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Zwei Frauen für 1104 Schicksale

Suaad Jumaa-Hijazi und Julia Seidel sind die Migrationsberaterinnen des BRK-Kelheim – bei ihnen stehen die Menschen Schlange.
von Benjamin Neumaier

Migrationsberatung gibt es auch im Landkreis Kelheim.
Migrationsberatung gibt es auch im Landkreis Kelheim. Foto: dpa-Archiv

Kelheim.Jeden Montag und Donnerstag in Abensberg sowie Montag und Mittwoch in Mainburg bilden sich vor den Büros von Julia Seidel und Suaad Jumaa-Hijazi lange Schlangen. Die beiden jungen Frauen sind nehmen sich viel Zeit, ernten aber dennoch hin und wieder enttäuschte Gesichter, weil sie nicht alle ihre Klienten während ihrer Sprechzeiten anhören können. Für Julia Seidel und Jumaa-Hijazi sind es aber nicht nur Klienten, sondern Menschen – die beiden sind Migrationsberater des BRK.

Alleine im Landkreis Kelheim haben sie aktuell 1104 Klienten, die als anerkannte Asylbewerber entweder in Unterkünften des Landratsamtes – dort sind es 842 sogenannte Fehlbeleger –oder privat wohnen (262 Personen). Die Migrationsberatungsstellen des BRK sind nicht neu, die in Mainburg gibt es bereits seit November 2007, die in Abensberg seit November 2008 beansprucht wurden sie noch nie in einem Ausmaß wie jetzt.

Auswirkungen sind nun zu spüren

Das weiß auch Landrat und Vorstandsvorsitzender des BRK-Kreisverbandes Dr. Hubert Faltermeier, der in die Veranstaltung am Montag, dem Welttagflüchtlingstag, einführte: „Gerade die große Fluchtbewegung 2015 hat uns gezeigt, dass es nicht irgendwo passiert, sondern auch bei uns. Die Auswirkungen sind nun zu spüren – zuerst waren und sind es die Probleme der Erstunterbringung, dann der Gemeinschaftsunterkünfte und nun geht es um die Integration – und das ist für die Beraterinnen tägliche harte Arbeit.“

Seidel ist seit Januar 2016 in der Dienststelle in Abensberg aktiv, kam direkt von der Uni Nürnberg, sie studierte soziale Arbeit, in die Beratung – aber nicht ohne Vorkenntnisse: „Ich habe während des Studium sin einer Beratungsstelle für Prostituierte in Nürnberg gearbeitet – da haben auch die meisten einen Migrationshintergrund“, sagt die gebürtige Essingerin. „Das war spannend, aber ich wollte wieder in den Landkreis Kelheim zurück, da hat sich die Stelle angeboten. Außerdem ist die Situation interessant und ein sehr weites Feld, da wir alle Lebensbereiche der Menschen abdecken.“

Dr. Peter Goldbrunner, Landrat Dr. Hubert Faltermeier, Suaad Jumaa-Hijazi, Julia Seidel, Inge Morath und BRK-Kreisgeschäftsführer Edgar Fischer (v. l.)
Dr. Peter Goldbrunner, Landrat Dr. Hubert Faltermeier, Suaad Jumaa-Hijazi, Julia Seidel, Inge Morath und BRK-Kreisgeschäftsführer Edgar Fischer (v. l.) Foto: Neumaier

Es geht um Wohnungssuche, Familiennachzug, Integrationskurse, Sprachkurse, Anerkennung von Berufsqualifikationen, Krankenversicherungen, Kindergeld, Elterngeld oder Sozialleistungen. Abteilungsleiterin Inge Morath fasst zusammen: „Es geht um die Verbesserung der Integrationschancen und Förderung von Chancengleichheit, Überwindung struktureller und ausgrenzender Faktoren sowie Förderung der Eigeninitiative und interkulturelle Öffnung. Und: unsere Arbeit ist kostenlos und unterliegt der Schweigepflicht.“

BRK-Kreisgeschäftsführer Edgar Fischer fügte an: „Viele Ehrenamtliche aus Helferkreisen lassen sich beraten, multiplizieren das Wissen. So schlecht ist die Versorgung im Landkreis deshalb nicht.“

