer, wie läuft ihre Arbeit?

Anthofer: Egal, ob wir von jungen Flüchtlingen reden, die mit oder ohne Familie hierhergekommen sind, wir stehen am Anfang unserer Arbeit. Aktuell sind wir dabei, unsere Konzepte an unsere Zielgruppen anzupassen. Die Jugendlichen und wir selbst: alle müssen ganz viel dazulernen.

Betreuen Sie Jugendliche beiderlei Geschlechts?

Nein, wir haben nur Jungs bei uns im BBW.

Was müssen beide Seiten konkret lernen?

Die Jugendlichen müssen sich mit dem deutschen Wertesystem vertraut machen, müssen die Strukturen kennenlernen, sich aber auch mit ihrer Fluchtgeschichte auseinandersetzen. Meine Kollegen und ich müssen ebenso lernen, mit dem kulturellen Hintergrund der Jugendlichen umzugehen.

Was hat sich 215 verändert?

Der politische Rahmen, mit dem unsere Arbeit untrennbar verbunden ist, hat sich verändert. Wir wissen nicht, wie sich die Flüchtlingspolitik in Deutschland verändern wird. Da gibt es viele Dinge, die man schwer planen kann. Im Sommer 2015 sind wir überrannt worden. Momentan ist es ruhiger. So dass wir nicht nur reagieren, sondern auch über unsere Arbeit und wie wir sie tun, nachdenken können. Unser Dilemma ist, dass wir keine Planungssicherheit haben, weil man nicht weiß, wann die nächste Welle kommt.

Wie viele neue Stellen wurden im BBW im vergangenen Jahr neu geschaffen?

Über 30, meist sind es Vollzeitstellen. Neben den Wohngruppen in Abensberg haben wir zwei neue Einrichtungen in Landshut und Neufahrn/Niederbayern. In Landshut haben wir aktuell 14 Jugendliche, in Neufahrn werden acht Kinder betreut. Sie gehen im Gegensatz zu den Abensbergern, die unsere hauseigene Berufsschule besuchen, in die Schulen vor Ort.

Ihre größten Herausforderungen?

Die Jugendlichen sind belastet. Je länger sie hier sind, umso mehr erfassen sie ihre Situation, denken über ihr Leben nach. Sorgen und Ängste werden massiver. Sie mit ihren Zukunftsängsten, ihrer Wut, Angst oder Trauer täglich aufzufangen, ist nicht so leicht. Wir versuchen dem Alltag Struktur zu geben. Vormittags mit Schule, nachmittags und in den Ferien mit Freizeitprogramm. Aber wer nicht weiß, ob die Mutter den aktuellen Bombenanschlag überlebt hat, hat verständlicherweise keine Lust auf Ausflüge oder ähnliches. (re)

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