Zielgruppen der Beratung sind alle Zuwanderer innerhalb der ersten drei Jahre nach der Einreise, alle Teilnehmer an Integrationskursen sowie Migranten, die schon länger in Deutschland leben, aber in einer schwierigen Situation stecken. Während aktuell nur anerkannte Asylbewerber die Migrationshilfe in Anspruch nehmen können, soll die Migrationsberatung gesetzlich weiteren Gruppen geöffnet werden. „Wir werden sehen, was sich tut – aber es gibt schon jetzt mehr als genug zu tun“, sagt Morath.

Julia Seidel nickt, ebenso Suaad Jumaa-Hijazi. Sie steckt sogar noch etwas tiefer in der Materie, als ihre Kollegin Seidel. „Meine Eltern sind aus Syrien, ich bin in Deutschland geboren. Dennoch habe ich, auch weil ich arabisch spreche, teilweise einen ganz anderen Zugang zu den Menschen, als Julia. Das ist einerseits toll, weil sich meine Klienten schneller öffnen, aber andererseits auch eine Belastung – weil viele schnell vertrauen zu mir fassen und auch ihre privaten Probleme bei mir abladen.“

Die Beraterinnen

  • Nördlicher Landkreis, Julia Seidel:

    Edelhardgasse 9, 93326 Abensberg; Tel. (0 94 43) 9 92 52 47; Fax (0 94 93) 99 26 39; Mail: seidel@kvkelheim.brk.de; Sprechzeiten: Montag 9 - 11 Uhr, Donnerstag 15 bis 17 Uhr sowie nach telefonischer Vereinbarung.

  • Südlicher Landkreis Suaad Jumaa-Hijazi:

    Freisinger Straße 20; 84048 Mainburg; Tel. (0 87 51) 86 78 20; Fax (0 87 51) 86 78 21; Mail: jumaa-hijazi@kvkelheim.brk.de; Sprechzeiten: Montag 9 - 11 Uhr, Mittwoch 13 bis 15 Uhr sowie nach telefonischer Vereinbarung.

Jumaa-Hijazi arbeitet seit Juni 2015 ind er Dienststelle Mainburg, studierte vorher soziale Arbeit und legte sich bereits früh im Studium auf den Schwerpunkt „Arbeit mit Flüchtlingen“ fest. „Ich bin ja auch privat betroffen, habe Familienangehörige in Syrien oder auch welche, die nach Deutschland geflohen und in allen Bundesländern verstreut sind.sind. Es ist mir ein persönliches Anliegen“, sagt sie.

Suchdienst: „Trace the face“

Während Jumaa-Hijazi die Aufenthaltsorte ihrer Verwandten nach der Flucht kennt, ist das nicht für alle selbstverständlich. Deshalb gibt es den Suchdienst „Trace the face“ des Deutschen Roten Kreuzes – darauf wiesen die Migrationsberaterinnen hin. Morath präzisierte: „Es gibt eine Suchaktion für Erwachsenen und für Kinder - für Kinder geschieht dies weit anonymer und in einem gesicherten Rahmen, als bei den Erwachsenen. Ziel ist, dass sich Familienangehörige oder Freunde wiederfinden.“

Auch bei Erwachsenen läuft die Suche relativ anonym ab: Ein Foto desjenigen der sucht wird damit verbunden, was er sucht. So ist auf den Plakaten unter den Fotos etwa „son“ „sister“ oder „wife“ zu lesen. „Es muss so anonym wie möglich sein, da die Menschen auf der Flucht sind, eventuell verfolgt werden“, sagt Morath. Über eine Nummer können die Helfer dann Kontakt zu den betreffenden Personen herstellen. 23 europäische Suchdienste haben sich dafür zusammengeschlossen, erste Erfolge gibt es schon.

Die haben auch Seidel und Jumaa-Hijazi zu verzeichnen: „Dadurch spricht sich unsere Arbeit noch schneller herum das ist auch gut so.“ Dadurch werden die Schlangen vor ihren Büros aber wohl noch länger werden.

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